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ÖKO-TEST Juli 2015
vom

Private Krankenversicherungen

Rechtzeitig wechseln

Privat Krankenversicherte sollten auf der Hut sein. Spätestens zum Jahreswechsel drohen wieder steigende Beiträge. Doch die muss kein Kunde tatenlos hinnehmen. ÖKO-TEST zeigt, wie sie gegensteuern können.

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26.06.2015 | Privat Krankenversicherte haben seit Jahren das gesetzlich verbriefte Recht, unter Mitnahme der angesparten Altersrückstellungen in einen vergleichbaren Tarif ihres Anbieters zu wechseln, um Beiträge zu sparen. Doch viele Versicherer haben ihren Kunden dabei lange Zeit Steine in den Weg gelegt. Beispielsweise indem sie Anfragen monatelang liegen ließen, nur wenige Tarife mit schlechteren Leistungen anboten, neue Gesundheitsprüfungen verlangten oder ein buntes Sammelsurium von Tarifen nur mit Preisangaben zur Verfügung stellten, ohne auf Leistungsunterschiede hinzuweisen. Damit soll es ab 2016 jedoch vorbei sein. Nach massiver Kritik von Politik und Öffentlichkeit hat die Branche eine Service-Initiative ins Leben gerufen, um den Tarifwechsel ab 2016 kundenfreundlicher zu machen und für mehr Transparenz zu sorgen. Die Beachtung des neuen Tarifwechsel-Leitfadens ist für die Versicherer allerdings freiwillig - und bislang haben sich nur 87 Prozent der Anbieter dazu verpflichtet.

Kurz vor dem Start der neuen Initiative kommt die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) zudem mit einer Forderung, die den Anreiz zum Tarifwechsel massiv reduziert. Denn sie fordert, die Anrechnung der Altersrückstellungen beim Tarifwechsel zu begrenzen, um "die Beitragsentwicklung zu stabilisieren", so die DAV. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Doch der Tarifwechsel war und ist für die Branche ein Problem. Der Grund liegt auf der Hand: Die Kosten für die Gesundheitsversorgung steigen stetig. Nicht nur weil die Bundesbürger immer älter werden, sondern auch weil die Zahl der chronisch Kranken zunimmt. Das spüren nicht nur die gesetzlichen Krankenkassen, sondern auch die privaten Krankenversicherer (PKV). Um konkurrenzfähig zu bleiben, brauchen sie aber neue Kunden - am besten junge, gesunde Gutverdiener. Die wechseln aber nur bei günstigen Tarifen in die PKV. Deshalb werden immer wieder neue Tarife aufgelegt. Wenn nun immer mehr Altversicherte mit hohen Risiken in diese neuen Tarife wechseln, explodieren auch hier die Kosten - und für neue Kunden wird der Wechsel aus der gesetzlichen in die private Krankenversicherung unattraktiv. Kurz: Die Branche sieht sich infolge des zunehmenden politischen Drucks zwar gezwungen, mehr Service beim Tarifwechsel zu bieten, sieht bei verstärktem Wechsel aber offenbar das gesamte System der privaten Krankenversicherung bedroht.

Ob sich der Branchenverband DAV mit seiner Forderung durchsetzen kann, steht zwar noch in den Sternen. Doch für alle privaten Krankenversicherten sollten sie Anlass genug sein, ihre Tarife einmal zu überprüfen - spätestens wenn Ende des Jahres wieder Beitragserhöhungen in den Alttarifen drohen. Die hat die Branche bereits angekündigt. Denn genau wie die Lebensversicherer klagen auch die Krankenversicherer über die derzeit sehr niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt, die zu schrumpfenden Altersrückstellungen der Versicherten führt. Hinzu kommen gestiegene Arznei- und Krankenhauskosten. Die wieder anziehende Beitragsspirale trifft ältere Kunden am härtesten. Denn sie zahlen nach zwei oder drei Jahrzehnten in der PKV nicht selten bereits 600 bis 800 Euro Monatsbeitrag. Viele können das kaum noch stemmen und würden gerne in die gesetzliche Krankenversicherung zurückkehren. Dieser Weg steht aber nur Versicherten offen, die noch keine 55 Jahre alt sind und deren Einkommen ein Jahr lang unter der Versicherungspflichtgrenze (derzeit 54.900 Euro) liegt. Allen anderen bleibt nur der Weg, die Beiträge durch einen Tarifwechsel oder die Erhöhung des Selbstbehalts zu senken.

ÖKO-TEST wollte genau wissen, wie viel Sparpotenzial beides bietet, und hat anhand hypothetischer Beispielsfälle für einen 55-jährigen Mann und eine gleichaltrige Frau ausgerechnet, wie viel Monatsbeitrag sich sparen lässt. Dazu wurden 120 Tarifkombinationen von 20 marktführenden privaten Versicherern unter die Lupe genommen. In allen Beispielen ist unterstellt, dass der jeweilige Kunde seinem Versicherer und dem ursprünglich gewählten Ausgangstarif seit 15 Jahren die Treue hält. Doch Vorsicht: Das Sparpotenzial lässt sich nicht eins zu eins auf reale Kunden übertragen. Denn in der Praxis hängt sowohl die Höhe der gebildeten Altersrückstellungen als auch das Sparpotenzial ausschließlich vom individuellen Versicherungsverlauf ab. Deshalb können die Testergebnisse nur als Beispiel dienen, wie viel Beitragsminderung möglich und was beim Wechsel alles zu beachten ist.

Das Testergebnis

Das größte Sparpotenzial lässt sich meist bei einem Tarifwechsel erzielen. Unser männlicher Musterkunde könnte zum Beispiel jeden Monat bis zu 283,17 Euro sparen. Die reine Erhöhung des Selbstbehalts im abgeschlossenen Tarif lohnt sich dagegen nur selten. Zwar sieht die Beitragsersparnis auf den ersten Blick bisweilen üppig aus. Doch im Krankheitsfall müssen die Kunden erst einmal tief in die eigene Tasche greifen, bevor auch der Versicherer ranmuss. Unterm Strich sind in allen untersuchten Musterfällen mit erhöhtem Selbstbehalt daher maximal 163 Euro anfängliche Ersparnis pro Monat drin. Oft springt aber auch nur eine Ersparnis von 20 bis 70 Euro pro Monat heraus. Der Vorteil hält zudem selten lange. Denn bei künftigen Beitragssteigerungen sind die Versicherten weiter kräftig dabei. Nicht selten ist der Monatsbeitrag vier bis fünf Jahre nach Umstellung schon wieder genauso hoch wie vorher, nur der Selbstbehalt hat sich verdoppelt oder verdreifacht. Kurz: das ist selten ein gutes Geschäft.

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Weitere Informationen

Untersucht wurden private Kranken-Vollkostentarife für einen 55-jährigen Mann und eine gleichaltrige Frau, die seit 15 Jahren unverändert im jeweiligen Alttarif (oder einem leistungsgleichen Vortarif) beim jeweiligen privaten Krankenversicherer versichert sind. Die hypothetischen Musterkunden sind Angestellte (Bank- oder Versicherungsbranche) und waren bei Vertragsabschluss gesund. Etwaige Risikozuschläge oder sonstige individuelle Vertragsabweichungen wurden daher nicht berücksichtigt. Laut Modellannahme wollen sie durch einen Tarifwechsel nach § 204 Versicherungsvertragsgesetz (VVG) innerhalb der jeweiligen Gesellschaft oder durch eine Erhöhung des Selbstbehalts ihren Monatsbeitrag reduzieren, ohne allzu große Leistungseinbußen hinnehmen zu müssen. Die bisher gebildeten kollektiven Alterungsrückstellungen sollen dabei auf den Monatsbeitrag angerechnet werden - und zwar in voller Höhe, sofern der jeweilige Versicherer die Prämie nicht gemäß § 13 Kalkulationsverordnung auf das ursprüngliche Eintrittsalter der Kunden begrenzt.

Um zu verdeutlichen, welche Risiken Bestandskunden eingehen, die aus der alten Bisex-Welt in neue Unisextarife wechseln, wurden zudem die Beiträge für unsere Musterkunden in den Sozialtarifen der Privaten Krankenversicherung (PKV), dem Standardtarif (Bisex-Tarif) und dem Basistarif (Unisex-Tarif), ermittelt. Sie zeigen auf, wie weit der jeweilige Kunde seinen Beitrag im Alter maximal drücken kann, falls er sich seinen bisherigen Krankenversicherungsschutz als Rentner aus finanziellen Gründen nicht mehr leisten kann und daher auf ein Schutzniveau wechseln muss, das in etwa der gesetzlichen Krankenversicherung entspricht.
Sämtliche kollektive Alterungsrückstellungen wurden von ÖKO-TEST ausschließlich auf hypothetischer Basis nach einem Näherungsverfahren ermittelt. Die hypothetischen Musterbeispiele lassen sich daher nicht 1:1 auf reale Kunden in diesen Tarifen übertragen, da die Höhe der Alterungsrückstellungen und die Sparpotentiale in der Praxis vom individuellen Vertragsablauf abhängen.
Sämtliche Daten zu den Tarifen und den Versicherungsunternehmen wurden der Software des Freiburger Marktbeobachters www.KVpro.de entnommen. Die Beitragsentwicklung aus den bereits 2009 oder 2012 geschlossenen Tarifen wurde auf Basis der historischen Daten hochgerechnet. Die Auswahl der Tarife und die Ermittlung der Beitragsersparnis erfolgten durch ÖKO-TEST. Anschließend wurden die Daten den Versicherern zur Stellungnahme und Verifizierung vorgelegt, die Daten abgeglichen und etwaige Unstimmigkeiten geklärt. Sofern die Versicherer weitere/andere Zieltarife vorschlugen, die dem Testdesign entsprachen, wurden sie übernommen.