Bisphenol A: Tipps, wie man die Aufnahme im Alltag verringern kann

Magazin Juli 2023: Geschälte Tomaten | Autor: Heike Baier | Kategorie: Gesundheit und Medikamente | 15.09.2023

Bisphenol A kommt unter anderem in Konservendosen vor. Von dort gelangt sie auch in unser Essen.
Foto: Andrii Zastrozhnov/Shutterstock

Neuesten wissenschaftlichen Einschätzungen zufolge könnte die Massenchemikalie Bisphenol A bereits in sehr viel kleineren Mengen als bisher gedacht Einfluss auf die Gesundheit des Menschen haben. Das ist bedenklich, denn die Verbindung steckt in einer Vielzahl von Alltagsgegenständen. 

  • Bisphenol A ist eine Chemikalie, die unter anderem in Küchenschüsseln, Brotboxen und Mehrweg-Getränkeflaschen, aber auch in Beschichtungen von Konservendosen steckt.
  • Das Problem: Sie geht von dort in unser Essen und damit auch in unseren Körper über.
  • Mit einigen einfachen Maßnahmen lässt sich die Aufnahme von Bisphenol A verringern. 

Wohl kaum eine Chemikalie wurde in den vergangenen 30 Jahren so gut und mit so großem finanziellem Aufwand erforscht wie Bisphenol A (BPA). Die Industriechemikalie kann aus allen möglichen Quellen in unser Essen und damit in unseren Körper gelangen: Sie ist Ausgangsstoff für den harten Kunststoff Polycarbonat, aus dem manche Küchenschüsseln, Wasserkocher, Plastikgeschirr, Aufbewahrungsboxen für Lebensmittel oder Mehrweg-Getränkeflaschen bestehen.

Das Problem: Laut einem neuen Gutachten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) aus dem April 2023 könnte Bisphenol A bereits in sehr viel kleineren Mengen als bisher gedacht Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen haben.

In extrem viel kleineren Mengen, um genau zu sein: nämlich 20.000-fach niedriger als zuletzt angenommen. Um diesen Faktor reduzierte die EFSA im gleichen Gutachten den Tolerable Daily Intake (TDI), also jene Menge einer Chemikalie, die sie bei täglicher Aufnahme über ein Leben lang noch als tolerabel ansieht.

Bisphenol A steckt auch in Konservendosen

Zusätzlich zu den oben genannten Quellen kann Bisphenol A aber auch Bestandteil von Epoxidharzen sein, mit denen viele Konservendosen von innen beschichtet und gegen Korrosion geschützt werden. Diese Beschichtungen von Konserven gehören laut der EFSA neben den inzwischen reglementierten Thermopapieren für Kassenbons zu den Hauptquellen von BPA für die Bevölkerung.

Auch unser im Juli Magazin erschienener Test von geschälten Tomatenkonserven hat gezeigt: In allen 18 getesteten Tomatenkonserven aus Dosen fand das Labor BPA-Gehalte, die den neuen TDI der EFSA deutlich übersteigen. Der höchste Wert liegt 28-fach über der tolerierbaren Tagesdosis, wenn wir von einem 60 Kilogramm schweren Menschen ausgehen, der pro Woche etwa 350 Gramm Dosentomaten isst. Das ist keine riesige Menge und bezieht noch gar nicht ein, dass auf dem Speiseplan dieser Person womöglich noch weitere Dosenlebensmittel stehen oder sie aus anderen Quellen BPA aufnimmt. 

Zwar füllen viele europäische Hersteller ihre Lebensmittel inzwischen in Konservendosen, bei deren Innenlackierungen – zumindest bewusst – kein Bisphenol A (BPA) eingesetzt wurde. Dennoch lassen Messreihen des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamtes (CVUA) Stuttgart vermuten, dass Essen aus Dosen nach wie vor eine relevante Quelle für unsere BPA-Aufnahme ist.

Das Untersuchungsamt hat über die letzten acht Jahre in rund 500 Proben von Lebensmittelkonserven gemessen, wie viel Bisphenol A aus den Dosen in bestimmte Lebensmittel wanderte. Die Messungen zeigen einerseits, dass die BPA-Einträge in diesem Zeitraum deutlich gesunken sind. Auch die Zahl der nicht verkehrsfähigen, also über dem zulässigen Migrationsgrenzwert belasteten Wurst- und Fleischkonserven ging in diesem Zeitraum stark zurück: von 27 auf 3 Prozent.

Kokosmilch ist am stärksten mit Bisphenol A belastet

Doch auch im Jahr 2021 gaben noch immer 90 Prozent der geprüften Konserven mehr als 2,5 μg/kg (Mikrogramm/Kilogramm) BPA ins Füllgut ab – müssten also je nach Verzehrmenge deutlich über dem neuen TDI der EFSA landen. Und die CVUA-Daten zeigen auch, dass Tomaten dabei bei Weitem nicht zu den am höchsten belasteten Lebensmitteln gehören: Während die Behörde in Dosengemüse gerade mal einen Mittelwert von 1 μg/kg BPA gemessen hat, kam Kokosmilch auf eine durchschnittliche Belastung von 82 μg/kg. Kokosmilch ist demnach die problematischste Dosenware.

Aber warum ist BPA eigentlich schlecht für uns? Und warum hat sich die Bewertung der EFSA so stark geändert? Bisphenol A gehört zu den sogenannten endokrinen Disruptoren: Er kann unser Hormonsystem beeinflussen, indem er die Wirkung des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen nachahmt oder männliche Geschlechtshormone hemmt. Seit 2016 ist BPA offiziell als "vermutlich reproduktionstoxisch beim Menschen" eingestuft, stört also sowohl die Fortpflanzungsfähigkeit als auch die Entwicklung des ungeborenen Kindes im Mutterleib. 

In Kokosmilch-Konserven wurden die höchsten BPA-Werte gemessen.
In Kokosmilch-Konserven wurden die höchsten BPA-Werte gemessen. (Foto: Gagarova Olga/Shutterstock)

Bisphenol A: Darum steht der Stoff in der Kritik

Bisphenol A wird auch mit erhöhtem Brustkrebsrisiko, Übergewicht, neurologischen Schäden und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern in Zusammenhang gebracht. Die EFSA hat für ihre neueste Bewertung allein über 800 Studien geprüft, die seit 2013 erschienen sind. In ihrem Gutachten rückt nun eine Eigenschaft von Bisphenol A in den Fokus, die bisher wenig untersucht worden war: die Wirkung auf unser Immunsystem.

Die maßgebliche Studie wies nämlich nach, dass sich in der Milz von Mäusebabys, deren Mütter während der Trächtigkeit und dem Säugen mit Bisphenol A gefüttert worden waren, der Anteil bestimmter T­-Helferzellen erhöht hatte. "Diese Th17­ Zellen spielen eine Schlüsselrolle in unseren zellulären Immunmechanismen", erklärt Claude Lambré vom zuständigen EFSA­-Gremium.

"Ein solcher Anstieg könnte zur Entwicklung von allergischen Lungenentzündungen und Autoimmunkrankheiten führen." Und weil diese immunologischen Effekte eben schon bei extrem kleinen BPA-Mengen auftraten und ein TDI sich immer am sensibelsten Effekt eines Stoffes orientieren muss, kam es zur absturzartigen TDI-Korrektur. 

Und darum bilanziert die EFSA in ihrem Gutachten unter anderem auch, dass "die ernährungsbedingte Exposition gegenüber Bisphenol A für Verbraucher aller Altersgruppen ein gesundheitliches Problem darstellt." Heißt im Klartext: Wir alle nehmen ständig viel zu viel BPA auf.

Bisphenol A: So lässt sich die Aufnahme verringern

Aber kann man die Aufnahme von Bisphenol A überhaupt einschränken? Ganz klar, ja. Die unten aufgeführten Tipps geben dafür einen ersten Anhaltspunkt. 

1. Kochen Sie selbst und bevorzugen Sie frische Lebensmittel. Wenn schon Konserven, dann lieber auf solche in Gläsern ausweichen.

2. Meiden Sie besonders Lebensmittel aus Dosen, die sich in der Vergangenheit als besonders belastet erwiesen haben: Laut Messungen des CVUA Stuttgart kamen vor allem Kokosmilch, Fleisch, Wurst, Eintöpfe und Fertiggerichte auf Spitzenwerte.

3. Ob eine Trinkflasche, eine Plastikbox oder ein Wasserkocher aus dem potenziell Bisphenol-A-haltigen Kunststoff Polycarbonat hergestellt ist, lässt sich durch Verbraucherinnen und Verbraucher in der Regel schwer erkennen: Auf manchen Produkten ist die Prägung PC ein Hinweis, auch hinter dem Recyclingcode 7 kann sich unter anderem Polycarbonat verbergen. Wer auf Nummer sicher gehen will, kauft lieber Getränke in Glasflaschen oder Brotboxen aus anderen Materialien.

Gemüse aus dem Glas ist eine gute Alternative zu Gemüse aus Konservendosen.
Gemüse aus dem Glas ist eine gute Alternative zu Gemüse aus Konservendosen. (Foto: Sergey Ryzhov/Shutterstock)

4. Verwenden Sie für das Erwärmen von Speisen in der Mikrowelle inerte Materialien wie Glas oder Keramik. Denn gerade bei höheren Temperaturen können Bisphenole oder andere Bestandteile aus Plastik in Lebensmittel übergehen. Auch für die Aufbewahrung von Resten gilt: lieber in Behältern aus Glas, Keramik oder Edelstahl.

5. Plastikflaschen und andere Plastikgefäße mit Lebensmittelkontakt austauschen, wenn Sie zu deutliche Gebrauchsspuren aufweisen. Denn je älter und poröser die Plastikoberfläche eines Gefäßes, desto mehr Chemikalien können daraus potenziell entweichen. Auch Flaschen von Wassersprudlern bestehen häufig aus Polycarbonat und werden mit zunehmendem Alter zur Bisphenol-A-Quelle, warnt Marike Kolossa- Gehring vom Umweltbundesamt.

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6. Lassen Sie das Leitungswasser kurz laufen, bis es sich kalt anfühlt, bevor sie sich ihr Trinkglas füllen. Denn sollten ein Speicherbehälter oder alte Leitungen mit Epoxid harzen saniert worden sein, gehen die sehr viel stärker in warmes Wasser über, in kaltes dagegen kaum, wie das Umweltbundesamt gemessen hat.

7. Vor allem Schwangere, Kinder und Übergewichtige reagieren sehr empfindlich auf Bisphenol A und sollten diese Maßnahmen besonders beherzigen.

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