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Antibiotika

Antibiotika
vom 29.01.2016

Antibiotika

Seit 75 Jahren helfen Antibiotika gegen Infektionen. Doch Bakterien werden zunehmend resistent (im Bild der Krankenhauskeim MRSA). Sorgloser Medikamenteneinsatz bei Mensch und Tier trägt dazu bei. Schon droht ein Rückfall in die Zeit vor dem Penicillin.

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Der Tod in Venedig müsste heute nicht mehr sein. In der Novelle von Thomas Mann fällt der Schriftsteller Gustav Aschenbach einer Seuche zum Opfer. Verliebt in den jungen Polen Tadzio, kann er sich aus der Lagunenstadt nicht losreißen, obwohl dort die Cholera grassiert. Als Mann die Novelle 1911 veröffentlichte, war die von Bakterien übertragene Infektionskrankheit gefürchtet; bei Epidemien starben oft mehr als 60 Prozent der Infizierten. Heute geht die Cholera noch immer um; weltweit erkranken jährlich Zehntausende. Ein Todesurteil bedeutet die Diagnose aber nicht mehr: Die Sterblichkeit liegt bei rund zwei Prozent. Zu verdanken ist das nicht zuletzt dem Einsatz von Antibiotika.

Die Zäsur kam 30 Jahre nach Aschenbachs Tod. Vor 75 Jahren, im Januar 1941, wurde mit dem Penicillin erstmals ein Antibiotikum eingesetzt, um Soldaten vor dem Wundbrand zu retten. Das Lazarett wurde zum Schauplatz einer Zeitenwende. Bis vor einem Dreivierteljahrhundert starben Menschen in Europa am häufigsten an Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Diphtherie oder Cholera. Heute haben solche Erkrankungen ihren Schrecken weitgehend verloren – dank der Antibiotika.

Eigentlich handelt es sich bei Antibiotika zumeist um natürlich vorkommende Stoffe, mit denen Pilze und Bakterien ihre Feinde in Schach halten. Produziert werden sie von Mikroorganismen im Erdboden oder in Meeressedimenten, aber auch in Schwämmen, Insekten und tropischen Pflanzen. Mittlerweile lassen sich Antibiotika zudem synthetisch herstellen. Die Wirkstoffe hemmen das Wachstum bestimmter Bakterien, greifen ihre Erbsubstanz an, legen den Stoffwechsel lahm oder lösen Zellwände auf.

Der Erste, der auf diese Mechanismen aufmerksam wurde, war der Schotte Alexander Fleming, der im Ersten Weltkrieg als Arzt in einem Lazarett gearbeitet hatte und eine Waffe gegen Infektionen suchte. Im September 1928 bemerkte er die antibakterielle Wirkung einer Pilzart, die später als Penicillium notatum klassifiziert wurde. Faktisch war das Penicillin entdeckt. Fleming schrieb einen Aufsatz für eine Fachzeitschrift – zunächst freilich ohne nennenswertes Echo. Erst elf Jahre später stießen die Wissenschaftler Ernst Boris Chain und Howard Florey wieder auf die Entdeckung, die nach einem weiteren Fachartikel nunmehr weltweit für Furore sorgte. 1945 erhielten Fleming, Chain und Florey den Nobelpreis für Medizin; drei Jahre später war Penicillin auch als Tablette erhältlich. Rasch folgten weitere Wirkstoffe. Der Siegeszug der Antibiotika hatte begonnen. Dass schon bald erste Resistenzen auftraten, sorgte noch kaum für Beunruhigung.

75 Jahre später freilich ist Unruhe allenthalben zu spüren – unter Medizinern und zunehmend auch in der Politik. Der G-7-Gipfel der größten Industrienationen im Sommer 2015 im bayrischen Elmau befasste sich nicht nur mit Themen wie der Krise in der Ukraine, sondern auch damit, wie einer beängstigenden Entwicklung bei Antibiotika Einhalt geboten werden kann. Diese schlagen bei einer zunehmenden Zahl von Keimen nicht mehr an; gleichzeitig stagniert seit einigen Jahren die Entwicklung neuer Medikamente.

Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina warnte bereits 2013 vor der „Gefahr eines Rückfalls in eine präantibiotische Ära“. Die Folgen wären kaum auszumalen. Nicht nur der tödliche Ausgang einer banalen Infektion würde wieder viel häufiger. Antibiotika sind auch für Transplantationen und das Einsetzen von künstlichen Gelenken ebenso unabdingbar wie für Chemotherapien oder die Versorgung Frühgeborener. Antibiotika sind eine unersetzliche Waffe – die indes nicht erst stumpf zu werden drohe, sondern es schon geworden sei, sagt Reinhard Burger, Präsident des Robert-Koch-Instituts: „Wir verlieren etwas, was für viele als selbstverständlich galt.“

Die Folgen sind bereits jetzt zu beobachten. Weltweit sterben Schätzungen zufolge bereits 700.000 Menschen im Jahr wegen teils mehrfach resistenter Keime; für Europa geht man von 25.000 Toten aus, für Deutschland von 7.500 bis 15.000. Auch wo die Heilung gelingt, verschlingt die langwierige Behandlung von Infektionen durch resistente Keime horrende Summen. Für Europa rechnet man mit 2,5 Millionen zusätzlichen Krankenhaustagen; geschätzte Kosten: 1,5 Milliarden Euro. Das Weltwirtschaftsforum sieht darin eines der größten Risiken für die Ökonomie, und die Gesundheitsminister der G-7-Staaten konstatieren eine „zunehmende Bedrohung für die Gesundheit weltweit“.

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