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Ratgeber Bauen, Wohnen, Renovieren 13:2011
vom

Öko-Stromtarife

Grüne Inseln im grauen Stromsee

Wer Öko-Strom will, möchte nicht bei einem Unternehmen kaufen, das an anderer Stelle Strom aus Atomkraft und Kohle verhökert. Unser Test mit über 70 Tarifen zeigt, dass es nur wenige tiefgrüne Angebote gibt.

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06.05.2011 | Für Verbraucher ist es nicht gerade leicht, die wahre Quelle des angeblich grünen Stroms und die unternehmerischen Verstrickungen der Lieferanten zu erkennen. So vermarkten Energieversorger in Deutschland als Öko-Strom, was sie bei meist alten Wasserkraftwerken im Ausland einkaufen. Der ferne Stromproduzent schließt die bei ihm möglicherweise auftretende Lücke im Stromangebot durch Kohle oder sonstigen schwarzen Strom aus dem Ausland. Auch der Stromversorger Vattenfall verkauft zum Beispiel in Hamburg Strom aus Wasserkraftwerken seiner schwedischen Heimat als Öko-Strom, betreibt aber in Deutschland Atommeiler und baut auch neue Kohlekraftwerke.

Eine zweite gängige Praxis für die Spiegelfechterei mit Öko-Angeboten verlangt noch nicht einmal zwingend nach grenzüberschreitendem Stromverkehr. Die großen Stromkonzerne, die alle Arten von Energieerzeugung im Programm haben, können je nach Kundenwunsch ihre Tarife maßschneidern. Öko-Strom für die grünen Verbraucher, konventionellen für den großen Rest, dem egal ist, wie der Strom erzeugt wurde. Bei diesem Rest wird der Anteil des ohnehin im Mix vorhandenen grünen Stroms ein wenig geringer. Dabei wird der Öko-Strom häufig über Tochtergesellschaften oder andere Versorger verkauft, an denen die großen Stromkonzerne Beteiligungen halten.

"Der Begriff Öko-Strom ist rechtlich nicht definiert", warnt Peter Kafke, Energieexperte der Verbraucherzentrale. "Diese Grauzone nutzen viele Energieanbieter und schichten lediglich vorhandene Strommengen um." Oder sie erwerben sogenannte RECS-Zertifikate. Diese Zertifikate gelten als Herkunftsnachweis für erneuerbare Energien und stammen überwiegend von Wasserkraftwerken aus Skandinavien und den Alpenländern. Peter Kafke: "So lässt sich deutscher Kohle- oder Atomstrom ganz legal in Öko-Strom umetikettieren."

Dem Strom aus der Steckdose sieht man leider nicht an, woraus er gewonnen wird. Physikalisch ist ohnehin nichts zu machen. Der Strom für Haus und Fabrik kommt in jedem Fall aus dem nächstgelegenen Kraftwerk. So bestimmen es die kirchhoffschen Regeln, benannt nach dem deutschen Physiker Gustav Robert Kirchhoff. Der hat schon 1845 klar bewiesen, dass der Strom keinen Umweg fließt. "Wichtig ist nicht, woher mein Strom kommt - wichtig ist, dass mehr umweltfreundlicher Strom ins Netz kommt", sagt daher Dominik Seebach vom Freiburger Öko-Institut. "Oder noch wichtiger", ergänzt er, "dass weniger konventioneller Strom ins Netz kommt." Doch selbst diese Sicherheit ist nur schwer zu haben.

Auch die zahlreichen Gütesiegel und Zertifikate bieten keine endgültige Gewähr für sauberen Strom: "Kein Kunde kann heute sicher sein, dass er grünen Strom fördert, wenn er grünen Strom bezahlt", sagt Uwe Leprich, Professor an der Universität für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken. Verlässlich sind vor allem die Label Grüner Strom Gold und Ok-Power.

Was der wohlmeinende Verbraucher fördert, ist "insbesondere die separate Vermarktung der Umwelteigenschaft des Ohnehin-Grünstroms", weiß Leprich. Vor allem Wasserkraft aus norwegischen und österreichischen Quellen dient als beliebter Lieferant des grünen Feigenblatts. "In wissenschaftlich strengem Sinne wird ökologisch korrekter Strom in Anlagen erzeugt, die wegen der Öko-Stromnachfrage zusätzlich errichtet werden", so Leprich. Nur dadurch sei zu erreichen, dass aus der Nachfrage auch ein "ökologischer Zusatznutzen" resultiere.

Nun steigt unzweifelhaft der Anteil des grünen Stroms aus neuen Anlagen am gesamten deutschen Stromverbrauch. Der unverkennbare Siegeszug der erneuerbaren Energien hat jedoch nur indirekt etwas mit der steigenden Vorliebe der Verbraucher zu tun. Haupttreiber ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Es regelt, schlicht gesagt, die Höhe der den erneuerbaren Energien zugebilligten Subventionen. Wer immer Strom aus neuen, umweltfreundlichen Quellen ins Netz abgibt, erhält dafür mehr Geld je Kilowattstunde, als er selbst für seinen Strombedarf bezahlen muss.

Auch die Stromindustrie profitiert von den Bestimmungen des EEG. Neben dem klaren gesellschaftlichen Trend und der Förderung durch das EEG sind die erneuerbaren Energien in eine industrielle Phase eingetreten, die Investitionen im großen Stil lohnend erscheinen lassen.

Mit dem Engagement der großen Konzerne auf dem einstigen Nischenmarkt des Öko-Stroms wird das Gelände nicht übersichtlicher. Die unendlichen Verflechtungen und Beteiligungen der Stromanbieter untereinander machen es schwer, die guten von den weniger guten, die nur schlechten von den ganz bösen Stromtarifen zu trennen. Deshalb sollte man selbst bei den saubersten Anbietern abwägen, ob sie nicht doch aus einem nicht so ganz sauberen Konzernverbund stammen. Eine Erkenntnis aber hilft auf jeden Fall weiter. Der beste Öko-Strom ist der Strom, der gar nicht verbraucht wird.

Das Testergebnis

15 Tarife landen auf dem 1. Rang. Es sind allesamt reine Öko-Stromanbieter, die nicht zusätzlich konventionellen Strom im eigenen Angebot verkaufen.