Startseite
Geld spenden

Geld spenden
vom 27.10.2016

Geld spenden

Zwischen sechs und sieben Milliarden Euro spenden die Deutschen pro Jahr. Einen Großteil davon sammeln die gemeinnützigen Organisationen in der Vorweihnachtszeit. Immer häufiger erhalten sie zweckgebundene Spenden – ein Zeichen für Vertrauensverlust?

126
Hilfe für die Leidtragenden des Krieges in Syrien oder Geld für eine Initiative in der eigenen Stadt: Wenn sich die Advents- und Weihnachtszeit nähert, machen sich traditionell viele Menschen in Deutschland Gedanken darüber, wie es anderen geht – und wen sie unterstützen könnten. In den letzten Monaten des Jahres kommt in der Regel ein Großteil des gesamten Spendenvolumens zusammen. „Die Bereitschaft der Deutschen sich zu engagieren ist sehr hoch“, lobt Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI). Das unabhängige wissenschaftliche Dokumentationszentrum berät Spender und vergibt ein Spendensiegel an gemeinnützige Organisationen. Wilke bezieht sein Lob sowohl auf ehrenamtliches Engagement als auch auf finanzielle Unterstützung. Das DZI geht aktuell von sechs bis sieben Milliarden Euro an Spenden pro Jahr aus. Der Deutsche Spendenrat meldete für 2015 ein Spendenaufkommen in Höhe von 5,5 Milliarden Euro – 11,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei dem Verein handelt es sich um den Dachverband von 65 gemeinnützigen Organisationen.

Beide Einrichtungen führen das Plus besonders auf zwei Bereiche zurück: die Nepal- und die Flüchtlingshilfe. Die Bevölkerung sei bereit, auf Katastrophen zu reagieren. In Nepal hatte im April 2015 ein verheerendes Erdbeben fast 9.000 Menschenleben gekostet – und Hunderttausende Häuser zerstört. Dass das Spendenaufkommen in derartigen Fällen steigt, liegt auch an der Berichterstattung. Vor allem dann, wenn die Arbeit der Retter und Helfer dokumentiert wird.

Die „Bilanz des Helfens“, die das Marktforschungsunternehmen GfK jährlich im Auftrag des Deutschen Spendenrats erhebt, setzte sich im vergangenen Jahr erstmals speziell mit der Flüchtlingssituation auseinander: Demnach haben sich 2015 nach eigenen Angaben fast die Hälfte (rund 47 Prozent) der deutschen Privatpersonen ab zehn Jahren – 31,8 Millionen Menschen – für Flüchtlinge engagiert: 34 Prozent durch Sachspenden, etwa acht Prozent mit Geld sowie sechs Prozent über ehrenamtliches Engagement. „Menschen neigen dazu, erst einmal konkret zu helfen“, erklärt Burkhard Wilke. Bei Not in der Nachbarschaft leisteten sie zunächst tatkräftiges Engagement durch Sachspenden oder sie investierten Zeit. Die finanzielle Summe, die gespendet worden ist, findet er dennoch „durchaus beträchtlich“: Das DZI meldet 117 Millionen Euro (2015) für Flüchtlingshilfe im In- und Ausland. Die GfK-Befragung zeigte jedoch auch, dass rund die Hälfte der Deutschen befürchte, die Bevölkerung könne durch die hohe Zahl an Flüchtlingen benachteiligt werden. „Den Schluss, dass die Gesellschaft in zwei Gruppen gespalten ist, lässt unsere Erhebung aber nicht zu“, betont Daniela Felser, Geschäftsführerin des Deutschen Spendenrats. Sie zeige stattdessen, „dass es Menschen gibt, die Sorge haben und sich trotzdem für das Schicksal der Menschen einsetzen“.

Trotz des temporär hohen Engagements für Nepal und die Flüchtlingshilfe betont Burkhard Wilke, dass der Großteil der Spenden „auf dauerhaften Förderbeziehungen“ beruhe: also von Menschen kommt, die regelmäßig eine oder mehrere Hilfsorganisationen finanziell unterstützen. Er betont: „Maximal die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung engagiert sich.“ Andere spendeten allenfalls mal punktuell. Was das angeht, sieht er Deutschland international „eher im Mittelfeld“. Er versteht es als „positive Herausforderung“, diesen Anteil langfristig zu erhöhen. Dabei kommen die Spenden bislang keineswegs nur aus besonders gut verdienenden Haushalten. Sondern: „Hier spiegeln sich alle Einkommensgruppen wider.“

Daniela Felser findet, „die Deutschen tun nach wie vor sehr viel“. Und dabei informierten sich viele auch sehr genau darüber, wohin ihr Geld fließt. Vor einigen Jahren wurde UNICEF in Deutschland die Verschwendung von Spendengeldern vorgeworfen – unter anderem durch Provisionen an externe Werber. In der Folge verlor die deutsche Sektion des Kinderhilfswerks zwischenzeitlich das DZI-Spendensiegel – und Tausende Fördermitglieder. Es sind Affären wie diese, die Vertrauen kosten. Oder das 2010 in Deutschland erschienene Buch Die Mitleidsindustrie – Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen, in dem die niederländische Journalistin Linda Polman ein düsteres Bild von der Rolle der Organisationen in Kriegs- und Krisengebieten zeichnet. Laut DZI lege die starke Zunahme zweckgebundener Spenden den Schluss nahe, „dass viele Menschen den Spendenorganisationen als Ganzes nicht mehr genug Vertrauen entgegenbringen“. Das Berliner Institut hält die Entwicklung, dass viele für bestimmte Projekte einer Initiative spenden und nicht mehr an die Organisation insgesamt, jedoch für schädlich. Dies sei mit zusätzlichen Kosten für die Hilfswerke verbunden. Eine Einschätzung, die der Deutsche Spendenrat teilt: In der Buchhaltung müssten Ein- und Ausgaben getrennt aufgeführt werden, erklärt er auf seiner Webseite. „Außerdem kann es passieren, dass beispielsweise bei der Katastrophenhilfe zu viele Gelder für den gleichen Zweck gespendet werden, sodass Rücküberweisungen erfolgen müssen.“ Nach Meinung der Experten sollten Geldgeber den Organisationen so viel Vertrauen entgegenbringen, selbst darüber zu entscheiden, wo das Geld gerade am nötigsten gebraucht wird. Die weitaus meisten Organisationen seien vertrauenswürdig, betont Wilke.

Inhaltsverzeichnis