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Nutri-Score: Vor- und Nachteile der neuen Lebensmittel-Kennzeichnung

Autor: Lino Wirag | Kategorie: Essen und Trinken | 16.04.2019

Nutri-Score: Vor- und Nachteile der neuen Lebensmittel-Kennzeichnung
(Foto: Bofrost)

Einige Lebensmittelkonzerne wollen manche ihrer Produkte künftig mit dem sogenannten Nutri-Score kennzeichnen. Er soll Auskunft darüber geben, wie gesund ein Lebensmittel ist. Profitieren Verbraucher davon?

Wie schon im letzten Jahr berichtet, wollen vier Lebensmittelkonzerne ihre Produkte zukünftig mit einer neuen Angabe kennzeichnen. Aus dieser soll in vereinfachter Form hervorgehen, wie gesund ein Lebensmittel ist – es ist der sogenannte Nutri-Score. Verbraucherschützer wie ÖKO-TEST fordern eine solche Lebensmittelkennzeichnung schon seit Langem.

[Update 17.4.19] Nutri-Score auf Iglo-Produkten verboten

Wie heute bekannt wurde, hat das das Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung erlassen, die Iglo vorerst verbietet, seine Produkte mit dem Nutri-Score zu kennzeichnen. Der Grund: Der Score sei keine reine Nährwertkennzeichnung, sondern eine Angabe im Sinne der EU-Health-Claims-Verordnung.

Hinter dem Verbots-Antrag steht offizielle der Schutzverband gegen Unwesen in der Wirtschaft e.V. Wer sich hinter dem Verein verbirgt und in wessen Interesse er agiert, ist weitgehend unklar. Iglo kündigte Berufung an.

Nutri-Score: freiwillige Lebensmittelampel

Eine neue Farbskala namens Nutri-Score soll jetzt erste Abhilfe schaffen. Die fünfstufige Nährwertkennzeichnung kann Konsumenten helfen, sich bewusster zu ernähren und damit Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Beschwerden vorzubeugen.

Leider ist die neue Farbampel eine freiwillige Leistung: Vorerst wollen nur die Unternehmen Danone, Iglo, Bofrost sowie die Großbäckerei Mestemacher ihre Waren mit dem Nutri-Score kennzeichnen.

Einige Verpackungen mit Nutri-Score sind schon seit Februar in den Supermarktregalen zu finden. Bofrost und Iglo zeigen den Score außerdem bereits auf ihren Websites und scheuen sich nicht, eigenen Produkten auch mal eine schlechte Bewertung zu verpassen.

Kriterien des neuen Nutri-Score

Der Nutri-Score bezieht sowohl negative Bestandteile wie Zucker oder Fett in die Bewertung mit ein als auch den Obst- oder Gemüseanteil von Lebensmitteln. Negativ schlagen ein zu hoher Energiegehalt, zu viel Zucker, gesättigte Fettsäuren und Salz zu Buche. Positiv werden Ballaststoff- und Eiweißgehalt sowie Obst, Gemüse und Nüsse vermerkt. Für die Inhaltsstoffe werden Punkte vergeben, die sich zu einer Gesamtzahl addieren.

Im Ergebnis wird der Nutri-Score dann in einem Buchstaben von A (dunkelgrün) bis E (rot) abgebildet, der anzeigen soll, wie "gesund" ein Produkt ist. Nutella erhielte so die schlechteste Bewertung, ein rotes E, ebenso wie die Milchschnitte oder eine Flasche Coca-Cola.

So könnte auch der Vergleich zwischen Lebensmitteln erleichtert werden – allerdings nur, wenn möglichst viele Hersteller an dem Verfahren teilnehmen. Zurzeit ist das noch nicht der Fall.

Auch bezieht sich der Nutri-Score nur auf jeweils 100 Gramm oder 100 Milliliter eines Produkts, nicht auf die gesamte Füllmenge. Das bedeutet, dass auch ein 50-Liter-Fass Bier einen positiven Nutri-Score aufweisen kann, sofern 100 Milliliter davon gesundheitlich unbedenklich sind.

Stellt der Nutri-Score einen Fortschritt dar?

Positiv fällt auf: Der Nutri-Score wurde von unabhängigen Ernährungswissenschaftlern entwickelt und nicht etwa von der Industrie selbst. In Frankreich wird die Kennzeichnung bereits seit zwei Jahren freiwillig verwendet und ist dort auf positive Resonanz gestoßen.

Negativ fällt auf: Der Nutri-Score ist stark vereinfacht. So werden Vitamine, Mineralstoffe oder ungesättigte Fettsäuren nicht berücksichtigt, auch zahlreiche Zusatzstoffe wie Geschmacksverstärker fließen nicht in die Berechnung ein. Für eine umfassende Bewertung, ob ein Lebensmittel zuträglich ist, reicht der Nutri-Score noch nicht aus.

Und: Der Nutri-Score ist eine freiwillige Leistung und taucht nur auf ausgewählten Produkten auf. So dürfte es schwierig werden, in den Supermarktregalen ein Produkt zu finden, das eine schlechte Bewertung aufweist. Eine abschreckende E-Note kommt bei den Herstellern, die das neue Label verwenden, bislang nicht vor – warum auch?

Immerhin: Danone hat als Ziel ausgegeben, den Nutri-Score bis Ende 2019 auf 90 Prozent aller Lebensmittel aufzudrucken, die der Konzern in Deutschland verkauft.

ÖKO-TEST fordert eine verbindliche Lebensmittelampel

Die einzige vernünftige Lösung, um Zuckerbomben und Fettfallen rechtzeitig zu entschärfen, stellt deshalb nach wie vor eine einfach zu verstehende Kennzeichnung dar, die für alle Hersteller verbindlich sein muss. Dies könnte auch der Nutri-Score selbst sein.

Das Ziel ist klar: Verbraucher müssen gesunde von weniger gesunden Lebensmitteln auf einen Blick unterscheiden können.

Zurzeit steht dem noch eine große Hürde im Weg. Wer eine Lebensmittelampel europaweit zur Pflicht machen will, muss zunächst das EU-Recht ändern: Dort ist bislang zu lesen, dass ein vereinfachtes Kennzeichnungssystem in den einzelnen Ländern nur auf freiwilliger Basis zulässig ist.

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