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Wenn Eltern alt werden

Wenn Eltern alt werden
vom 26.10.2017

Wenn Eltern alt werden

Die Kinder sind groß, doch nun erfordert oft ein anderer Familienteil Zuwendung: Wenn die Eltern sich nicht mehr selbst versorgen können, geht es nicht nur um häusliche oder Heimbetreuung und die Kosten eines Pflegeplatzes – sondern auch um eine neue, oft nicht unproblematische Beziehung.

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Es hätte schön werden können. Ein Haus in der Oberlausitz, ein Garten voller Apfelbäume, Mutter und Tochter nicht mehr durch Hunderte Kilometer Fahrstrecke getrennt, sondern gemeinsam im Wohnort der Vorfahren. „Ich wollte mit meiner Mutter zusammen leben, statt dass sie in ihrer Wohnung oder im Pflegeheim versauert“, sagt Luna Christine Weineck. Ihre eigenen Kinder waren aus dem Haus; jetzt wollte sie neu durchstarten – gemäß der Devise, die die 52-Jährige ihrem Internetblog vorangestellt hat: „Halbzeit – da geht noch was.“

Zu Neujahr 2016 freilich ging nichts mehr. Zu Silvester war die Mutter mit einem schweren Infekt ins Krankenhaus gekommen. Die Situation verschlechterte sich; sie kam auf die Intensivstation. Dann erhielt Weineck den Anruf eines Arztes. Die gute Nachricht: Ihre Mutter sei erfolgreich aus der Narkose geholt worden. Die schlechte: „Sie ist maximal verwirrt.“

Das postoperative Delir ist eine häufige Komplikation, wenn alte Menschen künstlich beatmet werden müssen. Wird sie nicht entschlossen behandelt, besteht das Risiko einer dauerhaften Schädigung des Gehirns. Symptome, wie Weineck sie auch an ihrer Mutter feststellte, sind hyperaktive Unruhe und ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus, Beeinträchtigungen beim Orientierungs- und Denkvermögen, Misstrauen, Aggression. Ihre Mutter sei eigentlich eine intelligente Frau, sagt sie: „Aber in ihrem Kopf sieht es jetzt manchmal aus wie in Bildern von M. C. Escher“, ein niederländischer Künstler, der für irritierende Bilder bekannt ist. „Ein solcher Mensch ist nicht mehr in der Lage, seinen Alltag selbstständig zu bewältigen“, sagt Weineck. Im Klartext: Ihre Mutter ist ein Pflegefall. Es ist eine Situation, vor der sich viele Menschen fürchten – und auf die sie, wenn es so weit ist, in aller Regel nicht vorbereitet sind. Dabei sei zumindest sie „nicht völlig wie die Jungfrau zum Kinde gekommen“, sagt Weineck. Die Architektin und Projektentwicklerin hat das Internetportal „die-rampenleger.de“ gegründet, das Angebote zum Thema Barrierefreiheit bündelt. Im Fall ihrer Mutter waren freilich nicht fehlende Haltegriffe an einer Dusche oder Schwellen zur Stube das Problem, sondern ein irritierend unberechenbares Verhalten, Erinnerungslücken, Angstzustände. Es war eine Situation, für die es keinen Plan und kein Rezept gab.

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