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Corona in Deutschland: Dürfen Kinder draußen spielen und Freunde treffen?

Autor: Meike Rix | Kategorie: Kinder und Familie | 18.03.2020

Corona in Deutschland: Dürfen Kinder draußen spielen und Freunde treffen?
Foto: Sorapop Udomsri/Shutterstock

Damit sich das Coronavirus in Deutschland nicht weiter so schnell verbreitet, sollen alle Bürger ihre sozialen Kontakte einschränken. Der Virologe Dr. med. Thomas Michler erklärt im Interview, worauf Familien mit Kindern jetzt achten müssen, und unter welchen Umständen sie noch an die frische Luft dürfen.

Die meisten Schüler und Kita-Kinder sind jetzt wegen Corona auf unbestimmte Zeit zu Hause. Das ist für die Familien herausfordernd, besonders extrem, wenn sie in kleinen Wohnungen wohnen und für Alleinerziehende, die arbeiten müssen.

Dr. med. Thomas Michler vom Institut für Virologie an der Technischen Universität/Helmholtz Zentrum München erklärt dazu: "Ich bin als Arzt in der Virologie tätig, habe auch selbst Kinder im Alter von drei Jahren und sechs Monaten, kann mich also gut in die Situation rein versetzen. Vielleicht kurz einleitend zur aktuellen Situation: Im Moment sehen wir einen exponentiellen Anstieg der Covid-19 Fallzahlen. Zudem kursieren noch relativ viele andere respiratorische Erreger wie die Grippe, welche zum einen zusätzliche Erkrankungen bedeuten, welche das Gesundheitssystem belasten, aber aufgrund der ähnlichen Symptomatik auch die Identifikation der Covid-19 Fällen erschwert.

Die Beispiele von China und Südkorea haben gezeigt, dass Verhaltensänderungen (Stichwort "social distancing") zu einem starken Rückgang der Covid-19 Fälle führen können. Zudem ist mit Einzug des Frühlings und Sommers zumindest mit einem Rückgang der anderen respiratorischen [die Atemwege betreffenden, Anm.d.Red.] Viren zu rechnen, sodass die Situation hoffentlich übersichtlicher werden wird, sprich: Es ist zu hoffen, dass man notwendige Einschränken wieder lockern kann in Zukunft. Nichtsdestotrotz sind die notwendigen Verhaltensänderungen jetzt sehr schnell, und so konsequent wie irgendwie möglich umzusetzen. Je früher wir das machen, um so mehr Schaden können wir abwenden."

ÖKO-TEST: Wenn zum Beispiel gesunde Einzelkinder wochenlang keine anderen Kinder treffen dürfen, kann das für alle Beteiligten schwierig sein: Halten Sie es für vertretbar, wenn Eltern sich zusammentun, um zwei oder drei Kinder aus einer Schulklasse abwechselnd zu betreuen, und wenn Kinder und Jugendliche sich privat besuchen?

Thomas Michler: "Sicherlich ist in diesem Szenario das Risiko gegenüber einer Betreuung im Kindergarten/Kita reduziert. Mir erscheint das verbleibende Risiko im Wesentlichen davon abhängig, wie viel Kontakt die beteiligten Familien zu weiteren Personen haben beziehungsweise wie verantwortungsbewusst sie mit möglichen Infektionen/Risikokontakten umgehen. Ich denke, in der jetzigen Situation sollte man wirklich versuchen, nur die eigenen Kinder zu Hause zu betreuen, auch wenn dies sehr anstrengend ist. Wie oben erwähnt, sollten wir alle jetzt schnell und konsequent unser Verhalten umstellen, damit sich die Situation so schnell wie möglich wieder entspannen kann.

Falls dies überhaupt nicht möglich ist, sollte unter den Familien offen über mögliche Risikokontakte beziehungsweise Symptome der einzelnen Familienmitglieder gesprochen werden und gegebenenfalls die Kinder (und alle weiteren Familienmitglieder) doch ohne Kontakte zu Hause bleiben. Zudem sollte der Kreis an Personen die miteinander Kontakt haben so klein wie möglich gehalten werden. Zum Beispiel nicht die Kinder welche zusammen spielen 'durchrotieren' lassen."

Corona-Krise: Weil ältere Menschen zur Risikogruppe gehören, sollen Großeltern ihre Enkelkinder nach offizieller Empfehlung nicht mehr betreuen.
Corona-Krise: Weil ältere Menschen zur Risikogruppe gehören, sollen Großeltern ihre Enkelkinder nach offizieller Empfehlung nicht mehr betreuen. (Foto: VGstockstudio/Shutterstock )

ÖKO-TEST: Großeltern sollen ja nach den offiziellen Empfehlung überhaupt nicht mehr die Kinder betreuen. Wie sieht es mit Besuchen aus? Mit Treffen im Freien?

Michler: "Die Gesellschaft hat sich dazu entschlossen, enorme Einschränken und Einbußen in Kauf zu nehmen, hauptsächlich um Risikogruppen wie ältere Mensch (Großeltern!) zu schützen. Es ist unbedingt wichtig, dass die Großeltern dies auch begreifen und auch selbst ihr Verhalten umstellen, und ich denke die Familie sollte, falls nötig, hier auf die Großeltern einwirken und sie unterstützen, ihre Gewohnheiten umzustellen. Viele Dinge, von denen die Großeltern es gewohnt sind sie "vor Ort" zu erledigen sind heute nicht mehr unbedingt notwendig (Einkäufe online, Rezepte vom Arzt an die Apotheke faxen lassen etc.). Andere Dinge (frische Waren einkaufen) können für sie erledigt werden.

Ich denke, dass man Großeltern in der jetzigen Situation von Besuchen abhalten sollte. Ich kann mir zumindest von meinen Kindern nicht vorstellen, dass ein direkter Kontakt bei einem Besuch zu verhindern wäre. Und selbst wenn, wäre es viel verstörender die Großeltern zu sehen, aber sich nicht auf den Schoß setzen zu dürfen, sich nicht zu berühren.

Ich denke es ist leichter, die Großeltern jetzt einfach mal ein paar Wochen nicht zu sehen, bzw. vielleicht nur über Dienste wie Skype oder Whatsapp. Natürlich gibt es bezüglich dem Risiko auch Unterschiede: Wenn die Familie zum Beispiel 14 Tage lang keine relevanten Expositionen hatte, weil die Eltern zu Hause arbeiten und die Kinder ohne Besuch zu Hause waren, dann ist das Risiko bei einem Besuch der Großeltern natürlich stark reduziert und, denke ich, auch vertretbar."

ÖKO-TEST: Wichtig für die praktische Gestaltung des Familienalltags mit Kindern ist die Frage: Muss man sich draußen in der Natur oder im Park weniger Gedanken machen? Sich weiterhin an der frischen Luft zu bewegen wäre wahrscheinlich auch von Vorteil fürs Immunsystem?

Michler: "Frische Luft ist gut und im Prinzip auch kein Problem. Allerdings macht es keinen Sinn, wenn jetzt die Kinder zusammen am Spielplatz spielen. Das Hauptrisiko stellt hierbei allerdings nicht die Übertragung durch Gegenstände dar, sondern eher der direkte Kontakt von Kind zu Kind. Wie wäre es mit einem Waldspaziergang (nur die eigene Familie) oder eine Fahrradtour wenn es das Wetter zulässt? Und wenn man in der Stadt wohnt und nicht mobil ist, könnte man sich einfach in eine ruhige Ecke im Park zurückziehen und nicht zum Spielplatz."

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