Startseite
14 Grippemittel im Test

Jahrbuch für 2018
vom 19.10.2017

Grippemittel

Wilde Mischung

Pillen und Säfte, die einen Mix aus Wirkstoffen gegen Erkältungsbeschwerden enthalten, bescheren den Apotheken besonders in den Wintermonaten gute Umsätze. Von 14 Produkten im Test schneidet nur ein Mittel mit "gut" ab. Alle anderen Produkte enttäuschen: Sie enthalten sinnlose und auch bedenkliche Wirkstoffkombinationen - Nebenwirkungen gibt es inklusive.

3978 | 17

19.10.2017 | Der grippale Infekt ist eigentlich harmlos und heilt in der Regel innerhalb einer Woche aus. Ruhe und Schonung hilft, den Infekt zu überwinden. Hausmittel können das Wohlbefinden fördern.

Experten kritisieren aber, dass bei normalen Erkältungen zu häufig und vorschnell Antibiotika verordnet werden. Gegen die durch Viren verursachten Erkältungen können Antibiotika jedoch nichts ausrichten. Sie sorgen bestenfalls für Nebenwirkungen wie Durchfall oder Hautausschläge.

Wir haben 14 rezeptfreie Arzneimittel eingekauft, die von den Pharmaunternehmen gegen Erkältungsbeschwerden angepriesen werden.

Das Testergebnis

Gerade einmal ein Produkt, das nur ein Schmerzmittel enthält, können wir mit der Note "gut" empfehlen. Bei sechs Produkten sehen wir rot: Sie enthalten einen Wirkstoffmix, der bedenklich, nicht sinnvoll, schlicht überflüssig ist oder nichts nützt.

Die Schmerzmittel Ibuprofen, Acetylsalicylsäure (ASS) und Paracetamol helfen gegen Kopf- und Gesichtsschmerzen. Ibuprofen sollten Kranke zur Schonung des Magens nur in Verbindung mit einer Mahlzeit einnehmen und ASS als Brausetablette oder Granulat in Wasser auflösen. Keinerlei Hinweise zur Dosierempfehlung mit Bezug zum Körpergewicht werten wir bei Mitteln mit Paracetamol als Deklarationsmangel ab: Der Abstand zwischen der therapeutischen Dosis und der Dosis, die Leberschäden verursacht, ist gering.

Elf Produkte enthalten die Sympathomimetika Pseudoephedrin, Phenylpropanolamin, Phenylephrin oder Ephedrin, die abschwellend auf die Nasenschleimhäute wirken. Mit Tabletten oder Säften eingenommen, gibt es aber auch Nebenwirkungen wie Unruhe, Angst und Schlafstörungen inklusive. Wir werten um drei Noten ab. Eine Note schlechter kommt Phenylpropanolamin weg: Laut der US-Gesundheitsbehörde FDA erhöht die Substanz das Risiko für Gehirnblutungen.

Ein akuter Husten im Rahmen eines Infektes sollte nur in Ausnahmefällen mit Hustenblocker wie Dextromethorphan behandelt werden und mit Schleimlöser wie Guaifenesin überhaupt nicht. Auch der Zusatz von Vitamin C hat keine Vorteile bei einer Erkältung.

Die Wirksamkeit von Kapuzinerkressenkraut und Meerrettichwurzel in den Angocin Anti-Infekt N Filmtabletten ist wenig überzeugend belegt. Der Nutzen des Sympathomimetikums Phenylephrin bei einer normalen Erkältung ist ebenso wenig belegt wie derjenige der Antihistaminika Chlorphenamin und Doxylamin. Wir stufen den Nutzen von Produkten, die diese Wirkstoffe neben anderen enthalten, als nur teilweise belegt ein.

In drei Beipackzetteln vermissen wir einen Hinweis, dass ein Kombiprodukt nur dann einzunehmen ist, wenn der Erkrankte tatsächlich alle Symptome zeigt, für deren Bekämpfung Wirkstoffe im Produkt enthalten sind.

Weitere Notenabzüge hagelte es für die Farbstoffe Erythrosin (E 127) und/oder Chinolingelb (E 104) sowie für mehr als fünf Volumenprozent Alkohol.

Jahrbuch für 2018

Gedruckt lesen?

Jahrbuch für 2018 ab 9.80 € kaufen

Zum Shop

Jahrbuch für 2018

Online lesen?

Jahrbuch für 2018 für 8.99 € kaufen

Zum ePaper

Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben in Apotheken vor Ort und im Internet 14 Arzneimittel eingekauft, die die lästigen Symptome einer Erkältung lindern oder wie Angocin Anti-Infekt N die "Beschwerden bei akuten entzündlichen Erkrankungen der Bronchien, Nebenhöhlen (Atemwegsinfekte) ..." bessern sollen. Darunter sind drei Produkte der Marke Wick, die nach eigenen Angaben "weltweit meistverkaufte Erkältungsmarke", sowie Grippostad C und Aspirin Complex, die laut Daten der Marktforscher von ISM Health im Jahr 2015 zu den umsatzstärksten Präparaten bei den Erkältungsmitteln gehörten.

Wirksamkeitsbelege und Beipackzettel
Ist die Wirksamkeit der Mittel bei Erkältungen stichhaltig belegt und überwiegt der Nutzen die Risiken? Dafür hat Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Universität Frankfurt in medizinischen Literaturdatenbanken nach Studien gefahndet, diese ausgewertet und den Nutzen und die Risiken der Wirkstoffe und Mittel beurteilt. Zudem hat er die Beipackzettel aller Präparate auf wichtige Gebrauchs- und Warnhinweise durchgesehen.

Die Hilfsstoffe
In den Kapseln, Tabletten, Granulaten und dem Sirup stecken viele weitere Substanzen wie Überzugsmittel, Füllstoffe, Süßstoffe, Aromen oder Alkohol. All diese Stoffe sind im Beipackzettel aufzuführen. Wir haben geprüft, ob Problemstoffe darunter sind.

Die Bewertung
Eine Erkältung verläuft in den meisten Fällen harmlos. Mit Arzneimitteln, die nur einen Wirkstoff enthalten, lassen sich lästige Symptome wie Kopfschmerzen oder eine verstopfte Nase gezielt lindern. Präparate, in denen Schmerzmittel, Vitamin C, schleimhautabschwellende Substanzen oder Hustenmittel in einer bedenklichen, unsinnigen oder überflüssigen Weise miteinander kombiniert waren, erhielten von uns Notenabzüge. Wirkstoffe mit einem ungünstigen Nutzen-Risiko-Verhältnis werteten wir rigoros ab und ebenso den Zusatz von Allergiemitteln. Für Letztere ist der Nutzen bei einer normalen Erkältung überhaupt nicht belegt.

So haben wir getestet

Wichtiger Hinweis im Beipackzettel, der besser noch auf der Verpackung stehen sollte!

Online abrufbar

Jahrbuch für 2018

Bestellnr.: J1710
Gesamten Inhalt anzeigen