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Winziges Korn, mächtige Wirkung

Saatgut
vom 26.03.2018

Winziges Korn, mächtige Wirkung

Saatgut ist von einem frei verfügbaren Allgemeingut zu einer privatisierten, hochprofitablen Handelsware geworden. Globale Konzerne bauen ihren Zugriff darauf immer weiter aus – über Patente, Fusionen und politischen Einfluss. Saatgut- und Menschenrechts-Initiativen leisten hartnäckig Widerstand.

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Es ist eine bunt gemischte, illustre Gesellschaft aus aller Welt, die sich in Birgit Kempes Wohnzimmer bis hoch zur Decke stapelt: Galina etwa, eine saftig-gelbe Wilde aus Sibirien, von dort stammt auch der Schwarze Prinz. Aus Kanada kommt die Weiße Schönheit, aus China der kleine Ping Pong und der Earl of Edgecombe hat seine lange Reise in Neuseeland begonnen. Jetzt sind die fünf in Dresden untergekommen und teilen sich den begrenzten Platz mit etwa 600 anderen ihrer Art: dicht gedrängt und katalogisiert in Karteikästen, Kunststoffboxen und Kartons.

Bei Galina & Co. Handelt es sich um Tomatensorten - in allen Farben und Formen, Größen und Geschmacksvariationen. Birgit Kempe hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, diese Vielfalt vor dem Verschwinden zu retten. Auf die Frage nach dem "Warum" verweist sie schlicht auf das, was der Handel an Tomaten im Angebot und ihr selbst "nie geschmeckt" hat: Während bei Äpfeln zumindest noch die Sorte - Gala, Topaz, Pink Lady, Braeburn etc. - angegeben ist, sucht man die bei Tomaten in der Regel vergeblich. Der Verbraucher erfährt gerade mal, ob es sich um Cocktail-, Rispen-, Fleisch-, Roma- oder Eiertomaten handelt, und hin und wieder findet er welche, die nicht rot sind. Vom Geschmack ist da noch gar nicht die Rede.

"Na und", könnte man meinen: Wenn mir die Ware aus dem Supermarkt nicht schmeckt, baue ich eben mein eigenes Gemüse im Garten oder auf dem Balkon an. Samentütchen gibt es schließlich in jedem Bau-, Bio- und Gartenmarkt. Kann man, na klar. Frischer geht’s nicht - und man weiß genau, wie das, was auf dem Teller landet, angebaut wurde. Allerdings: Eine größere Auswahl an Sorten hat man dadurch noch nicht. Denn das, was in den Tüten steckt, ist gesetzlich streng geregelt - Vielfalt spielt dabei die geringste Rolle.

So sieht das Saatgutverkehrsgesetz vor, dass nur Saatgut - ob für die Landwirtschaft oder den Kleingärtner - von klar definierten Sorten gehandelt bzw. "in Verkehr gebracht" werden darf. Zunächst müssen diese Sorten jedoch angemeldet, geprüft und zugelassen werden. Voraussetzung für eine Zulassung: Unterscheidbarkeit von anderen Sorten in einem "maßgeblichen Merkmal", Homogenität und Stabilität auch bei unterschiedlichen Standortbedingungen. Kurz: Sie müssen die aus dem Englischen abgeleiteten DUS-Kriterien (Distinctness, Uniformity, Stability) erfüllen. Außerdem benötigen sie eine eintragbare Sortenbezeichnung. Das heißt: Nur namentlich identifizierbare "DUS-Sorten" können im EU-Sortenkatalog registriert werden, und nur sie sind vermarktungsfähig.

Züchter können für ihre neuen Sorten zusätzlich noch Sortenschutz bzw. Patente beantragen: zum Schutz des geistigen Eigentums und um die hohen Kosten für die Züchtung wieder einzuspielen. Auf diese Weise ist eine Vielzahl der im EU-Sortenkatalog verzeichneten Sorten geschützt. Nur der Inhaber des Sortenschutzes hat das Recht, Saatgut dieser Sorte zu vertreiben und Lizenzgelder für deren Nutzung zu verlangen.

Ein Blick in den EU-Sortenkatalog offenbart zunächst eine erstaunliche Vielfalt: Wer in dieser Datenbank allein nach Tomaten (Solanum lycopersicum) sucht, findet für alle Mitgliedsstaaten aktuell mehr als 3.900 eingetragene Sorten. Mehr als genug, sollte man meinen, um den Appetit auf Abwechslung und Vielfalt zu stillen. Warum also betreiben Privatleute wie Birgit Kempe oder Initiativen wie der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) oder Dreschflegel, Arche Noah oder Pro Specie Rara so viel Aufwand, um alte und seltene Sorten zu erhalten? Denn dafür reicht es nicht, deren Samen zu sammeln und einfach in Kästen zu lagern und zu verwalten. Um keimfähig, vital und samenfest zu bleiben, müssen sie in regelmäßigen Abständen ausgesät und kultiviert, kurz: lebendig gehalten werden.

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