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Waldwildnis

Waldwildnis
vom 30.01.2015

Waldwildnis

Weltweit schrumpfen die unberührten Wälder rasant. Dabei sind diese in ihrem ursprünglichen Zustand erhaltenen Naturreservate wichtig für den Naturschutz und den Kampf gegen den Klimawandel. Und sie können, einmal zerstört, nicht wieder hergestellt werden

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Das Kürzel klingt technisch, doch der Name Y2Y steht für Natur in ungetrübter Ursprünglichkeit. Die Yellowstone-to-Yukon-Region, die sich auf 1,3 Millionen Quadratkilometern im Nordwesten der USA und in Kanada erstreckt, gilt als größte erhaltene intakte Bergwildnis der Welt. Dichte, bisher unberührte Nadelwälder in den Rocky Mountains, weite Wiesen, große Seen und Ströme bieten Lebensraum für einige der am stärksten bedrohten Tierarten Nordamerikas: Grizzlys, Wölfe, Luchse. Auch Hunderte Vogel- und Fischarten sind in dem 3.200 Kilometer langen, bis zu 800 Kilometer breiten Areal heimisch.

Aber die Wildnis schrumpft. Im US-amerikanischen Teil wüten immer wieder Waldbrände. In den kanadischen Provinzen Alberta und British Columbia ist es der Mensch, der sie zurückdrängt: In großem Stil wird Holz geschlagen, Öl und Gas gefördert.

Damit ist Y2Y keine Ausnahme. Weltweit ist der Urwald auf dem Rückzug. Alle zwei Sekunden verschwindet ein Stück so groß wie ein Fußballfeld. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace veröffentlichte kürzlich eine Studie über die Entwicklung der „intakten Waldlandschaften“ (Intact Forest Landscapes, kurz IFL). Zwischen 2000 und 2013 gingen 104 Millionen Hektar verloren. Weltweit nahm die Waldwildnis allein binnen 13 Jahren um acht Prozent ab. Jannes Stoppel, der die Studie für Greenpeace begleitet hat, nennt es „erschreckend, wie schnell der Mensch die Wildnis der Natur zurückdrängt“.

Die Wälder, die der Mensch verändert und zerstört, unterscheiden sich im Detail erheblich. Waldwildnis gibt es derzeit noch in 66 Ländern. 90 Prozent der intakten Waldgebiete jedoch konzentrieren sich in elf Ländern und allein drei von diesen, nämlich Kanada, Russland und Brasilien, beherbergen rund zwei Drittel der noch unberührten Waldflächen. In Kanada, Russland und Alaska erstreckt sich in der nördlichsten, kalten Klimazone ein riesiger Waldstreifen, der nach dem griechischen Gott des Winternordwinds als „borealer Waldgürtel“ bezeichnet wird. Da er erst nach den letzten Eiszeiten entstand, sprechen Forscher nicht von „Urwald“ im eigentlichen Sinn. Allerdings war das Gebiet bis vor Kurzem vom Menschen unbeeinflusst. Das ändert sich gerade: Rund die Hälfte der Verluste an „intakten Waldlandschaften“ verzeichnet die Studie in dieser Region.

Daneben gibt es Waldwildnis heute vor allem noch in den Tropen: auf Borneo, in Afrika, am Amazonas. Dortige Regenwälder gelten tatsächlich als Urwald; sie entwickelten sich seit ihrer Entstehung ungestört. Vor allem am Amazonas gibt es noch riesige Waldgebiete – die freilich immer mehr zurückgedrängt werden: Ein Viertel der Verluste an Waldwildnis entfiel auf diese Region. Ein weiteres Zehntel ging im afrikanischen Kongobecken verloren.

Damit ein Gebiet als „intakte Waldlandschaft“ eingestuft wird, muss es nicht vollständig bewaldet sein – auch Sümpfe und Wiesen, Felsgebiete, Flüsse und Seen kommen vor. Unabhängig von der jeweiligen Flora und Fauna muss es aber zwei Bedingungen erfüllen: Es darf vom Menschen nicht erschlossen sein – und muss eine bestimmte Größe haben. Als untere Grenze gilt eine Fläche von 500 Quadratkilometern. Zudem muss das Gebiet an seiner breitesten Stelle zehn Kilometer breit und Korridore dürfen nicht schmaler als zwei Kilometer sein.

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