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Altersvorsorge

Altersvorsorge
vom 31.03.2016

Altersvorsorge

Die Riester-Rente ist gescheitert. Mit welchen Mitteln das baufällige System der Altersversorgung jedoch saniert und drohende Altersarmut verhindert werden kann, ist bei allen Parteien heftig umstritten. Dabei gibt es längst Vorschläge für einen Systemwechsel: das „Vorsorgekonto“. Von Baden-Württemberg einst initiiert, wurde es mittlerweile zu einer echten Alternative für Riester & Co aufpoliert.

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Ohne Zins und Verstand“ titelte jüngst das Nachrichtenmagazin Der Spiegel und machte darauf aufmerksam, dass die Deutschen zwar sparen wie die Weltmeister, dabei aber immer ärmer statt reicher werden. Denn mit Lebensversicherung, Riester-Rente, Bausparvertrag und Sparkonto setzen sie schlicht auf die falschen Produkte. Auf Bankkonten gibt es derzeit kaum noch Zinsen, die anderen Produkte sind zu teuer, zu kompliziert und zu renditeschwach. Unterm Strich hat der deutsche Durchschnittshaushalt daher binnen zehn Jahren real 20.437 Euro seines Vermögens verloren. Mehr noch: Langfristig droht sogar Altersarmut. Denn auch mit der Altersvorsorge steht es in Deutschland nicht zum Besten. Im internationalen Vergleich rangiert das Drei-Säulen-System aus staatlicher Rente, geförderter Zusatzvorsorge und ungeförderter Privatvorsorge bestenfalls im Mittelmaß. Das belegt jedenfalls eine aktuelle Studie der weltweiten Unternehmensberatung Mercer und des Australischen Center for Financial Studies. In ihrem Global Pension Index 2015 vergleichen die Experten die nationalen Altersvorsorge- und Rentensysteme von mehr als 25 Staaten weltweit – mit zum Teil verheerenden Ergebnissen für Deutschland. In puncto Belastbarkeit liegt das deutsche System laut dieser Studie zum Beispiel deutlich unter Durchschnitt und konkurriert eher mit den Pensionssystemen von Schwellenländern. Dabei liegt die angeblich größte Reform bei der Altersvorsorge gerade mal 15 Jahre zurück. Um das heimische Rentensystem zukunftssicher zu machen, schwenkte der Staat 2001 auf eine ergänzende kapitalgedeckte Zusatzvorsorge um. Diesen Umbau im System pries der damalige Arbeitsminister Walter Riester seinerzeit in den höchsten Tönen. „Die neue Rente fördert, was bisher fehlte – zusätzliche Eigenvorsorge“, schwärmte Riester und versprach, im Kern werde es nur Gewinner geben. Die Worte klingen heute wie blanker Hohn. Denn das damals errichtete Drei-Säulen-Gebäude der deutschen Altersversorgung ist längst wieder baufällig. Der Grund ist simpel: Der Systemwechsel funktioniert einfach nicht wie gewünscht. Zwar wurde das Niveau der damals viel geschmähten, umlagefinanzierten gesetzlichen Rente stark gesenkt. Doch der Ausgleich über staatlich geförderte, kapitalgedeckte Systeme, also mit der seinerzeit neu eingeführten Riester-Rente sowie Betriebsrenten aus Entgeltumwandlung, kommt nicht in Schwung.

Von den circa 40 Millionen Arbeitnehmern, die von der Rentenkürzung betroffen sind, zahlen lediglich 6,4 Millionen die vom Staat geforderten vier Prozent ihres Einkommens in eine Riester-Rente ein. Weitere 3,2 Millionen Bürger haben zwar einen Riester-Vertrag, doch der ist längst beitragsfrei gestellt. Sie sparen im Riester-System also keinen Cent mehr für das Alter. Und knapp 7 Millionen Riester-Sparer schöpfen die staatliche Förderung nicht voll aus. Allein aus diesem Grund wird die Riester-Rente in den meisten Fällen nicht ausreichen, um die Rentenlücken auszugleichen. Die anhaltende Niedrigzinsphase sowie viel zu teure, ineffiziente Produkte tun ihr Übriges.

In der betrieblichen Altersversorgung läuft es nicht besser. Kleine und mittlere Unternehmen scheuen den Aufwand für eine Betriebsrente. Nur jeder vierte Beschäftigte hat hier überhaupt Anspruch darauf. In größeren Betrieben machen Arbeitnehmer im mittleren oder unteren Einkommensbereich nicht mit. Für sie lohnt die Entgeltumwandlung einfach nicht. Denn erstens sind auch betriebliche Produkte wie Direktversicherungen und Pensionskassen meist ausgesprochen teuer und unflexibel. Zweitens müssen alle, die auch im Alter gesetzlich krankenversichert sind, auf die spätere Betriebsrente den vollen Kranken- und Pflegeversicherungsbeitrag zahlen – und zwar Arbeitgeber – und Arbeitnehmeranteil. Das kann bis zu 18,9 Prozent Zusatzbelastung ausmachen. Unterm Strich bleibt bei Entgeltumwandlung daher netto oft weniger als bei der Privatvorsorge, wie ÖKO-TEST immer wieder kritisierte (ÖKO-TEST-Magazin 6/2012, 6/2013, 6/2014, 9/2015).

Kein Wunder daher, dass auch die Politik mittlerweile auf Abhilfe sinnt. Die Vorschläge reichen von einer kompletten Abschaffung der staatlich subventionierten Riester-Rente mit gleichzeitiger Rückkehr zu einem höheren gesetzlichen Rentenniveau. Andere wollen die Riester-Rente lediglich durch einen „Schäuble-Bond“, eine Anleihe mit ein bis zwei Prozent Zinszuschlag nur für Vorsorgesparer, ersetzen oder durch die Deutschlandrente. Das ist ein von den hessischen Landesministern Tarek Al-Wazir (Grüne), Stefan Grüttner und Thomas Schäfer (beide CDU) ins Spiel gebrachter kostengünstiger und renditestarker Staatsfonds ohne Kapitalerhaltsgarantie nach skandinavischem Muster. Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles kämpft für ihr Tarifpartnermodell, ein von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden gemeinsam verwaltetes Angebot zur betrieblichen Altersversorgung, das vor allem kleinere und mittlere Arbeitgeber entlasten soll. Die Grünen fordern ein einfaches, kostengünstiges, transparentes, staatlich organisiertes Basisprodukt für die kapitalgedeckte Altersvorsorge, bei dem die staatliche Förderung – anders als bei den heutigen Riester-Produkten – in voller Höhe beim Vorsorgesparer ankommt und nicht bei Vermittlern und Anbietern hängen bleibt.

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