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Vision oder Spinnerei?

Bedigungsloses Grundeinkommen
vom 01.09.2012

Vision oder Spinnerei?

Faulenzerprämie oder dringend notwendiger Start in eine veränderte Arbeitswelt? Über das bedingungslose Grundeinkommen, ausgezahlt an jeden Bürger vom Baby bis zum Greis, wird engagiert gestritten. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern der Welt werden Möglichkeiten diskutiert und teilweise auch ausprobiert, ob und wie sich die Idee verwirklichen lässt. Und welche Auswirkungen sie auf die Menschen und die Gesellschaft hat.

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Was würden Sie tun? Das ist eine der entscheidenden Fragen. Was würden Sie tun, wenn Sie ein bedingungsloses Grundeinkommen erhielten, von dem Sie leben könnten, ohne unbedingt arbeiten zu müssen? Nehmen wir mal an, Sie bekämen 1.000 Euro vom Staat, Monat für Monat, ein ganzes Leben lang. Ohne irgendwelche Bedürftigkeitsanträge oder -nachweise, einfach so, ohne eine geforderte Gegenleistung. Was würden Sie tun?

Einfach aufhören zu arbeiten? Das vielleicht nicht, dafür ist es dann doch ein bisschen wenig Geld - zumindest wenn man ein höheres Einkommen gewohnt ist. Und schließlich gibt die Arbeit dem Alltag ja auch eine gewisse Struktur. Aber doch vielleicht weniger schuften, um mal etwas anderes auszuprobieren oder Neues zu lernen? Oder eine Weile aussetzen, reisen, Musik machen oder anderen Hobbys frönen? Sich mit einer ausgefallenen Idee selbstständig machen, weil ein gewisser Lebensunterhalt ja gesichert ist? Sich mehr der Familie widmen, die kranke Mutter pflegen, sich ehrenamtlich engagieren?

„Ich fange bald eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann an. Die würde ich nicht machen, wenn ich ein bedingungsloses Grundeinkommen hätte“, gibt Jonas Heckmann zu. Der schlaksige Abiturient aus Hamburg hat gerade ein Praktikum im Stuttgarter Veranstaltungs- und Jugendzentrum Forum 3 hinter sich. Und nimmt an einem seiner letzten Arbeitstage dort an einer Podiumsdiskussion zum bedingungslosen Grundeinkommen teil. „Ich würde meine Kräfte dazu nutzen, das zu tun, was ich wirklich will.“ Und das wäre? Die Antwort fällt eher schwammig aus: „Ich würde mich beispielsweise für Solarenergie und Kinder in Afrika engagieren. Es gäbe bestimmt auch immer Phasen, wo ich nichts mache, aber prinzipiell finde ich Arbeiten schon wichtig.“

Neben ihm sitzt der 20-jährige Simeon Wutte, der ein Freiwilliges Soziales Jahr im selben Haus macht. Er würde mit dem Geld - wie ohnehin geplant - ein Schauspielstudium absolvieren, sich anschließend aber „mit geistigen Themen auseinandersetzen“. Allein Sophia Kühne, die auch an der Podiumsdiskussion teilnimmt und von Beruf Sozialpädagogin ist, hat konkretere Vorstellungen. Die 28-Jährige würde zwar auch ihren Job aufgeben - aber nur weil sie die Strukturen bei ihrem Arbeitgeber als zu hierarchisch empfindet. Prinzipiell aber mag sie ihren Beruf und sucht eigentlich nur ein anderes Team, in dem sie sich besser und direkter einbringen kann. Daran würden auch monatlich 1.000 Euro nichts ändern.

Hätte, würde, könnte - die Diskussionen um ein bedingungsloses Grundeinkommen sind durchsetzt vom Konjunktiv. Die Idee ist nicht neu, aber immer noch so einfach wie reizvoll: Jeder Bürger, vom Baby bis zum Greis, bekommt vom Staat einen festen monatlichen Geldbetrag ausgezahlt, ganz ohne Bedingungen. Dafür entfallen Sozialleistungen wie Kindergeld, Hartz-IV-Unterstützung oder die Ausbildungsförderung. Die finanzielle Unterstützung soll reichen, um auch ohne Erwerbstätigkeit bescheiden, aber menschenwürdig leben zu können. Doch ob diese Vorstellung jemals mehr sein wird als eine gesellschaftliche Vision - von den Kritikern auch gerne spinnerte Utopie genannt -, steht in den Sternen. Nichtsdestotrotz übt die Idee, die seit einiger Zeit wieder verstärkt diskutiert wird, eine erstaunliche Faszination auf die Menschen aus. Und die Debatte darüber wird mit großer Leidenschaft geführt.

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