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Greenpeace warnt: 75 % aller Make-up-Produkte enthalten Kunststoffe

Autor: Lino Wirag | Kategorie: Kosmetik und Mode | 07.04.2021

Make-up-Test: Kosmetik enthält Plastik bzw. Kunststoffe in fester oder flüssiger Form (Symbolbild)
Foto: Shutterstock/Cinematic_stocks (Symbolbild)

ÖKO-TEST kritisiert den Einsatz von Mikroplastik in Kosmetika seit Langem. Eine Greenpeace-Studie hat nun über 650 Produkte von elf größeren Make-up-Marken unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Die meisten Kosmetik-Artikel enthalten Kunststoffe in verschiedensten Konsistenzen.

Kunststoffe sollen in Kosmetik und Make-up ganz verschiedene Funktionen erfüllen. Sie lassen das Haar kräftiger wirken, verleihen Glanz, peelen Körper und Gesicht oder füllen Fältchen auf – ein Effekt übrigens, der genau bis zur nächsten Gesichtswäsche vorhält.

Es existieren viele hundert Kunststoffarten, die Kosmetika in kleinen bis kleinsten Größen beigegeben werden. Laut einer aktuellen Greenpeace-Untersuchung stecken sie in drei von vier Pflegeprodukten und gelangen von dort auf Haut und Haare: Mikroplastik und seine zahlreichen Verwandten aus der Kunststoff-Familie.

Mikroplastik – ist Definitionssache

Nach einer gängigen Definition umfasst der Begriff Mikroplastik nur feste, wasserunlösliche Kunststoffpartikel, die fünf Millimeter oder kleiner sind. Mikroplastik kommt dann in Form von winzigen Kügelchen, Körnchen oder Mikrofasern daher, die oft nur Nanogröße erreichen. Für den Verbraucher ist Mikroplastik normalerweise unsichtbar, wenn es nicht gerade in Form von gröberen Schleifpartikelchen in einem Peeling steckt.

Besonders die Kosmetikbranche hat ein Interesse daran, nur festes Plastik als "Mikroplastik" zu bezeichnen. So kann sie Produkte "ohne Mikroplastik" verkaufen, in denen trotzdem Kunststoffverbindungen stecken – nur eben weichere. Denn neben festen Teilchen finden sich auch gelartige oder flüssige, oft wasserlösliche synthetische Polymere in vielen Kosmetika, beispielsweise Acrylate oder Silikone, die in vielen Shampoos und Gesichtscremes stecken.

Kosmetik im Make-up-Test: Alles voller Plastik, sagt Greenpeace.
Kosmetik im Make-up-Test: Alles voller Plastik, sagt Greenpeace. (Foto: Shutterstock/Diana Shilovskaya)

Mikroplastik, Silikone & Co. sind vor allem in konventionellen Kosmetika zu finden. In Produkten mit Naturkosmetik-Zertifikat hingegen ist das meiste Winzplastik untersagt – zumindest, solange es auf Erdöl basiert. Biobasierte Kunststoffe hingegen kommen, wenn auch selten, ebenfalls in einigen Artikeln von zertifizierten Naturkosmetik-Marken vor.

Kunststoffe sind überall: auch auf Haut und Haar

ÖKO-TEST kritisiert Kunststoffe und Kunststoffverbindungen in Kosmetik schon lange. Denn: Sie gelangen beim Waschen, Duschen oder Baden über den Abfluss in die Klärschlämme – und von dort wieder in die Umwelt. Wo sie erst mal bleiben, häufig sogar sehr lange. Denn die Kunststoffe sind, seien sie fest, gelartig, wachsartig oder flüssig, mehr oder weniger schwer abbaubar, manchmal so gut wie nie.

Weiterlesen: Wir haben unnötiges Plastik zuletzt unter anderem in Haarkuren, Gesichtspeelings und Körperpeelings sowie Waschmitteln gefunden. 

Über die Luft, das Wasser und den Nahrungskreislauf nimmt auch der Mensch die Kunststoffpartikel auf. Ob Mikroplastik & Co. bedenklich oder gar gefährlich sind, ist noch nicht ausreichend erforscht. Für uns steht fest: Kosmetikhersteller sollten auf Kunststoffe in ihren Produkten vorsorglich verzichten, um das Problem nicht noch zu vergrößern. Doch die Beauty-Industrie sieht das teilweise anders.

Greenpeace prüft über 650 Kosmetika

Darauf weist auch Greenpeace hin. Die Umweltschützer fordern, Plastik in jeder Konsistenz aus Kosmetik zu verbannen, und werfen der Industrie vor, sich nicht an vergangene Selbstverpflichtungen gehalten zu haben: Eine Behauptung, die wir im Hinblick auf unseren aktuellen Gesichtspeeling-Test nicht eins zu eins bestätigen können. Greenpeace kritisiert den verbreiteten Einsatz von Plastik in Kosmetik nun mit einer eigenen Untersuchung.

Lipgloss erzielt seinen Glanz häufig dadurch, dass es Kunststoffe enthält – auch in fester Form
Lipgloss erzielt seinen Glanz häufig dadurch, dass es Kunststoffe enthält – auch in fester Form (Foto: Shutterstock/Subbotina Ann)

Für ihre Studie hat die Organisation bei über 650 Make-up-Produkten – rund 220 davon Lippenstifte und Lipgloss – genauer auf die Inhaltsstoffliste (INCI-Liste) geschaut. Die Ergebnisse sind im aktuellen Report "Zum Abschminken: Plastik in Kosmetik" nachzulesen.

Zu den elf geprüften Kosmetik-Marken gehörten bekannte Namen wie Deborah, Essence, Kiko, Lancôme, Lush, Maybelline, L'Oréal und Sephora. Elf ausgewählte Produkte wurden außerdem ins Labor geschickt, um darin nach festem Mikroplastik zu suchen.

Greenpeace prüft Make-up: Die Ergebnisse

Insgesamt fanden sich Kunststoffe in 76 Prozent der Kosmetika. In 26 Prozent der Produkte handelte es sich laut Greenpeace um (festes) Mikroplastik, sonst um weiche, gelöste oder flüssige Kunststoffe. Dreist: Viele Produkte werben sogar explizit damit, "mikroplastikfrei" zu sein, obwohl sie lediglich auf feste, nicht aber auf weichere Kunststoffpartikel verzichten.

Die fünf Marken, deren Produkte am häufigsten Plastik enthielten, waren:

  • Maybelline (85 %)
  • Deborah (84 %)
  • Sephora (83 %)
  • Wycon (78 %)
  • Lancôme (77 %)

Ein auffälliger Befund der Greenpeace-Studie: Produkte wie Mascara oder Lippenstifte, die auf sensible Körperteile wie Augen- und Mundpartie aufgetragen werden, enthielten die höchsten Kunststoff-Konzentrationen. Bedenklich beispielsweise: 40 Prozent der geprüften Lippen-Make-ups enthielt festes Mikroplastik – damit steigt die Gefahr, dass Verbraucher über die Schminke Plastik aufnehmen und verschlucken.

Die Kategorien mit den meisten Kunststoff-Funden waren:

  • Augen-Make-up (90 % Inhaltsstoffe aus Plastik, 13 % festes Mikroplastik)
  • Lippenstifte oder Lipgloss (73 %, 40 %)
  • Make-up (71 %, 15 %)
  • Highlighter (66 %, 25 %)
  • Puder (51 %, 28 %)

Die Mikro-Kunststoffe, die sich in den ausgewerteten INCI-Listen am häufigsten fanden, waren laut Greenpeace:

  • Polyethylen (PE)
  • Polyvinylpyrrolidone (PVP)
  • Polybutene
  • Trimethylsiloxysilicate
  • Acrylates Copolymer
  • Nylon-12
  • Dimethicone (Silikon)

Von den aufgeführten Stoffen führten in der Vergangenheit unter anderem Polybutene und Acrylates Copolymer zu Abwertungen in unseren Kosmetik-Tests.

Tipp: Mascara im Test – giftiges Arsen und Mineralöl gefunden

Wie Sie Mikroplastik vermeiden können

  • Wenn Sie bei der Haarwäsche auf Kunststoffglanz verzichten möchten, empfehlen wir Ihnen Shampoos ohne Silikone, die wir ebenfalls für Sie getestet haben.
  • Da viele Hersteller es mit dem Begriff "Mikroplastik" nicht so genau nehmen (siehe oben), hilft oft nur ein Blick auf die Inhaltsstoffe (INCI-Liste). Wer eine App wie Codecheck auf dem Smartphone hat, kann direkt in der Drogerie oder im Supermarkt überprüfen, ob sich fragwürdige Substanzen in einem Kosmetikartikel befinden.
  • Produkte mit Naturkosmetik-Siegel sind frei von mineralölbasierten Kunststoffen. Achten Sie auf unbedingt auf glaubwürdige Zertifikate wie BDIH, Cosmos, Ecocert oder NaTrue. Die Bezeichnung "Naturkosmetik" auf einem Produkt allein reicht häufig nicht aus, da der Begriff nicht geschützt ist.
  • Peelings lassen sich ganz einfach selbst herstellen – garantiert plastikfrei. Lesen Sie dazu: Peeling selber machen mit Kaffee und Kokos sowie Gesichtspeeling selber machen: Zwei einfache Rezepte ohne Chemie
  • Der BUND-Einkaufsratgeber "Mikroplastik und andere Kunststoffe in Kosmetika" listet viele hundert aktuelle Kosmetikprodukte auf, die Kunststoffe in verschiedenen Formen enthalten (Stand: November 2020).

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