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Nutri-Score: Mehrheit der Verbraucher ist gegen Klöckners Alternativmodell

Autor: Lino Wirag | Kategorie: Essen und Trinken | 16.08.2019

Nutri-Score: Mehrheit der Verbraucher ist gegen Klöckners Alternativmodell
(Foto: Bofrost)

Einige Lebensmittelkonzerne wollen manche ihrer Produkte künftig mit dem sogenannten Nutri-Score kennzeichnen. Die Nährwertkennzeichnung soll Auskunft darüber geben, wie gesund ein Lebensmittel ist. Profitieren Verbraucher davon?

Wie schon im letzten Jahr berichtet, wollen vier Lebensmittelkonzerne ihre Produkte zukünftig mit einer neuen Angabe kennzeichnen. Aus dieser soll in vereinfachter Form hervorgehen, wie gesund ein Lebensmittel ist – es ist der sogenannte Nutri-Score.Verbraucherschützer wie ÖKO-TEST fordern eine solche Lebensmittelkennzeichnung schon seit Langem.

[16. August 2019] Mehrheit der Verbraucher ist gegen Klöckners Alternativmodell

Noch bis September 2019 läuft die Verbraucherforschung, die maßgeblich zur Entscheidung über ein neues Label zur Nährwertkennzeichnung beitragen soll. Eine repräsentative Umfrage des Forsa-Insituts hat bereits jetzt eine klare Tendenz der Verbraucher aufgezeigt. Auftraggeber ist unter anderem die Verbraucherorganisation Foodwatch.

Rund 1.000 Teilnehmer sollten zwei von den vier vorgeschlagenen Modellen direkt miteinander vergleichen: den von Bundesernährungsministerin Julia Klöckner in Auftrag gegebenen „Wegweiser Ernährung“ und den Nutri-Score. Die Lebensmittelampel konnte eine deutliche Mehrheit von 69 Prozent überzeugen – während Klöckners Kennzeichnung nur 25 Prozent der Befragten zufriedenstellte.

Nutri-Score liefere genau, was die Menschen erwarten

Gegenüber dem Nutri-Score bewertete ein Großteil der Verbraucher den "Wegweiser Ernährung" eher als "kompliziert" und "verwirrend". Vor allem Menschen mit starkem Übergewicht und mit geringem formalem Bildungsgrad hielten den Nutri-Score für hilfreicher, um gesunde Produkte auszuwählen – und damit diejenigen Bevölkerungsgruppen, die häufig von Fehlernährung betroffen sind.

"Die Umfrage zeigt klar, dass der Nutri-Score genau das liefert, was die Menschen erwarten – eine schnelle, verständliche Orientierung beim Einkauf. Die Politik muss diese wirksame Maßnahme für eine gesündere Ernährung endlich umsetzen", zitiert Foodwatch Hans Hauner, den Vorsitzenden der Deutschen Diabetes Stiftung.

[30. Juli 2019] Foodwatch verklagt Klöckner

Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat Klage gegen Bundesernährungsministerin Klöckner eingereicht. Foodwatch beschuldigt Klöckner, eine Studie zurückzuhalten, die der Nutri-Score-Ampel ein gutes Zeugnis ausstellt.

Die Ministerin habe laut Foodwatch bislang nur eine "offenbar überarbeitete" Fassung der Studie veröffentlicht, die den Nutri-Score eher zurückhaltend bewertet. Foodwatch beruft sich dazu auf interne E-Mails aus dem Ministerium und fordert die Herausgabe der Originalstudie.

Rechtliche Grundlage sei das Informationsfreiheitsgesetz, nach dem jeder Bürger einen Rechtsanspruch auf Zugang zu amtlichen Informationen von Bundesbehörden hat.

[22. Juli 2019] Klöckner lässt über Nutri-Score abstimmen

Julia Klöckner hatte lange versucht, den Nutri-Score zu verhindern. Eine positive Bewertung des einfachen Ampelsystems ließ die Bundesernährungsministerin nach Medienberichten zurückhalten. Foodwatch kritisierte dieses Vorgehen mehrmals scharf.

Nun sollen Verbraucher darüber entscheiden dürfen, welches Kennzeichnungssystem in Zukunft in Deutschland zum Einsatz kommt – auch der Nutri-Score steht zur Wahl. Das Bundesernährungsministerium hat vor Kurzem eine Befragung begonnen, um über das geplante Logo zu entscheiden. Von 1.600 Teilnehmer war die Rede.

Zur Wahl stehen diese vier Modelle:

  • Das Keyhole-Modell aus Skandinavien: Es signalisiert mit einem weißen Schlüsselloch auf grünem Grund eine positive Nährwertbewertung.
  • Das bundeseigene Max-Rubner-Forschungsinstitut hat ein Logo entwickelt, das Salz, Zucker und Fett pro 100 Gramm in separaten Waben anzeigt, die bei niedrigem Gehalt blaugrün gefärbt sind. Daneben zeigt eine große Wabe eine Gesamtbewertung. Das Modell heißt "Wegweiser Ernährung" (MRI-Modell).
  • Der Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft hat ein Label vorgeschlagen, das fünf Kreise zeigt, in denen Kalorien sowie der Gehalt an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz pro 100 Gramm stehen. Dabei soll pro Kreis angezeigt werden, viel Prozent der täglich empfohlenen Zufuhr mit 100 Gramm des jeweiligen Produkts abgedeckt werden. Eine farblich abgesetzte "Warnung" bei zu hohen Werten ist dabei nicht geplant.
  • Der Nutri-Score: Mehr Informationen dazu weiter unten.

Verbraucherschützer knüpfen Hoffnungen an die Befragung und dringen auf eine definitive Entscheidung im Herbst. Die Bundesernährungsminis­te­rin hatte erklärt, das Ergebnis der Befragung werde für sie "maßgeblich" sein. Sie werde dann einen Verordnungsent­wurf vorlegen, der das favorisierte Nährwertkennzeichen empfiehlt.

Egal, wofür sich die Befragten entscheiden, ein großer Nachteil bleibt: Die Lebensmittelampel wird vorerst nicht verpflichtend. Das wäre nur auf EU-Ebene machbar.

Der Großteil der Lebensmittelwirtschaft in Deutschland lehnt Nährwertkennzeichnungen bislang ab. Philipp Hengstenberg vom Lebensmittelverband Deutschland erklärte vor Kurzem sogar, er halte den Nutri-Score für juristisch angreifbar.

[9. Mai 2019] Iglo verlässt Lebensmittelverband

Tiefkühlhersteller Iglo hat den Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft BLL (Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, inzwischen: Lebensmittelverband Deutschland) verlassen. Dem Verband fehle eine strategische Ausrichtung für die Herausforderungen der Branche, außerdem vernachlässige er die Bedürfnisse von mittelständischen Mitgliedern, hieß es in einer Mitteilung von Iglo.

Der BLL hat ein eigenes System zur Lebensmittel-Kennzeichnung veröffentlicht und empfohlen.

Iglo dagegen favorisiert den Nutri-Score, dessen Verwendung dem Tiefkühlhersteller allerdings im April (siehe unten) untersagt worden war.

[17. April 2019] Nutri-Score auf Iglo-Produkten verboten

Wie heute bekannt wurde, hat das das Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung erlassen, die Iglo vorerst verbietet, seine Produkte mit dem Nutri-Score zu kennzeichnen. Der Grund: Der Score sei keine reine Nährwertkennzeichnung, sondern eine Angabe im Sinne der EU-Health-Claims-Verordnung.

Hinter dem Verbots-Antrag steht offiziell der "Schutzverband gegen Unwesen in der Wirtschaft". Wer sich hinter dem Verein verbirgt und in wessen Interesse er agiert, ist weitgehend unklar. Iglo kündigte Berufung an.

Nutri-Score: freiwillige Lebensmittelampel

Eine neue Farbskala namens Nutri-Score soll jetzt erste Abhilfe schaffen. Die fünfstufige Nährwertkennzeichnung kann Konsumenten helfen, sich bewusster zu ernähren und damit Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Beschwerden vorzubeugen.

Leider ist die neue Farbampel eine freiwillige Leistung: Vorerst wollen nur die Unternehmen Danone, Iglo, Bofrost sowie die Großbäckerei Mestemacher ihre Waren mit dem Nutri-Score kennzeichnen.

Einige Verpackungen mit Nutri-Score sind schon seit Februar in den Supermarktregalen zu finden. Bofrost und Iglo zeigen den Score außerdem bereits auf ihren Websites und scheuen sich nicht, eigenen Produkten auch mal eine schlechte Bewertung zu verpassen.

Kriterien des neuen Nutri-Score

Der Nutri-Score bezieht sowohl negative Bestandteile wie Zucker oder Fett in die Bewertung mit ein als auch den Obst- oder Gemüseanteil von Lebensmitteln. Negativ schlagen ein zu hoher Energiegehalt, zu viel Zucker, gesättigte Fettsäuren und Salz zu Buche. Positiv werden Ballaststoff- und Eiweißgehalt sowie Obst, Gemüse und Nüsse vermerkt. Für die Inhaltsstoffe werden Punkte vergeben, die sich zu einer Gesamtzahl addieren.

Im Ergebnis wird der Nutri-Score dann in einem Buchstaben von A (dunkelgrün) bis E (rot) abgebildet, der anzeigen soll, wie "gesund" ein Produkt ist. Nutella erhielte so die schlechteste Bewertung, ein rotes E, ebenso wie die Milchschnitte oder eine Flasche Coca-Cola.

So könnte auch der Vergleich zwischen Lebensmitteln erleichtert werden – allerdings nur, wenn möglichst viele Hersteller an dem Verfahren teilnehmen. Zurzeit ist das noch nicht der Fall.

Auch bezieht sich der Nutri-Score nur auf jeweils 100 Gramm oder 100 Milliliter eines Produkts, nicht auf die gesamte Füllmenge. Das bedeutet, dass auch ein 50-Liter-Fass Bier einen positiven Nutri-Score aufweisen kann, sofern 100 Milliliter davon gesundheitlich unbedenklich sind.

Stellt der Nutri-Score einen Fortschritt dar?

Positiv fällt auf: Der Nutri-Score wurde von unabhängigen Ernährungswissenschaftlern entwickelt und nicht etwa von der Industrie selbst. In Frankreich wird die Kennzeichnung bereits seit zwei Jahren freiwillig verwendet und ist dort auf positive Resonanz gestoßen.

Negativ fällt auf: Der Nutri-Score ist stark vereinfacht. So werden Vitamine, Mineralstoffe oder ungesättigte Fettsäuren nicht berücksichtigt, auch zahlreiche Zusatzstoffe wie Geschmacksverstärker fließen nicht in die Berechnung ein. Für eine umfassende Bewertung, ob ein Lebensmittel zuträglich ist, reicht der Nutri-Score noch nicht aus.

Und: Der Nutri-Score ist eine freiwillige Leistung und taucht nur auf ausgewählten Produkten auf. So dürfte es schwierig werden, in den Supermarktregalen ein Produkt zu finden, das eine schlechte Bewertung aufweist. Eine abschreckende E-Note kommt bei den Herstellern, die das neue Label verwenden, bislang nicht vor – warum auch?

Immerhin: Danone hat als Ziel ausgegeben, den Nutri-Score bis Ende 2019 auf 90 Prozent aller Lebensmittel aufzudrucken, die der Konzern in Deutschland verkauft.

ÖKO-TEST fordert eine verbindliche Lebensmittelampel

Die einzige vernünftige Lösung, um Zuckerbomben und Fettfallen rechtzeitig zu entschärfen, stellt deshalb nach wie vor eine einfach zu verstehende Kennzeichnung dar, die für alle Hersteller verbindlich sein muss. Dies könnte auch der Nutri-Score selbst sein.

Das Ziel ist klar: Verbraucher müssen gesunde von weniger gesunden Lebensmitteln auf einen Blick unterscheiden können.

Zurzeit steht dem noch eine große Hürde im Weg. Wer eine Lebensmittelampel europaweit zur Pflicht machen will, muss zunächst das EU-Recht ändern: Dort ist bislang zu lesen, dass ein vereinfachtes Kennzeichnungssystem in den einzelnen Ländern nur auf freiwilliger Basis zulässig ist.

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