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492 Unfallversicherungen im Test

Ratgeber Gesundheit 10:2010 mit CD
vom 03.09.2010

Unfallversicherungen

Sturz ins goldene Netz

Die private Unfallversicherung ist wichtig. Unser Test zeigt gewaltige Preis- und Leistungsunterschiede. Teure und gleichzeitig schlechte Policen sind keine Seltenheit.

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03.09.2010 | Wie wichtig Leistung bei der Unfallversicherung ist, zeigen zwei aktuelle Urteile. Vor dem Münchener Amtsgericht verlor ein Versicherter, der seine Behinderung, die er nach einem Sturz auf Glatteis erlitten hatte, zu spät anzeigte (163 C 22609/08). Die Fristen für eine solche Meldung schwanken je nach Tarif und Anbieter zwischen 15 und 36 Monaten. Es gilt die Regel: Je länger, desto besser.

In einem anderen Fall wollte die Versicherung nicht zahlen, weil sie bestritt, dass ein Bandscheibenvorfall überwiegend von einem Autounfall verursacht worden war. Die Versicherung verlor aufgrund eines Gutachtens (OLG Koblenz, 10 U 1848/05). Entscheidend war hier die Vorerkrankung. Auch bei ihrer Anrechnung gibt es eine große Bandbreite am Markt. Wer einen guten Tarif wählt, muss deutlich seltener mit Abzügen rechnen.

Eine leistungsstarke private Unfallversicherung ist ein Rundumschutz. Sie gilt überall auf der Welt, 24 Stunden am Tag. Egal ob man als Auto- oder Radfahrer oder per pedes unterwegs ist. Gleichzeitig schützt die Police bei der unfallträchtigen Haus- oder Gartenarbeit. Sie ist somit ein bedeutsames Stück Sicherheit im privaten Leben.

Lückenhafter Staatsschutz

Besonders für alle Arbeitnehmer, die keine Berufsunfähigkeitsversicherung mehr bekommen können, weil sie schon krank sind, ist der private Unfallschutz besonders wichtig und zu empfehlen. Er ist leicht erhältlich. Es gibt nur wenige Fragen zur Gesundheitsprüfung. Und Unfälle passieren Gesunden wie Kranken gleichermaßen.

Staatlichen Unfallschutz gibt es nur auf den Wegen von und zur Arbeit und während des Jobs. Doch der gesetzliche Schutz ist nur marginal und reicht meistens nicht, um den Lebensstandard aufrechtzuhalten.

Ein Zuschuss - die private Unfallversicherung wird nicht mit anderen Leistungen verrechnet - kann da existenziell sein. Doch der Test zeigt: Es ist ohne Weiteres möglich, eine teure und leistungsschwache private Police zu bekommen.

Risikokunden zahlen drauf

Die privaten Versicherer teilen ihre Kunden in zwei Risikogruppen ein. Dabei sind das Geschlecht und die berufliche Tätigkeit entscheidend. Während Frauen - auch handwerklich tätige - meist der günstigen Gefahrengruppe zugeordnet werden, müssen körperlich arbeitende Männer rund das Doppelte zahlen wie beispielsweise Büroangestellte. Im Test wurden die Prämien der günstigeren Risikogruppe für eine Grundsumme von 150.000 Euro abgefragt. Gleichzeitig musste der Tarif für höhere Invaliditätsgrade eine steigende Leistungskurve (Progression) bieten. Bei Vollinvalidität müssen so mindestens 525.000 Euro gezahlt werden. "Eine Unfallversicherung mit Progression ist sinnvoll. Nur dann ist eine ausreichende Absicherung gegeben", erläutert Georg Pitzl, Versicherungsberater aus Bobingen bei Augsburg.

Voll im Trend liegen Unfallversicherungen für Senioren. Angeboten werden unter anderem Produkte mit Hilfeleistungen für Ältere und einer kleinen Summe oder eine Rente, falls Invalidität eintritt. ÖKO-Test hat daher in diesem Test zusätzlich untersucht, welche Versicherer herkömmliche Unfallpolicen mit hoher Leistung für Senioren anbieten. Hier finden Sie die Ergebnisse für die Modellfälle Frau/Mann 40 und 50 Jahre, die Modellfälle 30, 60, 65, 70 und 75 sind unter www.oekotest.de abrufbar.

Das Testergebnis

Die Preisunterschiede am Markt sind gewaltig. Der Schutz für einen 40-jährigen Mann kostet zwischen 150 und 530 Euro, eine Frau zahlt bis 440 Euro. Noch größer sind die Unterschiede bei Senioren: Männer zahlen mit 75 zwischen 273 und 708 Euro, Frauen sogar bis 943.

Trotzdem gibt es für das viele Geld nicht die höchsten Leistungen im Test. Mit 38,0 Punkten liegt die InterRisk leistungsmäßig an der Spitze, muss sich aber wegen des Preises mit Rang 2 begnügen.

Insgesamt haben 102 der 492 untersuchten Modellfälle den 1. Rang erreicht. Erfeulich auch: Nur neun Modellfälle liegen auf einem schwachen 5. Rang.

Bestimmte Unfallrisiken sind nicht versichert. Dazu gehören Unfälle, die während einer Straftat passieren, und Unfälle, bei denen der Versicherte nicht mehr Herr seiner sieben Sinne war. Bei der Droge Alkohol drücken die Versicherer - solange keine Bewusstseinsstörung vorlag - allerdings beide Augen zu und gewähren Schutz, oft sogar auch im Straßenverkehr.

Wer in jungen Jahren einen Unfallvertrag schließt, sollte schon darauf achten, dass der Vertrag eine unbegrenzte oder lange Laufzeit hat. Bei einer ganzen Reihe von Versicherern läuft der Vertrag mit 70 oder 75 aus. Bei anderen werden die Leistungen herabgesetzt. Ein neuer Vertrag dürfte dann teurer werden. Vielleicht wird der Kunde auch wegen schwerer Vorerkrankung gar nicht erst aufgenommen.

Achten sollten Senioren vor allem auf die Schwelle der Leistungskürzung bei Gebrechen und Vorerkrankungen. Je höher diese Schwelle liegt, desto sicherer ist eine Entschädigung. HUK-Coburg und Janitos - beide versichern auch 75-Jährige - kürzen die Leistung erst, wenn die Hälfte der Behinderung auf eine Vorerkrankung entfällt.



So rechnen die Versicherer

Wie die Unfallversicherer einen Schaden berechnen: Unfall: Der Versicherte verliert ein Auge. Nach der sogenannten Gliedertaxe des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) liegt der Invaliditätsgrad beim Verlust eines Auges bei 50 Prozent. Somit erhält der Versicherte 50 Prozent der vereinbarten Versicherungssumme ausgezahlt. Mit verbesserter Gliedertaxe, z.B. 60 Prozent für den Verlust eines Auges, und einem Steigerungstarif, z.B. Progression 350 Prozent von 60 Prozent auf 150 Prozent, erhält der Versicherte bei einer Grundsumme von 150.000 Euro 225.000 Euro ausgezahlt.

Wie die gesetzliche Unfallversicherung rechnet

Gesetzlichen Unfallschutz gibt es nicht in der Freizeit, sondern nur auf dem Weg zum Job und während der Arbeitszeit. Schon ein kleiner privater Umweg kann den Schutz kosten. Eine gesetzliche Unfallrente errechnet sich aus der Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) und gilt erst ab 20 Prozent. Basis ist das Arbeitseinkommen in den letzten zwölf Kalendermonaten vor dem Versicherungsfall. Wer 60.000 Euro verdiente und einen MdE-Grad von 50 Prozent nachweist, bekommt aus zwei Drittel seines Arbeitseinkommens eine Rente. Im Beispiel wären das 1.666 Euro pro Monat.