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94 Lebensversicherungen im Test

ÖKO-TEST September 2013
vom 30.08.2013

Lebensversicherungen

Kaum Rendite in Sicht

Lohnen sich Lebensversicherungen für die Altersvorsorge? Über diese Frage streiten sich Verbraucherschützer seit vielen Jahren mit den Versicherern. ÖKO-TEST kann sie jetzt beantworten, denn wir haben die Renditen von echten abgelaufenen Verträgen analysiert.

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30.08.2013 | Hohe Zinsen, hohe Sicherheit - was will man mehr für sein Geld", mit diesen Worten rührt die Europa-Versicherung eifrig die Werbetrommel für Kapitallebensversicherungen. Auch die Kölner Rating Agentur Assekurata kommt in ihrer diesjährigen Studie zur Überschussbeteiligung zu dem Ergebnis, dass Lebensversicherungen ein "attraktives Renditeniveau im Vergleich mit Altersprodukten mit ähnlichem Risikoprofil" bieten.

Die Verbraucher sehen das offenbar ganz anders aus. Das belegt die zunehmende Zahl an Vertragsabbrüchen, die 2012 zum dritten Mal in Folge angestiegen ist und mit einem Volumen von stornierten Verträgen im Wert von 14,43 Milliarden Euro einen bislang nie gekannten Höchststand erreicht. Insgesamt werden mehr als zwei Drittel aller langlaufenden Verträge vorzeitig gekündigt.

ÖKO-TEST wollte genau wissen, ob das Eigenlob der Branche zutrifft oder ob die Klagen der Kunden berechtigt sind. Um das herauszufinden hat ÖKO-TEST 83 reale abgelaufene Verträge von 39 Versicherern unter die Lupe genommen. Insgesamt handelt es sich um 76 Kapitallebensversicherungen und sieben Rentenversicherungen, darunter drei fondsgebundene Verträge, die zwischen 1963 und 2001 abgeschlossen wurden und Laufzeiten zwischen 12 und 45 Jahren haben. Die Stichprobe, die auf anonymisierten Beratungsfällen der Verbraucherzentrale Hamburg beruht, ist zweifelsohne nicht repräsentativ. Dennoch vermittelt sie einen guten Eindruck von den realen Renditen abgelaufener Policen. Denn alle Verträge wurden von den Verbrauchern durchgehalten und bis zum Schluss ohne Zahlpausen oder Beitragsfreistellungen bedient. Abgebrochene Policen, bei denen Stornokosten und dergleichen die Ablaufleistung belasten, sind unter den ausgewerteten Verträgen ebenfalls nicht enthalten.

Das Testergebnis

Als Altersvorsorge nicht geeignet. Die Zahlen belegen, was Kritiker schon immer argwöhnten: Als Sparvertrag für die Altersvorsorge taugen Kapitallebensversicherungen absolut nicht. Im Schnitt brachten die Policen lediglich zwischen 3,10 bis 4,49 Prozent Rendite pro Jahr - je nach Laufzeit des Vertrags. Selbst mit 100-prozentig sicheren Bundesanleihen, die am Markt gekauft und bei der Finanzagentur des Bundes verwahrt worden wären, hätten die Kunden bei gleichem Beitrag und Laufzeit jedoch locker zwischen 4,33 bis 6,73 Prozent Rendite pro Jahr erzielt - und zwar nach Kosten. Kurz gesagt: Wer zur Lebensversicherung statt zum Sparplan mit Bundesanleihen griff, hat Jahr für Jahr auf 1,23 bis 2,35 Prozent Ertrag verzichtet. Dabei spielt es keine Rolle, wann die Police abgeschlossen wurde und wie lange sie lief. Ein gutes Geschäft waren die Verträge nie. Sogar Policen, die in einer früheren Hochzinsphase abgeschlossen oder noch in guten Zinszeiten fällig wurden, bleiben mit ihren Erträgen hinter den Vergleichssparplänen mit Bundesanleihen zurück. Denn der Blick über alle Laufzeiten und Abschlusstermine zeigt: Von den möglichen Ertragschancen am Markt schneiden sich die Versicherer eine so dicke Scheibe

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Weitere Informationen

Untersucht wurden in allen Fällen reale Kapitallebensversicherungs- und private Rentenversicherungsverträge mit Kapitalwahlrecht, welche die Kunden von Abschluss bis Fälligkeit oder dem vorzeitigen Abruf (sofern der Vertrag dies vorsah) kontinuierlich durchgehalten haben. Besonders werthaltige Zusatzversicherungen, wie der Einschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung, wurden sowohl bei den Beiträgen als auch bei den Leistungen heraus gerechnet. Bei allen untersuchten Rentenverträgen haben sich die Kunden zu Rentenbeginn zudem für die Kapitalabfindung anstelle einer lebenslangen Rente entschieden. Für alle Verträge wurde die Ablaufrendite errechnet (Rendite pro Jahr). Das ist die Verzinsung der eingezahlten Beiträge der Kunden, die sich unter Berücksichtigung einer etwaigen Dynamik der Beiträge auf Basis der tatsächlichen Ablaufleistung ergibt. Diese "Rendite pro Jahr" spiegelt die Verzinsung des Vertrags aus Kundensicht wieder und zeigt, welchen Ertrag die Kunden mit ihren vollen Beiträgen erwirtschaftet haben. Allerdings kauft sich der Versicherungsnehmer mit einer Kapitallebensversicherung immer auch einen Todesfallschutz ein, für den ein Teil vom Beitrag verwendet wird. Um die Policen sachlich korrekt mit Sparverträgen vergleichen zu können, wurde daher zusätzlich die "Sparrendite" der Verträge ermittelt. Das ist die Rendite, die sich im Hinblick auf die Ablaufleistung ergibt, wenn die Beiträge um die Kosten für den in den Verträgen jeweils enthaltenen Todesfallschutz bereinigt werden. Der Gegenwert des Todesfallschutzes wurde dabei jeweils anhand der tatsächlichen Todesfallwahrscheinlichkeiten ermittelt, wie sie das statistische Bundesamt (Destatis) in den "Generationensterbetafeln für Deutschland - Modellrechnungen für die Geburtsjahrgänge 1896-2009" ausweist. Anschließend wurde berechnet, welche Renditen die jeweiligen Kunden hätten erzielen können, wenn sie ihre risikoadjustierten Beiträge in einen Sparplan mit börsennotierten Bundesanleihen investiert hätten. Dazu wurde ein Sparplan simuliert, wie er bis Jahreswechsel 2012 bei der Finanzagentur des Bundes hätte geführt werden können. Das bedeutet: Die Verwaltung des Sparplans und die Einlösung der Anleihen erfolgte kostenfrei, nur für den Kauf der Anleihen wurden jeweils Transaktionskosten in Höhe von 0,4 Prozent des Anlagebetrags berechnet. Die jeweiligen Renditewerte für den Sparplan bzw. für jeden angelegten Beitrag wurden einer Renditematrix entnommen, die anhand der Zinsstrukturkurven börsennotierter Bundeswertpapiere (jeweils Monatsendwerte) aus den makroökonomischen Zeitreihen der Deutschen Bundesbank (bis Juni 2013) gebildet wurde. Sofern möglich, wurde jeder Monatsbeitrag in eine Anleihe mit gleicher Restlaufzeit investiert. Soweit das nicht möglich war, weil der Bund früher noch keine Anleihen mit derart langer Laufzeit emittierte, wurde eine zehnjährige Anlagedauer mit anschließender Wiederanlage unterstellt. Die Transaktionskosten wurden dabei jeweils neu berechnet, so dass die Sparplanrendite bei extrem langlaufenden Verträgen die tatsächlich erreichbaren Werte tendenziell sogar etwas unterzeichnet. Anschließend wurde die Sparplanrendite mit den risikoadjustierten Sparrenditen der Verträge verglichen und der jeweilige Mehr- oder Minderertrag pro Jahr in Prozent ausgewiesen. Darüber hinaus wurden auch die Ablaufrenditen mit den Sparplanrenditen verglichen, um aufzuzeigen, wie viel Mehrertrag Verbraucher hätten erzielen können, wenn sie von vornherein Risikoschutz und Sparplan getrennt hätten. Sämtliche Vertragsdaten beruhen auf anonymisierten Beratungsfällen der Verbraucherzentrale Hamburg. Anhand dieser anonymisierten Vertragsunterlagen, die ÖKO-TEST von der Verbraucherzentrale zur Verfügung gestellt wurden, errechnete mathconcepts, ein Büro für Versicherungs- und Finanzmathematik, die Kostenquoten der Verträge sowie die Ablauf- und Sparrenditen und in Zusammenarbeit mit ÖKO-TEST die Renditen der alternativen Sparpläne mit Bundesanleihen. Die anschließende Auswertung sowie die Analyse der Stichprobe nach Garantiezins, Laufzeit und Fälligkeitsjahr der Policen erfolgten durch ÖKO-TEST.