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Interview: Welche gesundheitlichen Risiken Mikroplastik birgt

Der Autor der Titelgeschichte zur neuen Bewertung und den Hintergründen

Autor: Kai Thomas | Kategorie: Kosmetik und Mode | 07.11.2018

Interview: Welche gesundheitlichen Risiken Mikroplastik birgt
(Foto: Anja Wägele)

Plastik ist zu einem globalen Umweltproblem geworden. In Form von Mikroplastik ist es inzwischen auch in der Nahrungskette nachweisbar. Für die Titelgeschichte unserer aktuellen Ausgabe hat Dr. Jürgen Steinert, stellvertretender Chefredakteur, zu den gesundheitlichen Folgen recherchiert.

Mikroplastik: Was versteht man eigentlich genau darunter?

Jürgen Steinert: Im Allgemeinen werden unter Mikroplastik feste, wasserunlösliche Kunststoffteilchen, kleiner als fünf Millimeter, verstanden. Man unterscheidet zwischen primärem und sekundärem Mikroplastik. Sekundäres Mikroplastik entsteht durch Zersetzung oder Abrieb, etwa von Reifen oder Textilien. Zu primärem Mikroplastik zählen unter anderem Kunststoffgranulate und die in Kosmetikprodukten eingesetzten Partikel.

Und wie gelangen solche Partikel in die Nahrungskette?

Wenn Plastikabfälle nicht richtig entsorgt werden, landen sie in der Umwelt, in den Ozeanen. Von Wind und Wellen zerrieben entsteht Mikroplastik, welches von Schalentieren und Fischen aufgenommen wird. Mittlerweile sind die Partikel sogar weltweit in abgefülltem Trinkwasser nachweisbar. Forscher vermuten, dass es sich unter anderem aus Kunststoffverpackungen herauslöst. Selbst Leitungswasser ist nicht mehr frei von den Partikeln.

Was weiß man über die gesundheitlichen Risiken?

Leider noch wenig. Mikroplastikpartikel können im Körper aber theoretisch über Lunge, Darm oder Haut aufgenommen werden und Entzündungen auslösen. Forscher haben dies bereits in Kurzzeitversuchen an entsprechenden Zellen beobachtet. Die Ergebnisse sind durchaus auf den Menschen übertragbar. Langfristig könnten daraus chronische Erkrankungen wie Krebs entstehen. Passieren zerfallende Mikroplastikpartikel die Plazenta, können sie bei Föten und Kleinkindern schwere Gesundheitsschäden verursachen.

Muss man sich deshalb Sorgen machen?

Von einer akuten Gesundheitsgefährdung durch Mikroplastik zu sprechen, ist übertrieben. Wie Sand oder Samen von Beeren scheidet der Körper feste Partikel in der Regel wieder aus.

Welche Rolle spielt Mikroplastik in Kosmetikprodukten?

Am bekanntesten sind die in Peelings verwendeten Polyethylenkrümel. Sie sollen die oberste Hautschicht sanft abschmirgeln. Sie sind allerdings nicht das einzige Plastik in Kosmetik. Häufig stecken weitere synthetische Polymere in den Produkten. Diese zum Teil löslichen Kunststoffverbindungen gelangen beim Duschen, Baden oder Schwimmen ebenfalls über das Wasser in die Umwelt. Neben etwa 922 Tonnen fester Partikel landen bundesweit im Jahr allein aus Kosmetika rund 23.700 Tonnen solcher löslichen Kunststoffverbindungen im Abwasser. Was Kläranlagen nicht zurückhalten, schwimmt dann irgendwann im Meer. Allerdings macht der Anteil des Plastikmülls aus Schönheitsprodukten in Gewässern nur einen kleinen Teil des Gesamtproblems aus.

ÖKO-TEST bewertet Mikroplastik in Kosmetik jetzt deutlich strenger. Warum?

Es geht um vorbeugenden Verbraucherschutz. Denn zu den Langzeitfolgen von Mikroplastik in der Umwelt gibt es noch keine klaren Erkenntnisse. Und: Es geht schlicht auch ohne synthetische Polymere, egal ob fest oder flüssig. Wir gehen deshalb ab dieser Ausgabe erstmals im Test Haarkuren strenger vor. Die Löslichkeit, Abbaubarkeit oder Zustandsform des eingesetzten Plastiks spielt keine Rolle mehr. Ein „sehr gut“ kann es für Kosmetika mit synthetischen Polymeren nicht mehr geben.

Kosmetik ohne Mikroplastik: Haben Sie einen Tipp?

Mit zertifizierter Naturkosmetik sind Sie auf der sicheren Seite. Denn darin sind weder festes Mikroplastik noch nicht-feste Kunststoffverbindungen als Zutaten erlaubt.

Dr. Jürgen Steinert ist stellvertretender Chefredakteur des ÖKO-TEST-Magazins. Der promovierte Lebensmittelchemiker arbeitet seit 2002 für ÖKO-TEST.

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Erschienen am 25.10.2018