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Umwelthormone

Umwelthormone
vom 30.06.2017

Umwelthormone

Hormonbedingte Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Verdächtigt werden Chemikalien, denen wir im Alltag praktisch nicht entkommen können. Substanzen, die von jedem Menschen tagtäglich in winzigen Mengen aufgenommen werden – über das Essen, die Atemluft oder den Hautkontakt. Was wissen wir wirklich über diese Stoffe, die unser Hormonsystem so empfindlich stören können?

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Aufgeschreckt wurde die Fachwelt durch eine Studie über die schwindende Fruchtbarkeit bei Männern. Ein Forscherteam um den dänischen Andrologen Niels Skakkebaek hatte die Daten von Samenspendern aus aller Welt durchforstet und die Entwicklung der Spermienzahlen analysiert. Das Ergebnis dieser 1992 veröffentlichten Untersuchung zeugte von einem dramatischen Rückgang der männlichen Zeugungsfähigkeit: Seit 1940 – also innerhalb von nur fünfzig Jahren – war die Spermienkonzentration im Ejakulat um etwa vierzig Prozent geschrumpft. Andere Untersuchungen bestätigten später diesen Trend. Skakkebaek und sein schottischer Kollege Richard Sharpe lieferten auch eine Hypothese für diesen zunächst rätselhaften Befund: Die abnehmende Spermiendichte werde möglicherweise durch Chemikalien verursacht, die eine dem Sexualhormon Östrogen vergleichbare Wirkung entfalten und bei männlichen Embryonen schon im Mutterleib zu einer Verweiblichung führen.

Vor über zwanzig Jahren war es noch ein Verdacht. Heute sind die Experten von einem Zusammenhang zwischen hormonell wirksamen Schadstoffen – auch Umwelthormone genannt – und der weltweiten Zunahme bestimmter Gesundheitsstörungen längst überzeugt. Sorgen bereitet ihnen nicht nur die schlechte Samenqualität bei Männern. Immer häufiger findet man auch bei neugeborenen Jungen Fehlbildungen an den Genitalien wie zum Beispiel Hodenhochstand oder Hypospadie, einer Entwicklungsstörung der Harnröhre. Auffällig ist außerdem die steigende Zahl hormonbedingter Krebserkrankungen, zu denen neben Hoden- und Prostatakrebs auch Schilddrüsenkrebs und die meisten Brustkrebsformen zählen. Ein direkter Zusammenhang zwischen Umwelthormonen und bösartigen Tumoren ist zwar noch nicht nachgewiesen. Aber man weiß: Je mehr natürliche Östrogene in einem Frauenleben das Brustgewebe erreichen, desto höher ist das Brustkrebsrisiko. Das gilt genauso für künstlich hergestellte Östrogene und höchstwahrscheinlich auch für hormonell wirksame Chemikalien. Vor diesem Hintergrund ist es zusätzlich problematisch, dass immer mehr Mädchen immer früher in die Pubertät kommen und schon in sehr jungen Jahren eine weibliche Brust entwickeln. Auch dieses Phänomen, so vermuten die Wissenschaftler, hat mit der massenhaften Verbreitung von Umwelthormonen zu tun.

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