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Ressourcenabbau

Ressourcenabbau
vom 26.05.2017

Ressourcenabbau

Die Menschheit verarbeitet keinen festen Rohstoff in solch gewaltigen Mengen wie Sand und Kies. Gleichzeitig unterschätzen wir Sand eklatant: Er ist die Basis genialer Erfindungen und gigantischer Geschäfte, seinetwegen werden Menschen umgebracht und Öko-Systeme zerstört. Schaffen wir es, unseren Sandhunger nachhaltiger zu stillen?

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Erst ruht er unter Wasser, nicht sichtbar, aber dann taucht der Sand auf. Vom Grund des Baggersees gesaugt und mit Druck an Land befördert, steigt er in den Schaufeln des stählernen Schöpfrades ans Tageslicht. Die massive Maschine rüttelt den Sand, hievt ihn auf ein Förderband und spült das Wasser in den See zurück. Thomas Weber greift zu und wiegt in seinen Händen den nassen, grauen, silbrig schimmernden Rheinsand.

Seit drei Generationen baut Thomas Webers Familie diesen Sand ab. Sein Großvater, der Landwirt Heinrich Adam Büttel, gewann ihn in der Nachkriegszeit auf den Feldern seines Bauernhofs am Rhein. Heute leitet Thomas Weber die Büttel GmbH mit knapp 40 Mitarbeitern. Das mittelständische Wormser Unternehmen hat mehrere Standbeine, darunter zwei Kieswerke nahe eines Altarms des Rheins. Sie gewinnen zusammen etwa 400.000 Tonnen Sand und Kies pro Jahr, das meiste davon bleibt im Umkreis von 70 Kilometern. „Wir beliefern zu 80 Prozent Beton- und Asphaltmischwerke“, sagt Thomas Weber.

Von keinem anderen festen Rohstoff benötigen Deutschland und die Welt mehr als von Sand und Kies. 239 Millionen Tonnen im Wert von 1,5 Milliarden Euro wurden 2015 hierzulande produziert und abgenommen, berichtet der Bundesverband Mineralische Rohstoffe. Zum Vergleich: Als weltgrößter Produzent für Braunkohle hat Deutschland im gleichen Zeitraum knapp 180 Millionen Tonnen gefördert, so die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Sand- und Kiesgruben wie die von Thomas Weber decken den allergrößten Teil des Bedarfs, nur ein vergleichsweise kleiner Anteil wird aus Nord- und Ostsee gefördert.

Für die globale Situation gibt es nur Hochrechnungen. Das UN-Umweltprogramm schätzt den weltweiten Verbrauch an Sand und Kies auf das Doppelte dessen, was alle Flüsse des Planeten an Sediment transportieren. Ein Eingriff ungeheuerlichen Ausmaßes, mit erheblichen ökologischen und gesellschaftlichen Folgen. Wofür braucht die Welt so viel Sand?

Die kurze Antwort: zum Bauen. Ein Grund dafür ist im 19. Jahrhundert zu suchen, als Ingenieure Stahl mit Beton zu einer ebenso genialen wie folgenreichen Erfindung kombinierten. Ein außergewöhnlich stabiles, dauerhaftes und feuerfestes Material war entdeckt, obendrein unschlagbar günstig. Stahlbeton wurde zum vorherrschenden Baumaterial der Moderne.

Und der Bauboom in den Städten trieb die Nachfrage massiv in die Höhe. 1950 lebten laut UN 746 Millionen Menschen in Städten, heute sind es etwa vier Milliarden. Weitere 2,5 Milliarden kommen voraussichtlich bis 2050 hinzu. Und mit ihnen Unmengen an Wohnungen, Häusern, Geschäften, Büros. Also Unmengen an Beton, das heißt Unmengen an Kies und Sand, gemischt mit Zement und Wasser.

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