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Welternährung

Welternährung
vom 26.06.2015

Welternährung

Die Erde kann mehr als neun Milliarden Menschen ernähren. Sollen die Lasten für den Globus erträglich bleiben, müssen sich Landwirtschaft und Verbraucher jedoch kräftig umstellen.

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Als Thomas Robert Malthus den Teufel an die Wand malte, war die Erde noch ein recht spärlich besiedelter Ort. Die Weltbevölkerung zählte gerade erst eine Milliarde Menschen, da warnte der englische Ökonom, die Nahrung werde knapp. In seinem Essay on the Principle of Population, geschrieben im Jahr 1798, skizzierte er einen Teufelskreislauf: Die Menschheit vermehre sich in einem Tempo, mit dem die Steigerung der Erträge auf den Feldern nie Schritt halten könne. Malthus mahnte zu strikter Geburtenkontrolle; anderenfalls drohten böse Folgen: Überbevölkerung und Hunger. Gut 200 Jahre später leben auf der Erde 7,2 Milliarden Menschen, Tendenz: stark wachsend. Für 2070 rechnen Demografen gar mit einer Weltbevölkerung von 9,4 Milliarden Menschen; erst dann könnte die Zahl langsam sinken. Da wundert es nicht, dass das Magazin Nature einen gewissen „Malthusischen Alarmismus“ ausmacht, wie es im Editorial einer Schwerpunktausgabe im Juli 2010 zum Ernährungsthema hieß: „Wie sollen all die zusätzlichen Münder gefüttert werden?“, laute eine der drängendsten Fragen der Gegenwart. Wie weit nach oben sie seither auf der Tagesordnung gerückt ist, zeigt der Umstand, dass eine ganze Weltausstellung dem Thema Ernährung gewidmet ist: „Nutrire il Pianeta“ ist das Motto der EXPO 2015, die bis Ende Oktober in Mailand läuft. Über Wege, um „den Planeten zu ernähren“, denken nicht nur dort viele Wissenschaftler, Landwirte und Politiker nach – und auch immer mehr Verbraucher.

Wie viel Nahrungsmittel fast zehn Milliarden Menschen bräuchten, ist bereits präzise ausgerechnet: Es seien 70 Prozent mehr als heute, schrieb die UN-Welternährungsorganisation FAO im Jahr 2009. Zwar bezifferte ihr Bericht „How to feed the world in 2050“ den Zuwachs der Weltbevölkerung auf „nur“ 34 Prozent. Gleichzeitig werden die Menschen in vielen Weltgegenden aber wohlhabender: In China dürften die Einkommen im Schnitt um den Faktor 14 steigen, in Indien auf das 20-Fache. Wer mehr verdient, kauft mehr Lebensmittel: Zunächst pflanzliche Grundnahrungsmittel, dann auch energiereicheres Essen: Fleisch, zuckerhaltige Lebensmittel, Milchprodukte. In 35 Jahren gibt es nicht nur viel mehr Menschen; viele von ihnen werden wohl auch viel mehr essen als heute.

Die Bestelllisten für die Landwirte sind quasi schon fertig. Nach Schätzungen der FAO müsste die weltweite Getreideproduktion von 2,1 Milliarden (2009) auf drei Milliarden Tonnen je Jahr steigen. Ein erheblicher Teil davon würde freilich nicht benötigt, um Brot zu backen, sondern um Hühner, Schweine und Rinder zu mästen. Der Pro-Kopf-Verzehr an Fleisch soll laut dem Szenario der FAO in den Entwicklungsländern von 30 auf 44 Kilogramm im Jahr klettern, weltweit damit von 41 auf 52 Kilo. Insgesamt würden 470 Millionen Tonnen Fleisch benötigt – 200 Millionen mehr als heute.

Sind solche Zuwächse aber realistisch? Die Ansichten dazu sind geteilt. Optimisten blicken in die Vergangenheit. Sie erinnern daran, dass sich schon Thomas Malthus’ düstere Prophezeiungen nicht bewahrheiteten – und zwar deshalb, weil der Ökonom den wissenschaftlichen Fortschritt außer Acht ließ.

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