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Gift für die Ohren

Lärm
vom 01.04.2012

Gift für die Ohren

Zwei von drei Deutschen leiden unter unerwünschtem Krach. Zudem ist er eine ernsthafte Gefahr für die Gesundheit. Der Kampf gegen Lärm jedoch erweist sich in einer mobilen und globalisierten Welt mehr als mühselig.

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Der Angriff auf die Ohren beginnt abends um halb elf. „Dann wird der Himmel aufgeschlossen“, erzählt Thomas Pohl. Der Mittvierziger wohnt in einer Siedlung im Norden von Leipzig: Viele Reihenhäuser, umgeben von weiten Feldern und einem See. Es könnte eine ländliche Idylle sein, läge nicht drei Kilometer weiter westlich der Flughafen Halle-Leipzig. Die Posttochter DHL betreibt dort ihr europäisches Frachtdrehkreuz. Hier werden Autoteile, Elektrogeräte und Pakete aus aller Welt umgeschlagen - Nacht für Nacht. Vor Mitternacht landen die gelben Paketflieger, vor dem Morgengrauen heben sie wieder ab. Über Pohls Haus donnern sie in 300 Meter Höhe hinweg.

Als sich Familie Pohl Ende der 90er-Jahre für den Umzug aufs Land entschied, lockte sie nicht zuletzt die Aussicht auf Stille: „Das lauteste, was wir hören würden, sollte das Pappellaub sein“, erinnert sich Pohl an damalige Versprechungen. Das Laub raschelt auch heute noch - tagsüber. Dann liegt der Flughafen weitgehend verwaist; nur selten landet einmal ein Passagierflugzeug. Allabendlich aber bricht ein infernalischer Lärm los; bis zu 60 Überflüge zählen die Anwohner. An Schlaf ist kaum zu denken, trotz eingebauter Schallschutzfenster. Manchmal flieht Pohl in den Keller, manchmal zu Verwandten. Dort, sagt er, „merke ich, dass das Leben nicht nur aus Lärm besteht“.

Pohls Fall mag extrem sein, eine Ausnahme ist er nicht. Lärm ist in der Bundesrepublik allgegenwärtig - und ein notorisches Ärgernis. 62 Prozent der Deutschen, so ergab eine vom Umweltbundesamt (UBA) durchgeführte Befragung im Frühjahr 2011, fühlen sich von Lärm wesentlich belästigt. Vor allem Verkehrsgeräusche sind ein verbreitetes Problem: Flugzeuge starten und landen tosend, Güterzüge kreischen, Lastwagen brettern durch Ortskerne, dicke Autos dröhnen durch Wohngebiete. Doch auch andere Geräuschquellen zerren an den Nerven: Presslufthämmer donnern, Laubbläser röhren, Handys klingeln. In jedem Geschäft plätschert Musik aus Lautsprechern, in der Bahn puckern Bässe aus Kopfhörern, in der Nachbarwohnung wird angestrengt Geige geübt. Und sucht der Lärmgeplagte in freier Natur Erholung für die gestressten Ohren, findet er sich womöglich unter einem Windrad. Stille? Pustekuchen. Stattdessen zischt es unablässig: Pfffft, pfffft, pffffft.

Dass Geräusche, wie sie vom Windrad oder durch dünne Wände aus einer Nachbarwohnung ans Ohr dringen, oft nicht wirklich laut sind, spielt dabei zunächst eine untergeordnete Rolle. Lärm, sagt der Wuppertaler Lärmforscher Detlef Krahé, ist „unerwünschter Schall mit einer störenden Wirkung auf den Menschen“. Entscheidend ist neben der Intensität auch, ob ein Geräusch vom Hörer als negativ wahrgenommen wird. Wissenschaftler sprechen von einem soziopsychologischen statt physikalischen Begriff. Den Schlaf kann schon der Kühlschrank stören, der mit 30 Dezibel summt.

Ab einer bestimmten Intensität freilich hat Lärm in jedem Fall schädigende Auswirkungen. Ein Silvesterknaller, der in Ohrennähe explodiert, kann zum Ertauben führen; wummernde Bässe bei einem Rockkonzert ziehen die Ohren in Mitleidenschaft, auch wenn der Hörer die Musik genießt. Rund 120 Dezibel werden in Konzertarenen und Diskotheken gemessen. Bereits ab 65 Dezibel, sagt Krahé, handelt es sich um eine „Belästigung, der man sich nicht mehr entziehen kann“. Vor polternden Lastwagen vor dem Wohnzimmer gibt es kein Entrinnen mehr: Am Rand von Hauptverkehrsstraßen werden leicht 80 Dezibel und mehr gemessen.

Die Empfindlichkeit, mit der wir auf Lärm reagieren, hat evolutionäre Gründe; sie hat unseren Vorfahren vor Zehntausenden Jahren das Leben gerettet. Sie schreckten empor, wenn das Ohr ungewohnte Geräusche vernahm, weil wildes Getier durchs Gebüsch raschelte. Die Ohren, sagt die Aalener Wissenschaftlerin Annette Limberger, sind „unser Tor zur Umwelt“ - und lassen sich, im Unterschied zu den Augen, auch nachts nicht schließen. „Das Ohr schläft nicht“, sagt der Mediziner Martin Kaltenbach. Sobald es ein nicht bekanntes Geräusch empfängt, versetzt es den Körper in Alarmbereitschaft: Adrenalin und Cortison werden ausgeschüttet, der Puls geht in die Höhe, der Blutdruck steigt.

Was bei unseren Vorfahren funktionierte, läuft auch heute noch zuverlässig ab - nur dass der Mechanismus oft nicht mehr Leben rettet, sondern das Leben zur Hölle macht. Thomas Pohl kann ein Lied davon singen. Er lebt am Leipziger Flughafen quasi im dauernden nächtlichen Alarmzustand. Beim ersten Turbinengeräusch, berichtet er, „werde ich mit Herzrasen munter“. Dann liegt er im Bett und wartet, bis der Wecker klingelt. In manchen Nächten schlafe er zwei Stunden, erzählt der Mann, der Schichten arbeitet und die Nachtruhe zur Erholung dringend bräuchte. Ohne Ohrstöpsel und Schlaftabletten allerdings ist für Pohl an Schlaf kam noch zu denken.

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