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Öko-Stromtarife

Nur mit Brief und Siegel

Mit Öko-Stromtarifen wirbt heute fast jedes Stadtwerk. Doch wie grün der Strom wirklich ist, kann der Kunde kaum erkennen. Stecken etwa Atomunternehmen als Eigner dahinter, oder verkauft der Anbieter auch Normalstrom? Wir haben nachgehakt.

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05.09.2014 | Der Blick auf die Internetportale der Stromanbieter bleibt oft mehr im Nebel stecken, als er aufklärt. Da wird mit blumigen Öko-Siegeln geworben, oder rauschende Wasserfälle suggerieren einen unendlichen Fluss ökologischen Stroms. 1.089 Stromanbieter werben um die Gunst der Kunden, hat das Verbraucherportal Verivox nachgezählt, 37 mehr als vor einem Jahr. Selbst wenn man sich auf die bundesweit anbietenden Versorger beschränkt, waren es im Januar 2014 noch 93, das sind 21 Prozent mehr als im Vorjahr. Und mehr oder weniger alle bieten Öko-Stromtarife an.

Gut, dass Forschungseinrichtungen wie das Öko-Institut die Spreu vom Weizen trennen. Die Freiburger untersuchen kontinuierlich, welche Öko-Stromangebote wirklich einen Fortschritt für die Verbraucher und die Umwelt bieten (siehe "So haben wir getestet"). Stromtarife, die dort die Prüfung überstanden haben und in die EcoTopTen aufgenommen sind, können alle als "sehr gut" eingestuft werden. Aber stecken hinter den Anbietern nicht doch Unternehmen, die auch konventionellen Strom aus Quellen wie Atomenergie oder Kohle verkaufen? Eine Grundsatzfrage für die meisten Kunden, die zu Öko-Stromanbietern wechseln wollen.

Das zu überprüfen, ist eine Sisyphusarbeit. Denn die Vielfalt von Tarifen erschwert dem Interessenten die Suche nach dem passenden, ökologisch hochwertigen Produkt. Und die Auszeichnungen dafür tragen manche gelegentlich zu Unrecht. So wirbt die Firma Wemag, die Wemio-Ökostrom bundesweit vertreibt, auf ihrer Website mit dem ÖKO-TEST-Siegel von Heft Mai 2011 und der Note "sehr gut". Die Nordlichter verschweigen, dass es im September 2013 einen neueren Test gab. Warum? Vergessen zu aktualisieren? Oder vielleicht, weil die Note zwei Jahre später unter verschärften Bedingungen nur noch "befriedigend" war?

Auch die zweite Hürde für den Kunden, den richtigen Tarif zu finden, lässt sich am Beispiel Wemag dokumentieren. So hat der einfache Wemio-Ökostrom nur ein wenig strenges TÜV-Nord-Zertifikat und könnte in unserer Tabelle gar nicht aufgenommen werden. Erst durch das Anklicken der Zusatzoption "Ökoaktiv" mit einem Aufschlag von 2,38 Cent pro Kilowattstunde (kWh) und 1,78 Euro beim monatlichen Grundpreis für den Bau neuer Öko-Kraftwerke liefert Wemag den in den EcoTopTen aufgeführten Ökoaktivstrom. Immerhin ist das Angebot auf der Internetseite klar gegliedert. Bei anderen Anbietern muss man oft erst mühsam nach dem ausgezeichneten Tarif suchen, weil er in einer Vielzahl von anderen Angeboten versteckt ist.

Wie wichtig aktuelle Recherchen auf dem sich ständig wandelnden Markt sind, belegen drei Beispiele: Wer sich noch im Juli - aufgrund unseres letztjährigen Tests - für den hervorragenden Tarif Ökostrom für Alle! Premium entscheiden wollte, gab bald frustriert die Anmeldung auf. Die Berechnung des Angebots auf der Website verweigert sich; ans Kundentelefon geht meist niemand mehr. Bei einer weiteren Servicenummer gibt es die Auskunft, man nehme keine Neukunden mehr auf. Das Unternehmen selbst antwortet nicht auf E-Mails und ruft auch nicht zurück. Auch der Eigner - hier meldet sich eine namenlose Rechtsanwaltskanzlei - gibt sich sprachlos und möchte zu seiner Tochterfirma lieber nichts sagen, nicht mal seinen eigenen Namen will der Gesprächpartner nennen. Was ist da los? Insolvent gemeldet sei das Unternehmen nicht, so die Aufsichtsbehörde - die Bundesnetzagentur. Bei Stephan Günther von Energievision, die das Gütesiegel ok-power vergiben, meldet sich endlich ein Ökostrom-für-Alle-Verantwortlicher: Man ziehe sich vom Markt zurück. Schade. Oder besser so?

Beispiel zwei: Naturwatt-Kunden erhielten eine lapidare Meldung, dass die Firma Naturwatt in die Muttergesellschaft EWE Vertrieb integriert wird. "Die vertraglichen Vereinbarungen sind von den strukturellen Veränderungen nicht betroffen", so EWE an seine Kunden. Auf Rückfrage von ÖKO-TEST, ob es denn auch bei den entsprechenden Qualitätssiegeln für den Öko-Strom geblieben sei, schrieb uns das Unternehmen: "Das Neuanlagen (+neuere Bestandsanlagen)-Kriterium erfüllen wir mit Naturwatt-Strom seit 2013 nicht mehr." Bekommen die Bestandskunden denn wenigstens noch den sehr guten Öko-Strom? Das Angebot laufe nur noch regional, so der Anbieter. Unverständlich, dass das Unternehmen auf der Startseite des Onlineportals von Naturwatt immer noch mit dem ÖKO-TEST-Siegel von Mai 2011 und der Auszeichnung EcoTopTen wirbt.

Beispiel drei: In der Ausgabe 9/2013 schaffte es Eon mit seinem E-wie-Einfach-Stromprodukt Mein ÖkoTarif Strom in die Hitliste EcoTopTen des Öko-Institus, denn der Tarif selbst war ja sehr gut. Bei ÖKO-TEST bekam der Eon-Öko-Tarif immerhin noch ein "ausreichend", weil Eon nicht nur gleichzeitig konventionellen Strom verkauft, sondern auch noch bekannterweise Produzent von Atomstrom ist. Schön, dass der Atomkonzern sich damals wenigstens in seiner Öko-Nische viel Mühe gab, ein umweltfreundliches Produkt anzubieten. Heute sieht die Lage anders aus. Eon hat sich zurückgezogen. Katja Steger, Bereichsleitung Marketing von E wie Einfach, begründet das so: "Bei der Analyse der Abschlussentscheidungen unserer Zielgruppe haben wir festgestellt, dass die Zahl der eingesetzten Qualitäts- und Öko-Siegel für die Konsumenten weniger Relevanz zu haben scheint." Hä? War das vielleicht nicht einfach ein klares Votum der Kunden gegen Öko-Strom von einem Atomproduzenten? Wie soll da der Normalokunde durchsteigen? Für Dr. Dietlinde Quack, die beim Öko-Institut in Freiburg das vom Bundesumweltministerium geförderte Portal EcoTopTen betreut, sind diese ständigen Marktveränderungen Grund genug, die Hitliste zeitnah zu pflegen: "Weil sich die Gegebenheiten auf dem Markt ständig ändern, aktualisieren wir unsere EcoTopTen-Öko-Stromangebote in unserem Portal fortlaufend." In die Hitliste schaffen es nach dem Kriterienkatalog nur Stromanbieter, die hohe Qualität, angemessenen und bezahlbaren Preis sowie die Unterstützung eines umweltfreundlichen und kostensparenden Gebrauchs garantieren. Das gewährleisten das ok-power-Label und das Grüner Strom Label Gold mit ihren jeweiligen Kriterienkatalogen und den dazugehörenden Kontrollen. Über die Labels wird sichergestellt, dass die jeweils zertifizierten Stromprodukte die ökologischen Mindestkriterien für EcoTopTen-Stromprodukte einhalten und damit einen ökologischen Zusatznutzen über das Wirken der geltenden staatlichen Förderregelungen hinaus bieten. Deshalb sind fast alle Stromprodukte auf EcoTopTen mit den beiden Öko-Siegeln ausgezeichnet. Quack: "Auf unserer Liste finden Verbraucherinnen und Verbraucher darüber hinaus auch solche Angebote, die zwar mit keinem dieser Labels zertifiziert sind, deren ökologischen Mindestkriterien aber entsprechen."

Ein Sonderfall ist wie im vergangenen Jahr das Stromprodukt von Greenpeace Energy. Der Öko-Strom für Privatkunden, der zu 91,5 Prozent aus Wasser und 8,5 Prozent aus Wind gewonnen wird, kostet in unserem Beispielfall für einen Vierpersonenhaushalt mit einem Verbrauch von 4.940 Kilowattstunden 1.473 Euro. Dabei verlangen die Greenpeace-Kriterien beispielsweise regelmäßige Investitionen in neue Öko-Stromanlagen oder die zeitgleiche, also genau an den Bedarf angepasste Vollversorgung mit sauberem Strom und den Verzicht auf handelbare Zertifikate. So findet kein Greenwashing von Kohle und Atomstrom statt. Greenpeace-Vorstand Sönke Tangermann: "Wir lassen unser Angebot vom TÜV Nord und der Gutachtergesellschaft Omnicert überprüfen. Der aktuelle Qualitätsbericht bestätigt uns, dass wir die geforderten Vorgaben für den Strommix und die CO2-Emissionen vollständig einhalten." Super! Doch warum erscheint Greenpeace auch dieses Jahr nicht in der EcoTopTen-Liste? Vorstand Tangermann: "Im Rahmen der sich wandelnden Energielandschaft gibt es eine Debatte, was guten Öko-Strom künftig ausmacht. Daran beteiligen wir uns intensiv. Wenn es gelingt, die EcoTopTen-Kriterien neu zusammenzustellen, können wir uns vorstellen, dort wieder gelistet zu werden." Das ist im Endergebnis für den unbeleckten Verbraucher ein Scharmützel, das er kaum nachvollziehen kann.

Erste Verständigungssignale gibt Öko-Institut-Expertin Quack, siehe ihr Statement im Kasten "Die Expertin". Auch für die weitere Entwicklung des Marktes ist sie optimistisch: "Der freiwillige Öko-Strommarkt hat viele neue Akteure hervorgebracht, die sich um die Energiewende bemühen und sie voranbringen."

Na bitte, alles wird gut. Aber jetzt sollten sich auch endlich die Institute und Leitwölfe wie Greenpeace einigen, im Sinne des Öko-Stromkunden!

Bis dahin versucht ÖKO-TEST, die Anforderungen an einen Öko-Stromtarif etwas anzuziehen. Denn nicht nur das ökologisch korrekte Produkt ist entscheidend, sondern auch das Unternehmen, das dahintersteht.

Das Testergebnis

Nur 12 der 28 untersuchten Öko-Stromangebote schaffen das Gesamtergebnis "sehr gut", obwohl alle 28 beim Teilergebnis Tarif mit einem Topprodukt angetreten waren. Der Grund: Die zwölf Testsieger verkaufen ausschließlich Öko-Strom auf EcoTopTen-Niveau und sind auch nicht mit einem Anbieter von konventionellem Strom verbandelt.

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So haben wir getestet

Grundlage für den Test waren alle bundesweit verfügbaren Öko-Stromangebote, die EcoTopTen empfiehlt. Sie erfüllen folgende Kriterien:

Ökologie: Das Stromprodukt weist einen ökologischen Zusatznutzen auf, der über die staatliche Förderung durch das EEG hinausgeht. Das bedeutet beispielsweise, dass die Anbieter rund ein Drittel des verkauften Öko-Stroms aus Erneuerbare-Energien-Anlagen beziehen, die nicht älter als sechs Jahre sind. Alternativ können sie auch einen bestimmten Teil des Strompreises in den Ausbau von regenerativer Stromerzeugung investieren. Der Nachweis zur Einhaltung der ökologischen Mindestkriterien kann durch eine gültige Zertifizierung mit dem ok-Label oder dem Grüner Strom-Label in Gold erfolgen. Alternativ kann die Einhaltung der ökologischen Kriterien durch einen unabhängigen und fachkundigen Gutachter zertifiziert werden.

Ökonomie: Die jährlichen Gesamtkosten der Öko-Stromangebote dürfen maximal 20 Prozent teurer als der Durchschnittspreis für konventionelle Stromangebote sein.

Die Preisangaben basieren auf Herstellerangaben. Die Preise können teilweise, je nach Verbrauchsmenge und Postleitzahlengebiet, variieren. Bei den Preisangaben (brutto) handelt es sich um ein typisches Beispiel, hier 50667 Köln-Altstadt. Die Tarife gelten nur für den angeführten Öko-Tarif. Weiterhin bieten mittlerweile fast alle Anbieter Boni bei Vertragsabschluss an, die hier nicht mit eingerechnet wurden.

Die jährlichen Gesamtkosten wurden mit den je nach Verbrauchsmenge variierenden Tarifen der Anbieter berechnet. Zugrunde gelegt wurde ein Jahresverbrauch von 4.940 kWh/Jahr.

Konventionelles Stromangebot: Hier wurde erfasst, ob der Anbieter selbst neben zertifiziertem Strom noch mit konventionellen Produkten am Markt ist und/oder das bei einem Unternehmen im Firmenverbund der Fall ist. Zudem interessierte uns der Strommix dieser Angebote.

Unternehmensstruktur: Hier wurde untersucht, ob die Anbieter unabhängig sind oder im Eigentum anderer Unternehmen. Ebenso, ob Produzenten von Atomstrom zu den Unternehmen im Firmenverbund gehören.