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Plastik

Plastik
vom 30.05.2014

Plastik

Kunststoffe sind allgegenwärtig - wir nutzen sie permanent. Doch der ungeheure Berg an Plastik verschmutzt zunehmend die Umwelt. Verzicht und Vermeidung aber sind gar nicht so einfach.

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Der Lyriker Lars Gustafsson schrieb 1982 ein Gedicht über einen Meilenstein der Geschichte. Es heißt Die Stille der Welt vor Bach und wirft einen verblüffenden Gedanken auf: Wie lebten die Menschen, bevor der geniale Tonsetzer seine epochale Musik komponierte? Gustafsson stellt sich Kirchen vor, in denen nie die "Matthäuspassion" erklang. So eine Welt müsse es gegeben haben: "Aber was war das für eine Welt?"

Hätte sich Gustafsson nicht für Musik, sondern für Werkstoffe interessiert - er hätte das Gedicht nicht über Bach, sondern über Leo Hendrik Baekeland schreiben müssen. Dem Chemiker gelang 1905 eine Entwicklung, die unsere Welt stärker veränderte als Bachs Musik: das Bakelit, ein Kunststoff, der sich unter Wärmeeinwirkung in Formen pressen ließ. Der Stoff, den Baekeland in einer Firma im Berliner Stadtteil Erkner produzierte, bestand nicht aus Naturstoffen, sondern aus Phenolharz und Füllstoffen. Es war der erste vollsynthetische Kunststoff der Welt.

110 Jahre später kann man mit Gustafsson sagen: Es gab eine Welt ohne Plastik - aber was war das für eine Welt? Inzwischen ist schwer vorstellbar, wie unser Leben ohne Plastik aussähe - ohne Gegenstände aus Polyethylen und Polyurethan, Polyamid und PVC. Wecker, Zahnbürste, Toaster: Plastik. Ein Großteil der Kleidung: Kunstfaser. Käse, Gemüse, Getränke: verpackt in Plastik. Handy und Computer, das Autoinnere, die Sport- und Gartengeräte und das Spielzeug in vielen Kinderzimmern: Plastik wohin das Auge blickt.

Dominierten in den Haushalten unserer Urgroßeltern noch Holz und Glas, Metall und Naturfasern, so ist die moderne Welt von Kunststoffen geprägt. An Anlehnung an frühere Erdzeitalter wie das Pleistozän, dass die Menschen vor 2,6 Millionen Jahren mit der Verwendung von Werkzeugen aus Stein eröffneten, ließe sich unser Zeitalter "Plastozän" nennen. In den 80er-Jahren überstieg das Produktionsvolumen von Kunststoffen erstmals das von Stahl. Kein Werkstoff vollzog in so kurzer Zeit einen so beeindruckenden Siegeszug. Plastik, sagt der Branchenverband "Plastics Europe" nicht ganz zu unrecht, "ermöglicht den modernen Lebensstil". Kunststoffe seien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum "am vielfältigsten genutzten Werkstoff" der Weltwirtschaft geworden.

Vor allem mit dem Aufschwung der Erdölförderung in den 1950er-Jahren gab es kein Halten mehr. Erdöl ist der ideale Ausgangsstoff für Kunststoffe. Aus ihm wird, neben anderem, das Leichtbenzin Naphta gewonnen, das in einem "Cracken" genannten Prozess weiter in Bestandteile wie Ethylen oder Propylen zerlegt und in chemischen Reaktionen zu netz- oder kettenförmigen Molekülen, den Polymeren, umgewandelt wird. Vier bis fünf Prozent der Weltförderung an Erdöl werden zu Kunststoffen verarbeitet. Die Produktionsmenge steigt rapide. 1950 wurden 1,7 Millionen Tonnen hergestellt. Als die Mauer fiel, waren es weltweit schon 100 und zur Jahrtausendwende 200 Millionen Tonnen. Womöglich in diesem Jahr werden 300 Millionen Tonnen Plastik neu erzeugt.

All dieses Plastik füllt nicht nur Küchenschränke und Kinderzimmer, sondern macht sich in der gesamten Umwelt breit. Plastikmüll säumt Straßenränder, Strände, Konzertwiesen. In Europa wurden 2012 knapp 46 Millionen Tonnen Plastik hergestellt; zugleich fielen 25 Millionen Tonnen Plastikmüll an, von denen 38 Prozent auf Deponien oder in der Landschaft landeten. In den Weltmeeren gibt es Müllstrudel wie den "Great Pacific Garbage Patch", so groß wie Zentraleuropa, und Unmengen feinster, zerriebener Plastikteilchen. Als Forscher der Universität Wien die Donau auf Kleinstlebewesen untersuchten, fanden sie mehr Plastikgranulat als Fischlarven. Ihren Rechnungen zufolge spült allein dieser Fluss 4,2 Tonnen Plastikmüll ins Schwarze Meer - an jedem Tag.

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