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So sollen Manganknollen abgebaut werden

Rohstoffsuche auf dem Meeresgrund
vom 01.03.2012

So sollen Manganknollen abgebaut werden

An Konzepten zur Förderung der Manganknollen wird noch gearbeitet. Probleme nicht nur der enorme Wasserdruck. Beim Abernten entstehen auch riesige Sedimentwolken, die das Öko-System der Tiefsee schädigen.

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Doch es könnte noch schlimmer kommen. Die Bergbauunternehmen planen nämlich, riesige Verarbeitungsschiffe auf hoher See zu stationieren, um die Manganknollen an Ort und Stelle zu verhütten. Die Konzerne versprechen sich davon einen doppelten Gewinn: Erstens ersparen sie sich den teuren Transport der Knollen an Land. Und zweitens haben sie das Entsorgungsproblem gleich mit gelöst, wenn sie den Müll direkt wieder in den Ozean kippen können. Für die Meeresschützer ist das eine Horrorvision. Der Knackpunkt sind die enormen Abfallmengen. Die begehrten Mineralien wie Kupfer, Nickel und Kobalt machen nämlich nur einen kleinen Bruchteil der gesamten Knollenmasse aus. Je nach Verhüttungsprozess werden nur etwa sechs bis fünfzehn Prozent aus den Erzbrocken herausgelöst. Der Rest besteht hauptsächlich aus Mangan - ein Metall, das an Land in ausreichender Menge zu haben ist. Am Ende bleiben also rund neunzig Prozent der gesamten Tiefseefracht als ein gigantischer Schrotthaufen zurück. Es sind Abfälle, die durch die Behandlung mit Säuren auch noch chemisch belastet sind und gesondert gelagert werden müssen. „Aber darüber hat man sich überhaupt noch gar keine Gedanken gemacht“, ärgert sich Schriever. „Wenn man das Zeug einfach zurück ins Meer wirft, dann richtet man noch mehr Schaden als bei der Bergung an. Das könnte auch zulasten der Nahrungskette gehen. Und wenn man den Fischen den Lebensraum und die Nahrung nimmt, trifft man letztendlich ja auch den Menschen.“

Aber was wissen wir wirklich über die Zusammenhänge zwischen der Unterwasserwelt und globalen Prozessen wie der Nahrungskette? Die Tiefsee ist bei Weitem der größte Lebensraum unseres Planeten. Mehr als zwei Drittel der Erde sind mit Ozeanen bedeckt, wobei die durchschnittliche Tiefe der Weltmeere rund 3.800 Meter beträgt. Aber höchstens ein Prozent davon gilt als erforscht. Und der Artenreichtum ist erst zu einem Bruchteil entschlüsselt. Wir kennen die Rückseite des Mondes besser als das komplexe Geschehen auf dem Meeresgrund. So hat auch kein Wissenschaftler bisher die ökologischen Risiken des Meeresbergbaus langfristig untersucht. Nur eines wissen wir heute genau: Weder ist die Tiefsee unendlich groß, noch verfügt sie über unerschöpfliche Ressourcen. „Es besteht die Gefahr, dass wir etwas zerstören, was wir noch nicht richtig begriffen haben“, warnt denn auch die Umweltschutzorganisation World Wide Found of Nature (WWF). Der von der UN als „gemeinsames Erbe der Menschheit“ deklarierte Tiefseeboden dürfe nicht an private Unternehmen verschleudert werden.

Zurück zur Meeresbodenbehörde, die dafür sorgen soll, den strengen Tiefsee-Bergbau-Kodex der UN auch tatsächlich durchzusetzen. So wird von allen Lizenznehmern gefordert, ihre Forschungsergebnisse und ihr technisches Wissen an die Entwicklungsländer weiterzugeben. Die Bergbaunationen müssen jährliche Gebühren entrichten, von denen hauptsächlich die ärmeren Staaten profitieren - vor allem jene ohne Seezugang. Sie sind verpflichtet, zusätzlich zu ihren eigenen Claims gleich große Fläche zu erwerben, die für spätere Forschung naturbelassen bleiben. Und sie müssen Auflagen erfüllen, um die Rohstoffe vom Meeresboden möglichst umweltschonend abzubauen. Das alles birgt eine Menge Konfliktpotenzial. Und so ist es auch zu erklären, dass die USA als einziges Küstenland und letzte große Industrienation der UN-Seerechtskonvention noch immer nicht beigetreten sind. Sie hadern mit der Verpflichtung zum Technologietransfer und befürchten ein strenges Umweltabkommen. Allerdings gibt es bisher ohnehin nur Auflagen, die sich auf die Suche und die Erkundung von Bodenschätzen beziehen. „Diese Regeln sind noch sehr unkonkret“, findet Meeresforscher Petersen. „Die Regularien für einen möglichen Erzabbau existieren ja noch gar nicht. Und ich denke, da wird die ISA auch noch große Schwierigkeiten bekommen.“

Ob oder wann der Tiefseebergbau im industriellen Maßstab jemals verwirklicht wird, darüber wagt heute noch kein Experte eine klare Prognose. Die große Frage ist, ob der Tiefseebergbau umweltverträglich gestaltet werden kann und wie viel wir bereit sind, dafür zu bezahlen. Welche enormen technischen Risiken am Tiefseeboden lauern, hat nicht zuletzt der verheerende Unfall der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko gezeigt. Damals schafften es die Ingenieure drei Monate lang nicht, das zerstörte Bohrloch am Meeresgrund zu versiegeln. Dabei waren die Gewässer mit einer Tiefe von 1.500 Metern eigentlich relativ flach. Aber letztlich werden wohl nicht die Umwelt, sondern die Politik und die Entwicklung der Rohstoffpreise die entscheidende Rolle spielen. „Nach allem was wir wissen, stehen wir beim Manganknollenabbau im Moment an der Schwelle zur Wirtschaftlichkeit. Je nachdem wie sich die Preise für die Rohstoffe entwickeln, könnte es in zehn oder zwanzig Jahren so weit sein“, glaubt beispielsweise der Geophysiker Christian Kuhn, Leiter des Fachbereichs Marine Rohstofferkundung in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Und der Meeresbiologe Gerd Schriever sagt: „Wenn Industrie und Politik eine Rohstoffförderung aus dem Meer wollen, dann werden wir es auch vonseiten des Umweltschutzes nicht verhindern können. In diesem Falle sollte man lieber versuchen, früh Einfluss zu nehmen, um in Zusammenarbeit mit der Industrie einen Abbau so umweltverträglich wie möglich zu gestalten.“

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