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Yoga

Yoga
vom 28.08.2015

Yoga

Yoga verbessert die körperliche Beweglichkeit und soll zu seelischer Ausgeglichenheit führen. Doch so manche Übung birgt ein nicht zu unterschätzendes Verletzungsrisiko.

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Und da waren sie wieder, diese Bilder: Menschen, die sich scheinbar mühelos strecken und biegen, als wären Knochen und Bänder aus Gummi. Vom Sonnengruß über den nach unten schauenden Hund bis zur Kobra – pünktlich zum Welt-Yoga-Tag, der in diesem Jahr zum ersten Mal stattfand, trafen sich in vielen Ländern Menschen auf öffentlichen Plätzen, um Yoga zu praktizieren. Sogar UN-Generalsekretär Ban Kimoon erschien auf dem New Yorker Times Square, wo er mit rund 17.000 anderen Yogaanhängern seine Matte ausrollte und mit einem Lächeln im Lotussitz verharrte. Yoga, so befand der 71-jährige Südkoreaner, sei für Menschen jeden Alters ein einfaches Mittel zur Stärkung des körperlichen und spirituellen Wohlbefindens.

Diesen Satz würden viele ohne Bedenken unterschreiben. Yoga gilt als gesund, als sanfter Sport. Zwar stoßen sich viele Yogalehrende an der Bezeichnung „Sport“ und verweisen darauf, dass die Körperübungen nur ein Weg sind, dem eigentlichen Ziel näher zu kommen, nämlich zur Ruhe und Zentriertheit des Geistes zu finden. Doch die große Mehrheit der Yogaschüler sucht nicht mehr in erster Linie die spirituelle Erleuchtung, sondern einen Weg, beweglich zu bleiben oder zu werden – und möglichst dabei noch abzuschalten und zu entspannen. Die Kurse sind gut besucht, egal ob an der Volkshochschule, im Fitnessstudio oder bei privaten Yogalehrern.

Wer es dann schafft, die Beine im Lotussitz zu verschränken, in den Pflug oder den Schulterstand zu kommen und den Kopfstand stabil zu halten, der gilt als fortgeschritten – beherrscht er oder sie doch die Asanas, wie die Körperübungen im Yoga genannt werden, die als die schwierigsten gelten. Dass diese und andere Positionen auch mit Risiken verbunden sind, wissen die wenigsten.

„Nicht jeder kann Bundesligafußballer, Zirkusakrobat oder Marathonläufer werden. Aber im Yoga wird häufig auf die eine oder andere Weise suggeriert, dass manche Haltungen von allen eingenommen werden müssten oder für alle gut sind“, sagt Dr. Günter Niessen in der Zeitschrift Yoga aktuell. Dabei bringe einfach nicht jeder die anatomischen Voraussetzungen mit, um beispielsweise in den Lotussitz zu kommen. „Die meisten versuchen es trotzdem, und bei einigen endet das mit einer Verletzung.“

Niessen weiß, wovon er redet, denn er praktiziert nicht nur regelmäßig selbst Yoga, sondern ist auch Orthopäde und Yogatherapeut. „Ich liebe Yoga und ich empfehle es vielen Patienten auch.“ Doch in seiner Berliner Praxis sieht er eben auch die andere Seite. Etwa 30 Prozent seiner Patienten sind Yogalehrer und -praktizierende, meist Frauen. Viele kommen mit Knieproblemen, häufig sind aber auch Beschwerden an der Hals- oder Lendenwirbelsäule sowie Verletzungen an der Schulter.

Bei den Yogalehrenden, so Niessen, bestehe oft das Problem, dass sie in ihren Kursen die Übungen vor- oder mitmachen. „Je nach Anzahl der Unterrichtsstunden übertreibt man die Sache dann schnell. Das Vormachen ohne aufgewärmt zu sein, dabei zu sprechen und womöglich noch die Kursteilnehmer anzuschauen, führt zu fehlender Achtsamkeit und Überbelastungen bestimmter Körperregionen.“ Auch die Ausbildung zum Yogalehrer sei eine risikoreichere Phase, da in dieser Zeit das Üben eine andere Intensität bekomme, die den Körper stark beanspruche.

Doch nicht nur Lehrer, auch Yogaschüler können sich verletzen. Den Grund vieler Probleme sieht der Arzt nicht in einzelnen Asanas, die der körperlichen Beweglichkeit mitunter viel abverlangen. Sondern eher in der inneren Haltung der Übenden, die die Sache oft mit zu viel Ehrgeiz und Perfektionismus angehen. „Wenn man die Asanas als Workout betreibt, hat das nichts mit Yoga zu tun.“ Die Körperübungen des Yoga dienten vor allem dem Ziel, in die Stille, Ruhe und Ausgeglichenheit des Geistes zu führen. Und dafür müsse niemand die Grenzen der eigenen Beweglichkeit suchen oder gar darüber hinaus gehen. „Dort liegt nicht die wahre Erkenntnis, sondern meist nur der Schmerz“, warnt Günter Niessen. Nicht selten seien auch die Lehrer schuld: „Ein ehrgeiziger Lehrer kann einen Schüler auch in Asanas treiben, die ihm nicht gut tun.“ Für den Lotussitz brauche man beispielsweise sehr bewegliche Hüften – ansonsten seien Knieprobleme vorprogrammiert. „Die Annahme ,Wenn man nur hart genug übt, klappt das eines Tages‘ stimmt so nicht.“

Auch Imogen Dalmann sieht die Yogalehrer in der Verantwortung. „Yoga hat ein positives Image. Die Leute in den Kursen vertrauen darauf und machen alles mit.“ Dabei gebe es nur wenige Übungen, bei denen man sich nichts holen könne. Ein guter Yogalehrer müsse deshalb darauf achten, die Schüler individuell anzuleiten und je nach körperlicher Gegebenheit die Asana leicht abzuändern. Die Allgemeinmedizinerin Dalmann gehört, zusammen mit ihrem Partner Martin Soder, in Deutschland zu den bislang wenigen Personen, die sich kritisch und fundiert mit dem Thema Verletzungen durch Yoga auseinandersetzen. Dabei sind auch Dalmann und Soder Anhänger der indischen Lehre. Sie haben vor vielen Jahren das Berliner Yoga-Zentrum gegründet, das auch Lehrer ausbildet, und arbeiten in ihrer Praxis als Yogatherapeuten. Die Kritik kommt also nicht von unwissenden Außenstehenden, sondern in diesem Fall von Medizinern, bei denen Yoga zum Alltag gehört.

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