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224 Betriebliche Altersvorsorgeprodukte im Test

Vorsicht Falle

ÖKO-TEST Dezember 2009 | Kategorie: Geld und Recht | 27.11.2009

224 Betriebliche Altersvorsorgeprodukte im Test

Mit einer Direktversicherung können Arbeitnehmer bequem für das Alter vorsorgen. Sie sparen auch kräftig Steuern und Sozialabgaben. Trotzdem müssen Arbeitnehmer über 90 Jahre alt werden, damit sich eine lebenslange Betriebsrente lohnt.

Betriebliche Direktversicherungen sind nichts anderes als Rentenversicherungsverträge. Versichert ist der Arbeitnehmer. Ihm stehen alle Leistungen aus der Police zu. Versicherungsnehmer ist der Arbeitgeber. Er wählt den Anbieter aus, schließt die Police für seine Mitarbeiter ab und überweist die Beträge an die Versicherung.

Die Mitarbeiter können ihren Vertrag durch Auswahl oder Verzicht von Zusatzleistungen optimieren. Für Ehepaare beispielsweise lohnt meist ein Tarif mit Todesfallschutz. Allerdings gibt es solche Vertragszusätze nicht zum Nulltarif. Sie drücken auf die Höhe der Altersrente. Deshalb lohnt der Zusatz nicht für eingefleischte Singles. Sie können bis auf ein Sterbegeld von 8.000 Euro ohnehin nichts von der Betriebsrente vererben.

ÖKO-TEST hat insgesamt 224 Tarife zur Entgeltumwandlung von 26 verschiedenen Anbietern unter die Lupe genommen. Dabei handelt es sich durchweg um Klassiktarife mit Todesfallleistung. Geprüft wurden jeweils acht verschiedene Modellfälle. Hier im Heft finden Sie die Modellfälle Mann und Frau, 35 Jahre. Die restlichen Fälle haben wir ins Internet gestellt.

Das Testergebnis

Betriebliche Direktversicherungen sind ein gutes Geschäft - in erster Linie für die Versicherer. Arbeitnehmer sollten dagegen sorgfältig überlegen, ob sich diese Form der Betriebsrente für sie wirklich lohnt. Das liegt nicht nur daran, dass gesetzlich Krankenversicherte - anders als bei der Privatvorsorge - auf die spätere Rente den vollen Beitragssatz für die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung (insgesamt 17 bis 18 Prozent) zahlen müssen. Schon die Basisrendite dieser Vorsorgeform ist nicht gerade üppig. Das zeigt ein Blick auf die garantierten Renten ebenso wie auf die in Aussicht gestellten Renten mit Überschüssen.

Wer damit rechnet, lediglich 80 Jahre alt zu werden, kann nicht einmal sicher sein, seine gezahlten Beiträge in Form monatlicher Rentenleistungen zurückzuerhalten. Denn die Rendite auf die garantierte Rentenleistung liegt in diesem Alter durchweg im Minus. Der 35-jährige Mann schrammt mit -0,25 Prozent Rendite bestenfalls knapp an der Nullverzinsung vorbei. Schlimmstenfalls ist sein Kapital jedoch mit -0,85 Prozent geschrumpft. Noch schlechter sehen die Ergebnisse für Arbeitnehmer aus, die erst im Alter von 50 Jahren mit dem Ansparen der Betriebsrente beginnen. Fließt bei ihnen nur die Garantierente zurück, sind Verluste von -1,11 bis -1,87 Prozent pro Jahr vorprogrammiert. Den Erhalt des eingesetzten Kapitals erreichen 50-jährige Männer erst im Alter von 84 bis 85 Jahren, 35-jährige sind schon mit rund 82 Jahren dabei.

Noch bitterer sieht es für Frauen aus. Weil sie üblicherweise länger leben als Männer, muss das angesparte Kapital nach Kalkulation der Versicherer für eine längere Rentenbezugsphase reichen. Folge: Bei gleicher Beitragszahlung springt für sie eine noch niedrigere Garantierente als bei Männern heraus. Entsprechend höher sind die Verluste, falls der Versicherer die zugesagte Leistung nicht durch Überschüsse aufpolstern kann. Bei allen untersuchten Tarifen wird die 35-jährige Frau allein mit der garantierten Rente bis zum 80. Lebensjahr daher Verlust machen. Im günstigsten Fall sind es -0,62 Prozent p ro Jahr, im schlimmsten Fall sind die Verluste mit -1,22 Prozent sogar doppelt so hoch. Falls Frau erst im Alter von 50 mit der Entgeltumwandlung beginnt, sind bis 80 sogar Verluste von -1,71 bis -2,45 Prozent vorprogrammiert. Kurz: Frau muss schon mindestens knapp 85 bis 86 Jahre alt werden, damit der reine Kapitalerhalt gewährleistet ist.

Die meisten Arbeitnehmer hoffen aber auch bei Direktversicherungen, dass der jeweilige Versicherer die garantierte Leistung durch Überschusserträge aufpolstert. Hohe Renditen sind aber auch hier nicht zu erwarten. Der 35-jährige Mann erreicht im besten Fall 4,38 Prozent Rendite, die gleichaltrige Frau sogar 4,47 Prozent. So viel stellt ihnen jedenfalls die Europa in Aussicht - und erreicht damit bei der prognostizierten Leistung immerhin Rang 2. Fast ebenso gut ist das Angebot des R+V Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit (Mann 4,35 Prozent, Frau 4,45 Prozent). Der Volkswohl Bund kommt bei Tarif D/SR mit 4,15 Prozent Ertrag für den Mann und 4,25 Prozent für die Frau ebenfalls auf Rang 2. In den Genuss des kostengünstigen Einzeltarifs kommen aber nur Beschäftigte von Arbeitgebern, die Mitglied im Verein zur Förderung der mittelständischen Wirtschaft sind. Alle anderen erhalten den Standardtarif mit deutlich schlechteren Renditen.

Doch auch grundsätzlich gilt: Um in den Genuss von mehr als vier Prozent Ertrag zu kommen, muss der 35-jährige Mann auf jeden Fall älter als 86 Jahre und die Frau sogar über 90 Jahre alt werden. Wer nur bis 80 lebt, erzielt auch inklusive Überschuss kaum mehr als 2,5 bis 2,8 Prozent Rendite.

Das Testergebnis sieht ein wenig besser aus, wenn man die Tarife auf Basis der Kapitalabfindung bewertet. Zwar dürfen Arbeitgeber eigentlich nur solche Produkte als betriebliche Direktversicherungen anbieten, die primär eine lebenslange Betriebsrente zusichern. Sonst sind die Verträge nicht förderfähig. Enthalten die Verträge aber eine Option auf Kapitalabfindung, für die sich der Arbeitnehmer kurz vor Rentenbeginn entscheiden kann, wird das vom Fiskus toleriert.

Diese Option sollten sich künftige Betriebsrentner auf jeden Fall offenhalten. Bei Wahl der Kapitalabfindung springen für den Mann im Schnitt gut und gern 0,5 bis 0,6 Prozent, bei einzelnen Anbietern sogar bis zu 0,8 Prozent mehr Ertrag heraus. Für Frauen ist der Vorteil nicht ganz so üppig. Doch 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte mehr Ertrag sind drin. Noch höher kann der Vorteil für ältere Sparer sein. Hier sind bis zu ein Prozent mehr Rendite bei Wahl der Kapitalabfindung drin.

Tendenziell gilt: Wer eine gute Rentenleistung bietet, ist auch bei der Kapitalabfindung spitze. Versicherer, wie die Europa, der Volkswohl Bund beim Tarif D/SR und die R+V a.G und holen locker Kapitalrenditen von 4,74 bis 5,05 Prozent aus dem Vertrag heraus. Doch auch die Hannoversche schiebt sich mit 4,73 Prozent Rendite für den Mann und 4,72 Prozent Rendite für die Frau auf einen Spitzenplatz.

Um auf vier Prozent Rendite zu kommen, müssen Versicherte schon 86 bis 90 Jahre alt werden

Doch Vorsicht: Nicht immer muss die Rentenrendite magerer als die Kapitalrendite ausfallen. Es gibt auch Anbieter und Tarife, da ist es genau umgekehrt. Besonders sichtbar wird das bei den Tarifen für 50-Jährige. Hier bleiben die Kapitalrenditen bei der Hamburg-Mannheimer, der Victoria, der VLV und der R + V um bis zu einem Prozent hinter der Rentenrendite zurück. Der Grund für diesen Effekt: Alle Versicherer bilden schon in der Ansparphase einen Rücklagentopf für die Verwaltungskosten in der späteren Rentenphase. Wählt der Versicherte dann zu Rentenbeginn die Kapitalabfindung, rücken aber längst nicht alle Anbieter diese nun nicht benötigten Verwaltungskosten wieder an ihre Kunden heraus. Weiteres Manko: Falls die Überschüsse demnächst nur noch tröpfeln, sind womöglich auch bei der Kapitalabfindung nur noch die garantierten Leistungen drin. Bei Werten zwischen 74.453 Euro (Victoria, Mann, 35) und 81.994 (Hannoversche, Mann, 35) winkt eine Sparrendite zwischen 1,1 bis 1,7 Prozent. Damit liegen die Erträge wahrscheinlich sogar unterhalb der Inflationsrate. Real hagelt es also Verluste, wenn nur die garantierten Leistungen fließen.

Mehr noch: Die ohnehin mageren Renditen erzielen nur Arbeitnehmer, die ihren Vertrag bis zum Rentenalter unverändert durchhalten. Wer das nicht kann, sondern Zahlpausen einlegen muss oder den Arbeitgeber wechselt, dem drohen weitere herbe Einbußen. Dabei ist eine entsprechende vertragliche Flexibilität bei Tarifen zur Entgeltumwandlung in der heutigen Arbeitswelt oft schon aus betrieblichen Gründen vonnöten. So können der Umstieg auf eine Teilzeitstelle oder Kurzarbeit im Betrieb dazu führen, dass Arbeitnehmer den anfänglich vereinbarten Beitrag nicht mehr aufbringen können. Auch bei Arbeitslosigkeit verfügen viele nicht über die Mittel, den Vertrag privat unverändert fortzuführen.

Doch gerade die Beitragsfreistellung kann teuer werden. Zwar dürfen die Versicherer die Provision des Vermittlers nicht mehr wie bislang mit den ersten Beiträgen verrechnen, sondern sie müssen sie auf fünf Jahre verteilen. Dennoch führen hohe Provisionen nach wie vor dazu, dass anfangs nur wenig von den bisherigen Einzahlungen zur Bildung einer beitragsfreien Rente zur Verfügung steht. Einige Versicherer haben zudem hausintern eine Mindestrentenhöhe festgelegt. Wird die nicht erreicht, beenden sie einfach den Vertrag - und kehren das Restkapital an den Arbeitnehmer aus.

Gerade mal 1,1 bis 1,7 Prozent Sparrendite sind zu Rentenbeginn wirklich garantiert

In diese Falle würden die Mitarbeiter zum Beispiel tappen, wenn sie sich für eine Direktversicherung der Condor, der Delta Lloyd, der Europa, der Hamburger Leben und des Volkswohl Bunds entscheiden und den Vertrag bereits nach zwei Jahren beitragsfrei stellen. Doch auch in anderen Fällen sind die Preis-Leistungs-Unterschiede bei Beitragsfreistellung enorm. So würde ein 35-jähriger Arbeitnehmer nach zwei Jahren und 4.200 Euro Einzahlung bei der Hannoverschen immerhin eine garantierte beitragsfreie Rente von 28,17 Euro erhalten, bei der Hanse Merkur, Tarif RB7M, springen dagegen mit 13,30 Euro weniger als die Hälfte heraus. Ähnlich sieht es bei Beitragsfreistellung nach fünf Jahren aus. Während hier die Hannoversche mit 68,17 Euro eine erstklassige Leistung bietet, sind bei der Victoria mit 39,97 Euro über vierzig Prozent weniger bei gleicher Einzahlung drin.

Ob solche Preis-Leistungs-Unterschiede und insbesondere die Zwangsabfindung des Vertrags bei Nichterreichen der vom Versicherer einseitig festgelegten Mindestrentenhöhe arbeitsrechtlich immer zulässig sind, darüber entscheiden vermutlich die Gerichte. Gegebenenfalls können Arbeitnehmer sogar ihren Chef für Verluste haftbar machen. Das wäre zum Beispiel denkbar, wenn der Betrieb Kurzarbeit anordnet, bei den Tarifen zur Entgeltumwandlung jedoch keine Möglichkeit zur Anpassung der Beiträge besteht oder die Beitragsfreistellung mit hohen Einbußen bis hin zum Verlust der erworbenen Betriebsrentenansprüche verbunden ist.

Arbeitnehmern drohen hohe Risiken, falls bei Jobwechsel 50 Prozent der Beiträge verloren gehen

In Zeiten wachsender beruflicher Mobilität müssen Arbeitnehmer aber auch genau wissen, wie viel Kapital ihnen bleibt, wenn sie nach wenigen Sparjahren arbeitslos werden oder den Arbeitgeber wechseln. Wie groß die Unterschiede hier sein können, zeigt ein Blick auf die Tabelle: Während der 35-jährige Arbeitnehmer nach zwei Sparjahren mit insgesamt 4.200 Euro Einzahlungen bei der Hannoverschen immerhin 3.908 Euro zum neuen Arbeitgeber mitnehmen kann, würde ihm die Hanse Merkur, Tarif RB7M, garantiert lediglich 1.997 Euro an Übertragungskapital mitgeben - das sind ganze 47,5 Prozent vom bislang eingezahlten Kapital.

ÖKO-TEST hat deshalb die Übertragungswerte ebenso wie die beitragsfreien Renten in die Bewertung einbezogen - und auf diese Weise Anbieter mit mangelnder vertraglicher Flexibilität abgewertet. Diese Rankingmethode hilft auch Arbeitgebern, schnell die Spreu vom Weizen zu trennen. Denn falls die Arbeitsgerichte in den geschilderten Fällen zu dem Ergebnis kommen, dass der Arbeitgeber bei solchen Tarifen schadenersatzpflichtig ist, kann das teuer werden, wie das Beispiel der Hanse Merkur zeigt. Bei einem Übertragungswert von 1.997 Euro garantiert plus 124 Euro aus Überschüssen würden dem 35-Jährigen bei Jobwechsel von den insgesamt eingezahlten 4.200 Euro glatt 2.079 Euro oder rund 50 Prozent der Beiträge verloren gehen. Selbst nach fünf Jahren bleibt ein Verlust von fast einem Drittel der Einzahlungen oder 3.303 Euro. Das beschert dem Tarif bei gleichzeitig bescheidenen Leistungen im Fall der Beitragsfreistellung Note 5,5 bei der Vertragsflexibilität.

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Testverfahren