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42 Präparate mit Calcium und Vitamin D3 im Test

ÖKO-TEST September 2017
vom 31.08.2017

Calcium + Vitamin-D3-Präparate

Angeknackst

Kombipräparate mit Calcium und Vitamin D sollen gegen Knochenschwund helfen und Brüchen vorbeugen. Die Arzneien sind "gut" und "sehr gut". Die Nahrungsergänzungen nutzen Gesunden nichts und sind häufig zu hoch dosiert.

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31.08.2017 | Manchmal braucht es nur einen Stadtbummel, um zu begreifen, dass man alt wird. "Vor drei Jahren bin ich in Frankfurt mit dem Fuß ganz leicht an den Bordstein gestoßen, hingefallen und nicht mehr aufgestanden", erzählt Christiane, die ihren vollen Namen nicht gedruckt sehen will. Die 66-jährige Sozialpädagogin erlitt einen Oberschenkelhalsbruch, der ihr Leben auf den Kopf stellte: Krankenhaus, quälende Wochen im Bett, Arbeitspause. Diagnose: morsche Knochen. Fachlich gesprochen: Osteoporose. Das hätten Ärzte eigentlich schon viel früher aufgrund ihrer Rückenschmerzen festgestellt. "Aber bis zu dem Sturz wollte ich es nicht wahrhaben."

Unter morschen Knochen leiden bundesweit etwa 6,3 Millionen Menschen. Betroffen sind vor allem Frauen ab 50 Jahren. Bundesweit trifft es jede vierte Frau. Männer leiden unter Osteoporose laut einer Analyse von Krankenkassendaten deutlich seltener. Die Krankheit beschleunigt den Knochenabbau, der auch bei Gesunden mit zunehmendem Alter fortschreitet. Die Folge: Erhöhtes Sturzrisiko und vermehrt Knochenbrüche - bereits durch kleinste äußere Anlässe. Davon kann Christiane ein Lied singen: "Ich habe nur Bücher ins Regal geräumt, dann hat es wieder knacks gemacht." Seit ihrem zweiten Bruch am Handgelenk ein Jahr später sind auch Fahrradfahren und Gartenarbeit tabu. Zu riskant, sagt ihr Orthopäde.

Zu Brüchen muss es nicht kommen. Bei Verdacht auf Osteoporose messen Ärzte heute zunächst die Knochendichte. In Kombination mit Faktoren wie etwa Alter, Geschlecht, bisherigen Erkrankungen und Medikamentenkonsum, berechnen sie dann das Erkrankungsrisiko: "Eine untergewichtige Frau mit schlechter Knochendichte, Raucherin, 65 Jahre alt, besitzt eine zigfach höhere Wahrscheinlichkeit einen Bruch zu erleiden als ein 50-jähriger Nichtraucher", erklärt Professor Andreas Kurth, Chefarzt der Orthopädie und Unfallchirurgie der Asklepios Klinik Birkenwerder bei Berlin.

Betroffene können vorbeugen. Ab einem Risiko von mehr als 30 Prozent therapieren Ärzte mit rezeptpflichtigen Medikamenten. Christiane bekommt mittlerweile alle sechs Monate Spritzen, die den Knochenschwund zumindest bremsen. Sie spielt zudem Golf und trainiert im Fitnessstudio. Regelmäßig für wenig riskante Bewegung sorgen - dazu rät auch Professor Kurth: "Joggen oder Aquagymnastik bringen für den Knochenschutz aber nichts." Einen Effekt, um das Skelett zu entlasten, habe nur Muskeltraining.

Zentral für die Vorsorge ist zudem die ausreichende Zufuhr von Calcium und Vitamin D. Der Körper braucht Calcium, um die Knochen stabil zu halten und Vitamin D, um das Calcium über den Darm aufzunehmen und in die Knochen einzubauen. Mangelt es an Calcium, erweicht der Knochen. Der Dachverband Osteologie (DVO) empfahl Patienten daher bis vor einigen Jahren grundsätzlich noch die Einnahme beider Stoffe. Die Studienlage galt als sehr gut. Entsprechend gut bewertete ÖKO-TEST Arzneimittel, die Calcium und Vitamin D kombinierten. Seit 2014 gibt es allerdings Zweifel an dieser Basistherapie

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben 42 Kombinationspräparate mit Calcium und Vitamin D eingekauft, vorzugsweise Brausetabletten. Es finden sich aber auch Trinkgranulat und Tabletten im Test.

Wirksamkeitsbelege und Nutzen
Wie empfehlenswert sind die Arzneimittel bei Osteoporose und Mangelerscheinungen? Wie steht es um Risiken und Nebenwirkungen? Dies hat Professor Manfred Schubert-Zsilavecz von der Uni Frankfurt für uns beantwortet. Für die Nahrungsergänzungsmittel ist zentral, ob sie einen Nutzen für den gesunden Verbraucher haben. Ihre Vitamin- und Mineralstoffdosierungen glichen wir mit den Höchstmengenempfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung ab.

Inhaltsstoffe und Deklaration
Stecken in den Mitteln problematische Stoffe? Wir haben die Deklarationen geprüft und auf Farb- und Konservierungsstoffe und unnötige Zusätze von Aromen und Süßstoffen geachtet.

Die Weiteren Mängel
Ein Labor untersuchte die Tablettenröhrchen, Granulatbeutel und Blister auf umweltschädliche PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen.

Die Bewertung
Die Arzneien sind für die ausgelobten Anwendungen nicht mehr uneingeschränkt zu empfehlen. An den Nahrungsergänzungen beklagen wir den fehlenden Nutzen sowie vor allem Überdosierungen von Calcium. Weitere Minuspunkte gab's für künstliche Süßstoffe und Aromen.

So haben wir getestet

Fragwürdige Werbeslogans: Auf Nahrungsergänzungen werben Anbieter oft mit Belanglosem, das einen besonderen Nutzen suggeriert.

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Video zum Thema

Video

ÖKO-TEST-Magazin 9/2017:

Calcium + Vitamin-D3-Präparate

Angeknackst.

Kombipräparate mit Calcium und Vitamin D sollen gegen Knochenschwund helfen und Brüchen vorbeugen. Aber helfen sie auch wirklich? Wie werden diese Mittel im Rahmen der aktuellen wissenschaftlichen Debatte bewertet? ÖKO-TEST hat 18 Arzneimittel und 24 Nahrungsergänzungsmittel im Labor auf die Inhaltsstoffe untersuchen lassen und nach Wirksamkeitsbelegen gesucht.