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23 Weißdornpräparate im Test

ÖKO-TEST August 2012
vom 27.07.2012

Weißdornpräparate

Zum Davonlaufen

Wenn das Herz nicht mehr kräftig genug pumpt, äußert sich dies in Müdigkeit, Kurzatmigkeit und Schwächegefühl. Dann ist ärztliche Hilfe angeraten. Zwar versprechen auch rezeptfrei erhältliche Weißdornpräparate Besserung - aber die Wirkung lässt zu wünschen übrig, wie unser Test ergab.

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27.07.2012 | Dass mit zunehmendem Alter die Leistungsfähigkeit nachlässt, ist normal. Daher war es ebenso erstaunlich wie bewundernswert, was der Inder Fauja Singh 2010 in Toronto vollbrachte: Er lief als erster Hundertjähriger einen Marathon.

Nicht normal ist es jedoch, wenn man in mittleren Jahren schon beim Treppensteigen in den zweiten Stock seine Wohnungstür nur noch keuchend erreicht. Kommen neben der Atemnot noch weitere Symptome wie Müdigkeit und Wasseransammlungen in den Beinen (Ödeme) hinzu, liegt der Verdacht auf eine Herzschwäche nahe. Das Herz ist dann nicht mehr in der Lage, den Körper ausreichend mit Blut und damit Sauerstoff zu versorgen.

Die im Fachjargon Herzinsuffizienz genannte Erkrankung trifft ältere Menschen häufiger als junge: Weniger als ein Prozent der 45- bis 55-Jährigen sind betroffen, schon zwei bis fünf Prozent der 65- bis 75-Jährigen und fast jeder zehnte über 80-Jährige. Hierzulande wurden allein 2009 nach Angaben der Deutschen Herzstiftung über 363.000 Patienten mit einer Herzschwäche in ein Krankenhaus eingeliefert, 49.000 starben an einer Herzinsuffizienz.

Die koronare Herzkrankheit (KHK) und Bluthochdruck verursachen am häufigsten eine Herzschwäche. Bei der KHK verengen Ablagerungen die Herzkranzgefäße, wodurch der Herzmuskel bei Anstrengung nicht mehr gut mit Sauerstoff versorgt werden kann. Ist der Blutdruck zu hoch, muss das Herz ständig gegen einen erhöhten Widerstand anpumpen.

Wer also bei Anstrengung schnell ermüdet, an Atemnot oder Herzrasen leidet und möglicherweise auch noch Hinweise auf Ödeme an sich entdeckt, beispielsweise weil die Socken am Unterschenkel einschnüren, sollte auf alle Fälle einen Arzt aufsuchen. "Typischerweise sind es die Veränderungen in der körperlichen Leistungsfähigkeit, die den Patienten auffällt", erklärt Professor Attila Altiner, Allgemeinmediziner an der Universität Rostock. "Da kann jemand früher mit zwei Einkaufstüten problemlos in den vierten Stock hochgekommen sein, jetzt aber nicht mehr."

Die Therapie der Herzschwäche setzt an verschiedenen Stellen an: Blutdrucksenkung bei Bluthochdruck, Verringerung der Blutfette bei zu hohen Cholesterin- und Triglyceridspiegeln im Blut, gegebenenfalls eine Operation bei angeborenem oder erworbenem Herzfehler, eine Bypassoperation bei verengten Herzkranzgefäßen, ein Herzschrittmacher bei Herzrhythmusstörungen. "Richtig behandelt, lässt sich eine Herzschwäche durchaus erheblich abschwächen", sagt Altiner.

Anscheinend können auch pflanzliche Arzneimittel bei Herzschwäche helfen. So heißt es auf einer Internetseite der Firma Dr. Schwabe: "Wünschen auch Sie sich ein starkes Herz? Dann ist Crataegutt genau das Richtige für Sie!"

Selbst in Drogerien und Reformhäusern werden Weißdornprodukte angeboten. Auf der Packung der Doppelherz aktiv Weißdorn Dragees, bewirbt Anbieter Queisser Weißdorn als "eine bewährte und anerkannte Pflanze der Naturheilkunde (...). Schon seit dem Mittelalter wird sie aufgrund ihrer wohltuenden Wirkung auf Herz und Kreislauf geschätzt."

Dem Heilpflanzenlexikon der Firma Salus ist zu entnehmen, dass wässrig-alkoholische Weißdornextrakte die Herzleistung leicht steigern. Immerhin macht Salus auch auf gewisse Einschränkungen aufmerksam ("Präparate nicht zur Behandlung plötzlich auftretender Beschwerden geeignet") und warnt "vor einer unkritischen Anwendung in der Selbstmedikation". Denn: Bei der Herzinsuffizienz handele es sich "um eine ernste, möglicherweise lebensbedrohliche Erkrankung, die unbedingt einer ärztlichen Behandlung bedarf und für die wesentlich wirkungsvollere Medikamente zur Verfügung stehen. Auch zur Vorbeugung eingenommen, ist der Weißdorn nutzlos."

Im ÖKO-TEST Weißdornpräparate vom April 2006 erreichten gerade einmal zwei Produkte ein "gut". Schon damals betonten wir, dass für die Behandlung mit chemisch-synthetischen Wirkstoffen ein Überlebensvorteil aus klinischen Studien gesichert sei, während ein solches Ergebnis für Weißdorn noch ausstehe. Inzwischen ist die Studie abgeschlossen, die hier Klarheit bringen sollte.

Im Lichte dieser und weiterer aktueller Untersuchungen hat ÖKO-TEST 23 pflanzliche Arzneimittel mit Zubereitungen aus Weißdorn eingekauft und begutachten lassen.

Das Testergebnis

Das überzeugt nicht: Lediglich ein Produkt erreicht ein Gesamturteil "befriedigend". Mangels ausreichend belegter Wirksamkeit schneiden viele Arzneimittel nur mit "mangelhaft" ab.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Pflanzliche Arzneimittel erfreuen sich großer Beliebtheit, gelten sie doch als gut verträglich und ist doch scheinbar gegen alles ein Kraut gewachsen. Wer schneller aus der Puste kommt und nicht mehr so kann wie früher, der könnte zu Weißdorn greifen, sollen aus Blättern, Blüten oder Früchten des Strauches hergestellte Zubereitungen doch die Leistung des Herzens verbessern. Wir haben in Apotheken, Drogerien und Reformhäusern eine Auswahl gängiger Präparate eingekauft.

Die Begutachtung
Unser wissenschaftlicher Berater, Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für pharmazeutische Chemie an der Universität Frankfurt am Main, hat die wissenschaftliche Literatur im Hinblick auf die Wirksamkeit der pflanzlichen Arzneimittel durchforstet. Dabei galt es zu klären, was Weißdorn bei Herzschwäche überhaupt zu leisten vermag und wie er im Vergleich mit chemisch-synthetischen Wirkstoffen dasteht.

Die Hilfsstoffe
Nicht nur der Wirkstoff eines Medikaments kann zu Nebenwirkungen führen, manchmal sind es auch die Hilfsstoffe. Diese sind im Beipackzettel unter den weiteren Bestandteilen deklariert. Wir haben unter anderem gefahndet nach synthetischen Farbstoffen, auf die der Anwender allergisch reagieren kann, und nach Alkohol, der für Alkoholkranke, Epileptiker oder auch Schwangere ein gesundheitliches Risiko bedeutet.

Die Bewertung
Im Jahr 2006 mussten wir bei einem Test Weißdornpräparate noch offen lassen, ob die zusätzliche Einnahme der Pflanzenzubereitung einen Überlebensvorteil bietet. Die große, 2007 veröffentlichte SPICE-Studie sollte diese Frage klären. Aber sie brachte ein eher ernüchterndes Ergebnis, da die Sterblichkeit nicht sank. Daher rutschen viele Produkte in der Pharmakologischen Begutachtung eine Note nach unten - ausgenommen jene, für die die Wirkung schon damals nicht belegt war.

So haben wir getestet

Der in ganz Europa heimische Weißdorn soll die Leistungskraft des Herzens steigern.