Startseite
Ratgeber: Gen-Technik

Kompass E-Nummern
vom 13.08.2010

Ratgeber: Gen-Technik

Nicht deklariert

Saft, Brot, Käse und vieles mehr wird mithilfe gentechnisch veränderter Zutaten hergestellt. Doch davon erfahren Verbraucher auf dem Etikett meistens nichts.

111 | 1

Diesen Artikel aus unserem Archiv lesen Sie komplett kostenlos!

13.08.2010 | Unterscheiden muss man zwischen Zusatzstoffen, die direkt mit Gen-Technik in Berührung gekommen sind, und solchen, die nur indirekt damit zu tun haben. Eine direkte Verbindung besteht, wenn ein Zusatzstoff aus einem gentechnisch veränderten Rohstoff hergestellt wird. Lecithin (E 322) beispielsweise stammt aus gentechnisch veränderten Sojabohnen: Es wird aus der Sojamasse extrahiert und gereinigt und ist selbst meist frei von der manipulierten Erbsubstanz der Pflanze, der DNA.

Nur indirekt kommen hingegen Zusatzstoffe mit der Gen-Technik in Kontakt, wenn für ihre Herstellung gentechnisch manipulierte Mikroorganismen genutzt werden. Das ist beispielsweise bei der Herstellung des für die Käseerzeugung wichtigen Enzyms Chymosin der Fall, wo aus dem Magen von Kälbern ein Chymosin-Gen isoliert und auf genmanipulierte Mikroorganismen wie Bakterien, Schimmelpilze und Hefen übertragen wird. Diese werden dann in geschlossenen Systemen bebrütet, sodass sie Chymosin abgeben. Das so gewonnene Chymosin wird von dem Kultursubstrat abgetrennt und von möglichen Gen-Rückständen gereinigt.

Daneben gibt es zahlreiche Zusätze, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Wird Vitamin C aus der Stärke von gentechnisch verändertem Mais hergestellt, kann die Gewinnung sowohl als direkt (weil aus Gen-Mais) als auch indirekt angesehen werden, weil das Vitamin in mehreren Schritten synthetisiert wird, sodass das Endprodukt kaum noch etwas mit dem Gen-Rohstoff gemein hat.

Wichtig für die Zulassung

Diese Unterscheidung ist wichtig, wenn es darum geht, ob ein Zusatzstoff, Vitamin, Aromastoff oder Enzym von den Behörden zugelassen werden muss oder nicht. Eindeutig in den Bereich der EU-Verordnung für die Zulassung und Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebens- und Futtermitteln (EU VO 1829/2003/EG) fällt das aus Gen-Soja gewonnene Lecithin, da es direkt aus einer Gen-Pflanze isoliert wird. Nicht dazu gehören hingegen alle Zusatzstoffe, die nicht "aus", sondern "mithilfe" von gentechnisch veränderten Nähr- oder Rohstoffen hergestellt werden. Füttert man also Mikroorganismen mit Gen-Maisstärke, müssen die Zusatzstoffe, die daraus entstehen, nicht von den Behörden zugelassen und auch nicht auf dem Produkt deklariert werden. Diese Regelung entspricht der EU-Entscheidung, dass auch die Milch von Kühen, die Gen-Futter erhalten haben, keine besondere Zulassung benötigt.

Strittig ist derzeit noch, in welchen Bereich all die Zusatzstoffe fallen, die wie Chymosin von Gen-Organismen erzeugt werden, aber letztendlich frei davon sind. Derzeit gibt es dafür keine besondere Gen-Technik-spezifische Zulassung und Kennzeichnung.

Weil sich letztendlich also nicht nachvollziehen lässt, was in den Industrieküchen zusammengekocht wird, hat ein großes Rätselraten darüber begonnen, was, wo, wie und in welcher Form überhaupt schon gentechnisch erzeugt wird. So ist es gut möglich, dass Lecithin aus Gen-Soja bzw. damit verunreinigter konventioneller Soja gewonnen wird. Wird Gen-Soja verwendet, muss das Lecithin allerdings als "gentechnisch verändert" gekennzeichnet werden. Sicher ist auch, dass verschiedene Vitamine aus dem Gen-Labor stammen. Für die Erzeugung von Vitamin C, Vitamin B2 und Vitamin B12 sowie Biotin gibt es bereits ausgereifte Verfahren und Produktionsanlagen.

Gen-Soja am meisten verbreitet

Soja ist weltweit die am häufigsten angebaute Gen-Pflanze. Die Fläche, auf der die Hülsenfrucht kultiviert wird, ist in etwa doppelt so groß wie die von Gen-Mais, der am zweithäufigsten auf den Acker kommt. Unter dem Strich wurde im Jahr 2009 weltweit auf insgesamt 134 Millionen Hektar Boden gentechnisch verändertes Saatgut ausgebracht. Das ist etwa doppelt so viel wie noch fünf Jahre zuvor.

Immun gegen Pestizide

Pflanzen, denen eine Resistenz gegenüber Unkrautbekämpfungsmitteln "eingebaut" wurde, sind zurzeit die in der Landwirtschaft am weitesten verbreitete Anwendung der Gen-Technik. Gewächse, die - wie beispielsweise Mais - einen "Insektenkiller" enthalten, setzen sich dagegen nur langsam durch.

EU zögert noch

Während der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in Südamerika boomt und auch zwei afrikanische Länder, nämlich Burkina Faso und Ägypten, bereits mit dem Gen-Anbau begonnen haben, üben sich die Europäer diesbezüglich in Zurückhaltung. Nach Griechenland, Frankreich, Luxemburg, Ungarn und Österreich hat auch Deutschland nun ein Anbauverbot von gentechnisch verändertem Mais erlassen - es betrifft die Sorte MON 810 des amerikanischen Agrarkonzerns Monsanto.

Hier können Gen-Zusätze im Spiel sein

Emulgatoren

Welche Zusätze? Lecithin (E 322), Mono- und Diglyceride von Speisefettsäuren (E 471)

Inwiefern ist Gen-Technik im Spiel? Lecithin kann, wie auch E 471, aus Sojabohnen gewonnen sein. Da ein Großteil der weltweiten Sojaernte gentechnisch verändert ist, ist die Gewinnung dieser Zusätze aus Gen-Sojabohnen möglich.

Wo könnten sie drinstecken? Lecithin in Margarine, Mayonnaise, Salatsaucen, E 471 eignet sich zum Frischhalten von Brot- und Feinbackwaren, verestert mit Säuren auch für Speiseeis, Desserts und Backmischungen.

Vitamine

Welche Zusätze? Vitamin B2, B12, C, Biotin und eventuell Vitamin E

Inwiefern ist Gen-Technik im Spiel? Sie werden, je nach Substanz, mithilfe von gentechnisch veränderten Mikroorganismen oder aus Gen-Sojabohnen hergestellt.

Wo könnten sie drinstecken? Je nach Vitamin in Tütensuppen, Kinderwurst, Cornflakes, ACE-Säften, aber auch als Antioxidans in Säften (Vitamin C). Vitamin B2 dient zudem als Farbstoff.

Aromastoffe

Welche Zusätze? Vanillin, Butteraroma, Frucht-, Nuss- und Brataromen

Inwiefern ist Gen-Technik im Spiel? Aromen können direkt aus gentechnisch manipulierten Mikroorganismen gewonnen (z.B. Vanillin) erzeugt worden sein oder von konventionellen, aromabildenden Bakterien und Schimmelpilzen, die auf Nährböden mit Gen-Mais oder -Zucker wachsen. Gen-Enzyme spalten auch aus Hefe oder Käse direkt Aromen ab.

Wo könnten sie drinstecken? In sämtlichen aromatisierten Lebensmitteln, etwa Süßigkeiten, Fruchtjoghurts und -drinks.

Süßstoffe

Welche Zusätze? Aspartam (E 951), Thaumatin (E 957)

Inwiefern ist Gen-Technik im Spiel? Der Aspartambaustein L-Phenylalanin wird mithilfe von Gen-Mikroorganismen aus Eiweiß gewonnen. Das Thaumatin-Gen wurde in gentechnisch manipulierte Mikroorganismen eingebracht und kann von diesen erzeugt werden.

Wo könnten sie drinstecken? In Diätprodukten, Lightlebensmitteln, Lightsäften und -erfrischungsgetränken mit Süßstoff, als kalorienarme Streu-, Tabletten- und Flüssigsüße (Aspartam), in "zahnfreundlichen" Süßigkeiten.

Verdickungsmittel

Welche Zusätze? Cellulose (E 460), Xanthan (E 415)

Inwiefern ist Gen-Technik im Spiel? Cellulose wird aus gentechnisch veränderter Baumwolle gewonnen (muss dann aber gekennzeichnet sein), Xanthan mithilfe von Gen-Bakterien und Gen-Mais oder -Soja.

Wo könnten sie drinstecken? In Backwaren, Eis, Wurstwaren, Fertiggerichten, Salatdressings, Senf und Diätprodukten.

Geschmacksverstärker

Welche Zusätze? Glutamat (E 620-625), Glycin (E 640)

Inwiefern ist Gen-Technik im Spiel? Gentechnisch veränderte Mikroorganismen verwerten Aminosäuren und bilden daraus geschmacksverstärkende Stoffe.

Wo könnten sie drinstecken? Glutamat in Knabberartikeln Tütensuppen, Fertiggerichten, Instantbrühe, Tortellini, Wurst- und Fleischwaren. Glycin verstärkt unter anderem den Geschmack von Süßstoffen.

Enzyme

Welche Zusätze? Amylasen (E1100), Proteasen (E1101), Pectinasen, Invertase (E 1103), Lipasen

Inwiefern ist Gen-Technik im Spiel? Amylasen werden von gentechnisch veränderten Pilzen oder Bakterien produziert, ebenso Proteasen (Chymosin), Pectinasen können mit gentechnisch veränderten Bakterien hergestellt werden, Invertase aus Gen-Hefen, Lipasen aus genmanipulierten Schimmelpilzen.

Wo könnten sie drinstecken? Chymosin in Schnitt- und Hartkäse, Amylasen sind Hilfsmittel für die Herstellung von Backwaren, alkoholische Getränke, Fruchtsäfte. Pektinasen für Frucht- und Gemüsesäfte, Rotwein, Gemüsekonzentrate und Zitrusaroma. Invertase bzw. der damit gebildete Invertzucker dient als Zusatz zu Süßigkeiten, weil er nicht auskristallisiert. Lipasen machen Nudel- und Brotteige geschmeidig.

Farbstoffe

Welche Zusätze? Riboflavin und Riboflavin-5-Phosphat (E 101), die eine grünlich-gelbe Farbe zeigen.

Inwiefern ist Gen-Technik im Spiel? Die Farbstoffe werden gentechnisch aus Bacillus subtilis hergestellt.

Wo könnten sie drinstecken? Eingesetzt werden sie zur Gelbfärbung von Mayonnaise, Suppen, Speiseeis, Gurkenkonserven oder Puddingpulver.

Sonstige Zusätze

Welche Zusätze? Citronensäure (E 330), Beta-Cyclodextrin (E 459), L-Cystein (E 920), Cystin (E 921)

Inwiefern ist Gen-Technik im Spiel? E 330 wird mithilfe gentechnisch manipulierter Schimmelpilze auf Zuckerlösungen erzeugt, die aus Gen-Mais gewonnen sind. E 459 ist ein Abbauprodukt der Stärke, die meist mit gentechnisch veränderten Mikroben erzeugt wird. Cystein und Cystin werden mithilfe von gentechnisch veränderten Colibakterien hergestellt.

Wo könnten sie drinstecken? Zitronensäure ist Säure- und Antioxidationsmittel in Softgetränken, steckt aber auch in Fertiggerichten, Wurst und Desserts. E 459 dient als Füllstoff und Geschmacksstabilisator für Aromen. Cystein und Cystin sind in Backmitteln als "Antischnurrmittel" zur Herstellung von Brot und Brötchen üblich, außerdem in Fleisch- und Röstaromen für Fertigprodukte und vegetarische Gerichte.



Was ist von dem Logo "Ohne Gentechnik" zu halten?

Das Logo stellt zwar hohe Anforderungen, garantiert aber keine Freiheit von Gen-Technik und ist daher eine Mogelpackung. Grundlage ist das EG-Gentechnik-Durchführungsgesetz vom 1. April 2008. Danach dürfen Ohne-Gentechnik-Lebensmittel weder ein gentechnisch veränderter Organismus (GVO) sein - also etwa Gen-Mais aus der Dose - noch daraus hergestellt werden. Trotzdem können die Produkte an verschiedenen Stellen mit Gen-Technik in Berührung kommen.

Beispiel: Fleisch, Milch und Eier. Hier besagen die Vorschriften zwar, dass die Tiere kein gentechnisch verändertes Futter erhalten dürfen. Doch der Teufel steckt im Detail. Denn die Vorschriften beziehen sich nicht auf die gesamte Lebensspanne der Tiere, sondern nur auf eine bestimmte Zeit vor der Schlachtung oder bei Kühen vor Beginn der Laktationsphase. Schweine dürfen noch bis vier Monate vor der Schlachtung Gen-Futter erhalten. Bei Milchkühen reichen drei Monate Umstellungszeit aus, um eine Milch zu einer Milch Ohne Gentechnik zu machen. Bei Legehennen beträgt die Zeit, in der sie kein genhaltiges Futter erhalten dürfen, sechs Wochen. Auch werden in den als genfrei geltenden Futtermitteln zufällige, technisch unvermeidbare Beimischungen von Gen-Futter bis zu einem Schwellenwert von 0,9 Prozent akzeptiert. Zudem dürfen Futterzusätze wie Vitamine und Eiweiße aus gentechnischer Erzeugung stammen und Impfungen und Arzneimittel, die die Tiere benötigen, können mithilfe der Gen-Technik erzeugt worden sein.

Bei verarbeiteten Lebensmitteln Ohne Gentechnik sind Zutaten und Zusatzstoffe, Vitamine und Aminosäuren, Aromen und Enzyme aus gentechnischen Pflanzen prinzipiell tabu. Aber es gibt Ausnahmen: Sind Zusatz- und Hilfsstoffe nicht aus gentechnikfreier Herstellung verfügbar, dürfen gemäß EU-Öko-Verordnung für Bio-Produkte zugelassene verwendet werden. In pflanzlichen Lebensmitteln "ohne Gentechnik" werden zudem zufällige, technisch unvermeidbare GVO-Verunreinigungen bis zur Nachweisgrenze von 0,1 Prozent toleriert.

Besser wäre die umgekehrte Deklaration. Alles was Gen-Technik enthält oder mit ihrer Hilfe erzeugt wurde, müsste entsprechend gekennzeichnet werden. Dann erführen die Verbraucher, wie weit sich die Gen-Technik inzwischen ausgebreitet hat - obwohl die Mehrheit sie ablehnt.

Diesen Artikel Ratgeber: Gen-Technik vom 13.08.2010 erhalten Sie im kostenlosen Abruf als PDF-Datei.

Bitte beachten Sie: das Speichern und Betrachten von PDF-Dateien auf mobilen Geräten erfordert möglicherweise zuvor die Installation einer App oder die Änderung von Einstellungen.