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Traumforschung

Traumforschung
vom 25.08.2016

Traumforschung

Mit akribischen Forschungen in Schlaflabors kommen Wissenschaftler in jüngster Zeit der Entschlüsselung eines der großen Rätsel der Menschheit näher: Sie stoßen das Tor zu unseren Träumen auf.

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Die junge Frau steht an der Dachkante eines Hochhauses, sie taumelt, kann sich nicht halten, stürzte in die Tiefe. Sie hört noch ihr dumpfes Schreien aus weiter Ferne. Dann wacht sie auf. Sie braucht einige Minuten, um Abstand zum nächtlichen Drama ihres Unterbewusstseins zu gewinnen und zu begreifen, dass sie nicht einmal aus ihrem Bett gefallen ist. Fallträume wie diese gehören zu den häufigsten Motiven, wenn Menschen Albträume plagen.

Über das, was die Seele in diesen Momenten durchleidet, kann man lange diskutieren. In den meisten psychologischen Deutungen hat der Falltraum etwas mit Verlusten zu tun, Kontrollverlust etwa oder die Befürchtung, den Halt im Leben zu verlieren. So steht der Falltraum bei manchen Experten für die tiefe Angst, die mühsam aufgebaute Existenz zu verlieren oder von einem nahen Menschen, etwa dem Partner, fallen gelassen zu werden. Der Albtraum kann aber auch etwas mit der Angst zu tun haben, sich fallen zu lassen – oder durch ein unvorhergesehenes Ereignis „aus allen Wolken zu fallen“. Die medizinisch geprägte Interpretation klingt indes anders: Der Falltraum kann schlicht körperliche Entspannung bedeuten, aber auch einen Kreislaufabfall, sinkenden Blutdruck oder gar eine mangelnde Durchblutung des Hirns.

Das Beispiel steht stellvertretend für die heutige Traumdeutung insgesamt: Je nachdem, aus welcher Schule die Interpretation stammt – ob aus psychologischer, esoterischer oder neurowissenschaftlicher Perspektive – fallen die Erklärungsmuster unterschiedlich aus. Zwar lautet die sehr allgemeine wissenschaftliche Definition, Träume seien die psychische Aktivität während des Schlafes. Doch sind Träume nun verschlüsselte und verborgene Wünsche und eine „Spielwiese des Unbewussten“, wie Sigmund Freund in seiner psychoanalytischen Traumdeutung 1899/1900 postulierte? Oder sind sie nur ein sinnfreies Neuronengewitter von Nervensträngen und Gehirn, wie es zeitweise Neurowissenschaftler meinten? Spielen sie vielleicht sogar eine bedeutende Rolle in der Gedächtniskonsolidierung? Für Michael Schredl, den wissenschaftlichen Leiter der Schlafforschung am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, sind sie indes vor allem ein Spiegelbild unseres Alltags in der Wachwelt – nur aus einer anderen Perspektive betrachtet.

Dieses Dilemma der Traumforschung brachte Sachbuchautor Stefan Klein in seinem jüngsten Titel Träume so auf den Punkt: „Im 20. Jahrhundert redeten Forscher ständig aneinander vorbei. Sie führten erbitterte Kämpfe, bei denen sich zwei Lager gegenüberstanden. Scharlatan gehörte in den jahrzehntelangen Auseinandersetzungen noch zu den freundlicheren Worten.“ Aus Kleins Sicht bezeichnet das viel gedeutete Wort „Traum“ drei Phänomene: Das Träumen als meist bildhaftes Erleben im Schlaf, die körperlichen Vorgänge dabei und die morgendliche Erinnerung an jenen Traum. Die Schlussfolgerung des mehrfach ausgezeichneten Wissenschaftsautoren: „Nur wenn wir herausfinden, wie diese drei Phänomene zusammenhängen, werden wir die Träume wirklich verstehen.“

Weitgehend unstrittig ist bereits, dass wir jede Nacht träumen – selbst wenn wir uns am Morgen nicht daran erinnern und meinen, traumlos geruht zu haben. Doch das Gehirn und das Bewusstsein stehen nach heutigem Wissensstand nie still. Zentral sind beim Träumen die so enannten REM-Phasen, die etwa fünfmal in der Nacht mit dem eher traumlosen Tiefschlaf abwechseln. REM steht dabei für „Rapid Eye Movements“, also die Phase schneller Augenbewegungen unter den Lidern.

Die Erklärung geht auf den damals erst 30-jährigen amerikanischen Doktoranden Eugene Aserinsky zurück. Der junge Schlafforscher hatte Anfang der 1950er-Jahre in Chicago zahllose Nächte an Kinderbetten verbracht und den Kleinen beim Schlafen zugesehen. Er stellte fest, dass die Kinder im Schlaf begannen, die Augen schnell zu bewegen. Seinen Sohn schloss Aserinsky schließlich an einen Apparat zur Messung von Hirnströmen an. Er begann zudem, erwachsene Probanden im Schlaf zu wecken. Ergebnis: In der REM-Phase berichteten sie fast immer von Träumen, im Tiefschlaf ohne schnelle Augenbewegungen dagegen selten. Mit seinem Doktorvater Nathaniel Kleitman zeigte Aserinsky schließlich, dass die Schlafphasen mit schnellen Augenbewegungen auch einer höheren Hirnaktivität entsprachen und dies offenbar die Traumphasen waren.

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