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Volk und Heimat

Rechte Ökologen
vom 01.11.2012

Volk und Heimat

Rechtsextreme kämpfen gegen Gen-Mais und Tierfabriken. Völkische Siedler verkaufen Bio-Gemüse. Rassisten engagieren sich in Bürgerinitiativen und Öko-Verbänden: Wenn braune Akteure in grünen Gefilden wildern, ist das oft schwierig zu erkennen. Und nicht immer steckt dahinter nur taktisches Kalkül.

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Korrekt gekleidet, freundlich im Umgang, mit tadellosen Manieren: Wenn sich so einer für Umwelt- und Naturschutz engagiert, warum soll man ihm nicht vertrauen? Udo Pastörs ist von Anfang an dabei, als sich in Mecklenburg der Widerstand gegen den geplanten Kohleabbau formiert. Er gehört 2005 zu den Gründern der Initiative Braunkohle - Nein!, gibt sich heimatverbunden und bürgernah. Mitstreiter von damals erinnern sich an einen feinen, höflichen und gebildeten Herrn. Nur über eine Sache habe man sich manchmal gewundert: Der Uhrmacher aus dem Städtchen Lübtheen interessierte sich kaum für klassische Umweltthemen wie den CO2-Ausstoß von Kohlekraftwerken und die globale Klimaerwärmung. Stattdessen prangerte er ständig die Profitgier der amerikanischen Kohlekonzerne an und drängte auch die Protestbewegung in diese Richtung. Noch heute heißt es in einem Flyer der Initiative: „Wir wollen keine Opfer von ausländischen Unternehmen sein, die ihre Gewinne in die USA abführen und einen verarmten Natur- und Wirtschaftsraum hinterlassen“.

Zu spät wurde den Kohlegegnern klar, dass der nette Herr Pastörs in Wahrheit ein strammer Neonazi war, der mit seinen Gesinnungsgenossen die Bürgerinitiative schon unterwandert hatte. Hinter der Fassade bürgerlicher Kultiviertheit steckte knallhartes Kalkül. So versuchte der NPD-Mann nicht nur, über das Naturschutzthema braunes Gedankengut zu verbreiten. Er nutzte die Protestbewegung auch, um sich persönlich zu profilieren. Und das mit Erfolg. Denn der damals noch unbekannte Udo Pastörs wurde nur ein Jahr später für die Landtagswahl zum NPD-Spitzenkandidaten gekürt. Und er schaffte es mit seiner Partei auf Anhieb ins Parlament.

Pastörs Karriereschub führen Beobachter nicht zuletzt auf seine öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten in der Bürgerinitiative zurück. Das glaubt auch der Publizist und Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit: „Die Leute dachten: Okay, die NPD finde ich vielleicht nicht so toll. Aber den kenne ich. Der ist kompetent, der macht was, den kann ich wählen“.

Speit gilt als einer der besten Kenner der braunen Szene. Bei seinen Recherchen ist er immer wieder auf Fälle gestoßen, bei denen Neonazis versucht haben, sich in die erfolgreiche Ökologiebewegung einzuklinken - offen oder verdeckt. Zum Beispiel in der schleswig-holsteinischen Gemeinde Köthel, wo Bürger gegen eine geplante Schweinemastanlage protestierten. Doch die Initiative Keine Schweinemast in Köthel wehrte sich nicht nur gegen den Bau einer Tierfabrik, sondern auch gegen die Einmischungsversuche aus der rechten Szene. Anlass war eine Flugblattaktion der Autonomen Nationalistischen Sozialisten Stormarn. Mit dem Slogan „Schweinemast - Nein Danke“ planten die braunen Tierschützer, auf die neue Protestbewegung aufzuspringen. Doch die Bürgerinitiative war alarmiert und wies die ungebetene Schützenhilfe zurück.

Ob gegen Kohleabbau oder Agrarfabriken: Es ist keine Seltenheit, dass braune Akteure in grünen Gefilden wildern. Rechtsextreme wettern gegen Massentierhaltung und industrielle Landwirtschaft. Sie demonstrieren gegen Atomkraftwerke und Castortransporte, werben für erneuerbare Energien und gesunde Lebensmittel. Und für Menschen, die sich in der Szene nicht auskennen, ist es oft schwierig zu erkennen: Steht mir hier ein überzeugter Rechtskonservativer oder ein Rechtsradikaler gegenüber? Habe ich es mit einem harmlosen Heimatschützer zu tun oder mit einem Wolf im Schafspelz, der seine wahren Motive verbirgt?

Dazu kommt: Kaum einer rechnet mit rechten Umtrieben in seiner Bürgerinitiative oder im eigenen Ökolandbauverband. Und wird dann doch in Einzelfällen einmal ein Neonazi in den eigenen Reihen enttarnt, ist das Erschrecken umso größer. Speit hat das immer wieder erlebt. Er sagt: „Man glaubt es einfach nicht. Man denkt: Umweltschutz ist per se etwas Gutes. Wer sich für Tiere einsetzt, kann nur ein netter Mensch sein. Wer ökologischen Landbau betreibt, engagiert sich automatisch auch für Menschenrechte. Aber das ist ein Trugschluss.“

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