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40 Prostatamittel im Test

ÖKO-TEST März 2010
vom 26.02.2010

Prostatamittel

Wat mutt, dat mutt

Ständiger Harndrang, auch nachts häufig auf die Toilette müssen, und trotzdem das Gefühl zu haben, die Blase wird nicht richtig leer: Die Symptome einer gutartigen Vergrößerung der Prostata kennen viele ältere Männer. Eine ganze Reihe rezeptfreier pflanzlicher Arzneimittel können diese Symptome lindern.

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26.02.2010 | Prostata!" schallt es in geselliger Runde gerne einmal über den Tisch, wenn das nächste Bier serviert wird. Wohl oder übel ist irgendwann der Gang zur Toilette unumgänglich. Gerade älteren Männern kann es aber passieren, dass dann gar nichts kommt: Harnsperre.

"Häufig kommen Männer erst bei einem solchen sehr schmerzhaften Harnverhalt in die Arztpraxis", weiß Dr. Christian Doehn, Urologe an der Medizinischen Universität Lübeck. Ursache kann eine gutartig vergrößerte Prostata sein. Die ist bis zur Pubertät bis auf Walnussgröße heran- und damit eigentlich auch ausgewachsen. Zum normalen Altern gehört aber, dass sie ab dem vierzigsten Lebensjahr wieder anfängt zu wachsen - wenn auch sehr langsam. Die Folgen: Jeder zweite 60-jährige Mann und 90 Prozent aller 85-Jährigen haben eine vergrößerte Vorsteherdrüse. Etwa die Hälfte von ihnen leidet unter mäßigen bis starken Beschwerden.

Schwacher Strahl

"Nicht selten sind die Ehefrauen die treibende Kraft, wenn es darum geht, endlich einen Arzt aufzusuchen", berichtet Doehn. "Viele Männer arrangieren sich mit ihren Beschwerden." Da ist die Abschwächung des Harnstrahls: Mann nimmt es hin, dass beim Wettweitpinkeln mit dem Enkel kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist und er zudem länger braucht, da die Durchflussrate immer geringer wird. Hinzu kommt häufiges Wasserlassen nachts. Eine vergrößerte Prostata drückt nicht nur auf die Harnröhre, was den Harnstrahl abschwächt, sondern auch auf die Blase: Diese fühlt sich gereizt und meldet bereits Harndrang, wenn sie nur wenig Urin gesammelt hat.

Häufig haben Männer auch das Gefühl, die Blase nicht komplett entleeren zu können. Bleibt aber ständig Restharn in der Blase, kann sie sich entzünden. Als schwerwiegende und äußerst schmerzhafte Komplikation kann ein akuter Harnverhalt auftreten, sprich Mann kann gar nicht mehr urinieren. Dabei besteht die Gefahr, dass Urin zurück in die Nieren aufsteigt und diese schädigt.

So einleuchtend die Zusammenhänge auch sind, die Größe der Prostata korreliert nur wenig mit der Stärke der Symptome. Das heißt, Männer können trotz erheblich vergrößerter Prostata praktisch beschwerdefrei sein. Auf alle Fälle sollte Mann die Beschwerden beim Urologen ärztlich abklären lassen, um andere Ursachen wie eine überaktive Blase oder Erkrankungen wie Diabetes oder Herzprobleme auszuschließen. Ein Prostatakrebs liegt nur in seltenen Fällen vor. "Typischerweise bereitet dieser zunächst keine Beschwerden und auch die Prostata ist nur wenig oder gar nicht vergrößert", erklärt Doehn.

Jeder Bahnfahrer, der schon einmal trippelnd vor der Bordtoilette eines ICE gestanden hat, kennt die Plakate, mit denen die Firma Schwabe für Prostagutt wirbt: "Weniger müssen müssen." Und verspricht: "Weniger Harndrang. Mehr Lebensfreude." Erreichen soll dies im Prostagutt forte 160/120 mg-Präparat eine Kombination aus Sägepalmenfrüchten (Sabal) und Brennnesselwurzeln (Urtica). Andere Anbieter setzen auf die Samen des Arzneikürbis, auf Phytosterole, einen Dickextrakt aus Gräserpollen oder auch eine Kombination aus Kürbissamen, Riesengoldrutenkraut und Zitterpappelblättern, um die Prostatabeschwerden zu lindern.

Doch was ist wirklich dran an diesen Phytotherapeutika? ÖKO-TEST hat insgesamt 40 rezeptfreie, pflanzliche Arzneimittel eingekauft. Darunter waren auch fünf Produkte, die als traditionelle Arzneimittel zugelassen sind und zum Teil in Drogerien und damit außerhalb von Apotheken erhältlich sind. Wir haben die Studienlage von unserem wissenschaftlichen Berater, Professor Manfred Schubert-Zsilavecz, begutachten lassen und zudem Hilfsstoffe und Verpackung genauer unter die Lupe genommen.

Das Testergebnis

Da sie eine vergrößerte Prostata nicht rückgängig machen können, schneidet keines der untersuchten pflanzlichen Prostatamittel mit "sehr gut" ab. Allerdings können die Mittel in frühen Stadien der Erkrankung einige Symptome wie häufigen Harndrang mit geringer Harnmenge oder schmerzhafte Harnentleerung lindern oder gar beseitigen. Obgleich der Beweis für eine langfristige, klinisch relevante Wirkung noch nicht erbracht ist, sind die Präparate eine Alternative zu synthetischen Präparaten, zumal sie gut verträglich und nebenwirkungsarm sind.

Die verschiedenen pflanzlichen Zubereitungen sind unterschiedlich zu bewerten. "Eine einheitliche Empfehlung kann zu dieser heterogenen Gruppe von Präparaten nicht gegeben werden", stellen auch die 2009 veröffentlichten Leitlinien der Deutschen Urologen zur Therapie des gutartigen Prostatasyndroms fest. Für die acht Produkte, deren Wirksamkeit mit "gut" eingestuft wurde, liegen kontrollierte klinische Studien vor, die nachweisen, dass die Mittel in den Anfangsstadien des Prostatasyndroms wirksam sind.

Als nur "teilweise belegt" stufen wir die Wirksamkeit der anderen Sägepalmenfrüchte-Monopräparate ein. Der Grund: Da die Hersteller unterschiedliche Extraktionsverfahren verwenden, können sich die Produkte in ihrer Zusammensetzung unterscheiden. Damit lassen sich die Studienergebnisse für ein konkretes Präparat nicht auf das Präparat eines anderen Herstellers übertragen. Ebenfalls nur "teilweise belegt" ist für uns die Wirksamkeit der Prosta Fink forte 500 mg, Weichkapseln. Es ist aber immerhin das einzige Kürbissamenpräparat im Test, für das überhaupt eine positive Studie existiert, während die Datenlage zu anderen kürbishaltigen Präparaten ansonsten eher traurig ist.

Abgesehen von den Bazoton uno, Filmtabletten sind die Wirksamkeitsbelege für die Brennnesselpräparate nur "wenig überzeugend", was zur Abwertung um drei Noten führt. Bei den fünf traditionellen Arzneimitteln (Abtei Sabal-Kürbis Kapseln Prosta, Doppelherz aktiv Sabal-Kürbis Kapseln Prosta, Granu Fink Prosta, Kapseln, Tetesept Prosta Sabal-Kürbis-Kapseln und Vesiherb, Filmtabletten) mangelt es nicht nur an Wirksamkeitsbelegen, auch sind die Wirkstoffe zu niedrig dosiert. Ebenfalls nicht ausreichend belegt ist die Wirksamkeit zur Linderung von Prostatabeschwerden bei den Pollstimol, Hartkapseln, die einen Extrakt aus Gräserpollen enthalten, und bei den Prostamed, Kautabletten. Letztere enthalten zudem eine nicht sinnvolle Kombination aus mehreren pflanzlichen Wirkstoffen. Für die Verwendung von Riesengoldrutenkraut und Zitterpappelblättern bei Beschwerden durch eine gutartig vergrößerte Prostata gibt es keine Begründung.



Prostatakrebs/Ist der PSA-Test sinnvoll?

Zur Erkennung von Prostatakrebs spielt neben der Tastuntersuchung die Bestimmung eines speziellen Eiweißes, des prostataspezifischen Antigens (PSA), aus einer Blutprobe eine wichtige Rolle. Der PSA-Test ist allerdings umstritten. Eine erst kürzlich im British Medical Journal veröffentlichte Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass ein bevölkerungsweites Screening unangemessen wäre. Der PSA-Test könne nicht zwischen tödlichen und weniger problematischeren Krebsformen unterscheiden und zu Überdiagnose und -behandlung gesunder Männer führen, schreiben die Autoren.

Zu den Kritikern gehören auch Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg und Experten der deutschen Krebsregister. Aufgrund von Früherkennungsmaßnahmen würden bei älteren Männern auch Karzinome entdeckt, die keine Beschwerden bereiten, sehr langsam wachsen und auch ohne Behandlung nicht lebensverkürzend wären. Ein einmal festgestellter erhöhter PSA-Wert zieht aufwendige und belastende Diagnoseverfahren nach sich. Zudem bestätigt sich der Krebsverdacht oft auch durch wiederholte Biopsien nicht.

Unter www.psa-entscheidungshilfe.de haben die AOK, die Universität Bremen und der Krebsinformationsdienst ein Angebot bereitgestellt, das neutral durch die verschiedenen Vor- und Nachteile führt und helfen kann, eine Entscheidung zu treffen.

Urologenportal

Unter www.urologenportal.de bieten die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) und der Berufsverband der Deutschen Urologen (BDU) viele Informationen rund um Erkrankungen der Niere, der Harnwege und der männlichen Geschlechtsorgane an. Zudem findet man über eine Schnellsuche mittels Postleitzahl einen Urologen in der Nähe.

Rezeptpflichtige Arzneimittel

Unter Umständen verschreibt Ihnen der Arzt ein rezeptpflichtiges Arzneimittel. Alphablocker wie Terazosin, Tamsulosin, Doxazosin oder Alfuzosin gelten als Mittel der Wahl, um die Beschwerden bei mäßigen Problemen mit dem Wasserlassen zu lindern. Sie können auf lange Sicht einen operativen Eingriff aber nicht verhindern. Für Patienten, die nicht genügend auf einen Alphablocker ansprechen, stehen mit Finasterid und Dutasterid sogenannte 5-Alpha-Reduktasehemmer zur Verfügung. Obgleich die Prostatagröße unter letzteren Medikamenten mitunter deutlich abnimmt, ändert sich der Harnfluss jedoch kaum. Nebenwirkungen sind Potenz- und Libidostörungen.

Operation

Mit jährlich 75.000 Operationen gilt die sogenannte transurethrale Resektion der Prostata (TURP) als das Standardverfahren zur chirurgischen Behandlung der gutartigen Prostatavergrößerung. Dabei wird ein Gerät in die Harnröhre eingeführt und bis zur Prostata vorgeschoben. Unter Beobachtung durch eine Kamera wird dann mittels einer elektrischen Drahtschlinge Prostatagewebe abgetragen und herausgespült. Der Eingriff erfolgt unter Narkose und dauert etwa 90 Minuten.

Bewegung

Sportlich aktive Männer leiden weniger unter den Beschwerden einer gutartig vergrößerten Prostata und unterziehen sich seltener einer Prostataoperation als ihre Geschlechtsgenossen, die als Couch-Potato viel Zeit sitzend vor dem Fernseher verbringen. Selbst leichte körperliche Aktivität verringert das Risiko, Beschwerden zu entwickeln, jede zusätzliche halbe Stunde tägliches Gehen wirkt hier positiv.



So haben wir getestet

Der Einkauf

Bei Prostatabeschwerden werden chemische und pflanzliche Mittel angeboten. Beim Einkauf haben wir uns auf die gängigsten pflanzlichen Präparate beschränkt, die ohne Rezept in Apotheken und zum Teil auch in Drogerien erhältlich sind. Das Spektrum umfasste sowohl Mono- (Brennnessel, Sägepalme, Phytosterol, Gräserpollen, Kürbissamen) als auch Kombinationspräparate. So kamen 40 Produkte zusammen.

Die Begutachtung

Welchen Stellenwert hat die Phytotherapie bei der Behandlung eines gutartigen Prostatasyndroms? Was sagen die vorliegenden Studien aus? Entsprechen sie modernen Therapiestandards? Dazu gehört beispielsweise, wie die Untersuchungen gestaltet waren und ob der Untersuchungszeitraum ausreichend lang - idealerweise mindestens zwölf Monate - gewählt war. Wir haben unseren wissenschaftlichen Berater Professor Manfred Schubert-Zsilavecz mit einer Einschätzung beauftragt. Schubert-Zsilavecz arbeitet am Institut für Pharmazeutische Chemie der Universität Frankfurt, deren Vizepräsident er derzeit auch ist. Zudem ist er Präsident der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft und Leiter des Zentrallabors Deutscher Apotheker in Eschborn. Er hat auch die Gebrauchsinformationen daraufhin überprüft, ob sie wichtige Anwendungs- und Warnhinweise enthalten.

Hilfsstoffe

Um Wirkstoffe - hier die Pflanzenauszüge - an den Patienten zu bringen, werden sie in Kapseln abgefüllt oder zu Tabletten verpresst. Dazu bedarf es verschiedener Hilfsstoffe, die zugleich gewährleisten sollen, dass sich die Zubereitungsform im Magen-Darm-Trakt wieder auflöst und den Wirkstoff freisetzt. Da jedoch auch von den Hilfsstoffen unerwünschte Wirkungen ausgehen können, haben wir die Deklaration genauestens überprüft. Dabei fiel zum Beispiel auf, dass etwa die Hälfte der Sägepalmenpräparate mit synthetischen Farbstoffen aufgehübscht worden ist, von denen einige wie Chinolingelb (E 104) und Ponceau 4R (E 124) in Lebensmitteln als Zusatzstoff kritisch gesehen werden.

Die Bewertung

Kern der pharmakologischen Begutachtung ist die Auswertung der publizierten Studien. Negativ fallen hier - wieder einmal - traditionelle Arzneimittel auf, die nicht in modernen Studien geprüft und zu niedrig dosiert sind. Ebenfalls in das Testergebnis Pharmakologische Begutachtung fließen Deklarationsmängel ein. Dabei fiel auf, dass die eine oder andere Gebrauchsinformation schon lange nicht mehr aktualisiert wurde: Die des Präparates Sabal-Uropharm 320 mg, Weichkapseln war tatsächlich auf dem Stand von März 2000.