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Wer braucht den Zoo?

Zoos
vom 01.11.2013

Wer braucht den Zoo?

Haben Zoos heute noch eine Existenzberechtigung? Ist es nicht völlig überholt und fast antiquiert, Tiere in Gehegen und Käfigen zu präsentieren? Wer wissen will, wie Menschenaffen, Raubkatzen, Greifvögel oder andere Wildtiere leben und jagen, hat schließlich jede Menge guter Filme und Bücher zur Verfügung. Und doch: Trotz aller berechtigter Kritik strömen die Besucher in die Tiergärten.

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Ob er schon mal das Gefühl gehabt hat, es Tierschützern recht machen zu können? Leipzigs Zoodirektor Dr. Jörg Junhold muss bei dieser Frage ein wenig überlegen. „Hillu Schröder hat mich vor ungefähr zwei Jahren mal vor laufender ZDF-Kamera gelobt, aber sehr viel mehr fällt mir nicht ein“, sagt er dann. Und legt danach Wert auf die Feststellung, dass es auch nicht „die“ Tierschützer gebe - genauso wenig wie man alle Zoos über einen Kamm scheren könne. Junhold weiß, wovon er spricht. Der promovierte Tierarzt hat 1997 als Geschäftsführer und Direktor den abgewirtschafteten Zoo Leipzig übernommen. Und ihn seitdem mit viel Fantasie, guten Ideen und noch mehr Geld zu einem der attraktivsten Tiergärten Deutschlands und Europas umgestaltet. „Zoo der Zukunft“ nennt Jörg Junhold das Projekt gerne selbst, in dem es darum geht, eine bessere, möglichst artgerechte Tierhaltung mit außergewöhnlichen Erlebnissen für die Besucher zu kombinieren.

Gondwanaland, im Sommer 2011 eröffnet, ist der neueste Teil von Junholds ehrgeizigem Masterplan. In der riesigen Halle mit 16.500 Quadratmetern soll ein Eindruck vom tropischen Regenwald mit seinem Pflanzen- und Artenreichtum vermittelt werden, das Zoopublikum sich in eine andere Welt versetzt fühlen. Bei 25 Grad Raumtemperatur und hoher Luftfeuchtigkeit wachsen nicht nur Bananen, Bambus und Palmen prächtig, die schwüle Wärme treibt auch so manchem Besucher, der auf dem Baumwipfelpfad nach den Tieren Ausschau hält, den Schweiß auf die Stirn.

Wo sind sie denn, die Zweifinger-Faultiere, Silberäffchen, grünen Leguane, Meerkatzen, Löffelhunde und Schabrackentapire? 300 Tiere aus Asien, Afrika und Südamerika leben im dschungelartigen Gondwanaland. Käfige sind hier verpönt, die Tiere sind durch Wassergräben, Glasscheiben oder versteckte Zäune voneinander und vor allem vom Besucher getrennt. Frei durch die Halle bewegen können sich also nur einige Vögel, aber im dichten Grün gibt es genug Versteck- und Rückzugsmöglichkeiten für die tierischen Bewohner. Und so sind Geduld und Beobachtungsgabe gefragt, egal ob der Besucher von Hängebrücken aufs grüne Blätterdach blickt, ebenerdig spaziert oder mit dem Boot über einen künstlich angelegten Fluss schaukelt.

Großzügig angelegt ist auch das Reich der Menschenaffen, in Leipzig Pongoland genannt. Die etwa 60 Bonobos, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans haben 30.000 Quadratmeter Platz, die Außen- wie auch die Innengehege sind groß und abwechslungsreich. Von wegen Präsentierteller: Die Affen können sich hinter Hügeln, Büschen und Bäumen den Blicken der Menschen entziehen. Aber sie können auch ganz nah herankommen: Da sitzt der alte Orang-Utan-Chef direkt am Wassergraben und schaut sich in aller Seelenruhe die vorbeiziehenden Zoobesucher an. Hinter ihm klettert das Jungvolk hoch in die Bäume, nur die Kleinen bleiben zum Schaukeln auf den unteren Ästen. Der Silberrücken der Gorillas dagegen zieht es vor, dem Publikum eine ganze Weile den Rücken zuzukehren, bevor er sich mit schaukelndem Gang über die Wiese zu seinen Gefährtinnen aufmacht.

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