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Palmöl

Palmöl
vom 30.11.2017

Palmöl

Palm- und Palmkernöl sind in die Kritik geraten. Trotzdem verzichten auch Naturkosmetikfirmen nicht oder nur in ganz wenigen Fällen auf diese Rohstoffe. Wir haben nachgefragt, warum.

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Sie braucht ein tropisches Klima. Dann aber wächst die Ölpalme schnell und trägt bis zu 15-mal im Jahr dicke Fruchtbüschel von etwa 20 Kilogramm. Aus denen werden zwei für die Industrie hochinteressante Öle gewonnen: aus dem ergiebigen Fruchtfleisch das Palmöl und aus den Fruchtkernen das Palmkernöl. Die Öle haben viele positive Eigenschaften: Sie sind bei Zimmertemperatur fest, außerdem geschmacksneutral, hitzestabil und lange haltbar. Das macht sie besonders für die Lebensmittelindustrie attraktiv. Palm- und Palmkernöl stecken beispielsweise in Margarine, Backwaren, Fertigprodukten, Schokolade und anderen Süßigkeiten. In Kosmetik sind die Öle ebenfalls ein gern genutzter Rohstoff, so in Cremes, Lotionen, Seifen, Shampoos und Duschgelen.

Und die Nachfrage wächst: Anfang der 1980er-Jahre wurden nur etwa 5 Millionen Tonnen Palmöl weltweit produziert, heute sind es über 58 Millionen Tonnen. Nach Indien, Indonesien und China ist die Europäische Union mit einer Menge von 5,67 Millionen Tonnen der viertgrößte Verbraucher von Palmöl. 1,3 Millionen Tonnen davon werden nach Deutschland importiert. Plus etwa 330.000 Tonnen Palmkernöl, immerhin etwa 8 Prozent der weltweit gehandelten Menge von etwas über 4 Millionen Tonnen.

Der Boom hat ernste ökologische Folgen. Vor allem in Indonesien, das zusammen mit Malaysia rund 90 Prozent des international gehandelten Palm- und Palmkernöls liefert, wurden große Flächen an wertvollem Regenwald abgeholzt, um dort in Monokulturen Ölpalmen anzubauen. Die Folgen: enteignete und vertriebene Anwohner, eine enorme Belastung des Klimas durch Brandrodungen, das Ausbringen großer Mengen Pestizide in den Monokulturen, voranschreitendes Artensterben durch die Vernichtung des für viele Tiere und Pflanzen wichtigen Lebensraums. Ein Ende dieser negativen Entwicklung ist nicht abzusehen, eher im Gegenteil. „Prognosen zufolge wird der Anbau in den nächsten Jahren vor allem im afrikanischen Tropengürtel ausgebaut werden – mit allen damit zusammenhängenden Problemen“, sagen die Autoren der Studie Nachhaltiges Palmöl – Anspruch oder Wirklichkeit?, die im Auftrag von Brot für die Welt und der Vereinten Evangelischen Mission erstellt wurde.

Und wofür das alles? Die Naturschutzorganisation WWF hat versucht herauszufinden, wofür das nach Deutschland importierte Palm- und Palmkernöl verwendet wird. Mit einem überraschenden Ergebnis: „Der Großteil des Palmöls in Deutschland geht in Bio-Energie – ganze 41 Prozent“, so die WWF-Studie Auf der Ölspur. Ein fast ebenso großer Teil, nämlich 40 Prozent, wird vor allem für die vielen industriell verarbeiteten Lebensmittel gebraucht – zum Beispiel für etliche Tütensaucen, -suppen und Tiefkühlpizzen, Schokoaufstriche, -riegel und Eiscremes, Margarinen, Fertigteige und abgepackte Kuchen. Und 17 Prozent dienen als Rohstoff für Wasch- und Reinigungsmittel, Kosmetika sowie in der Chemie- und Pharmaindustrie.

Auch viele Naturkosmetika kommen nicht ohne Palm- und Palmkernöl aus. Vor allem Letzteres ist wichtig. Es liefert Glycerin und Fettsäuren, die zu Tensiden und Emulgatoren weiterverarbeitet werden. Emulgatoren verbinden Wasser und Fett miteinander und sorgen beispielsweise dafür, dass eine Lotion schön cremig wird. Tenside bringen Shampoos und Duschgele zum Schäumen. „Solche Derivate lassen sich nicht ersetzen, weil es bisher keine vergleichbaren Alternativen aus natürlichen Stoffen gibt“, erklärt Sabine Kästner vom Naturkosmetikunternehmen Laverana. Aber wie passt das zusammen: Naturkosmetik und Palm- bzw. Palmkernöl? Schließlich liegt den Herstellern nicht nur die Verträglichkeit ihrer Kosmetika am Herzen, sondern auch der nachhaltige Anbau der Rohstoffe.

Geht es nicht um die Derivate, sondern um reines Palmöl, lässt sich ein Weg aus dieser Zwickmühle finden. Denn es gibt natürlich Plantagen, wo Ölpalmen unter ökologischen Kriterien umweltfreundlich bewirtschaftet werden. „Für unsere Pflanzenseifen haben wir als eine der ersten Firmen zu Palmöl aus nachhaltigem, kontrolliert biologischem Anbau gewechselt. Es ist bio-zertifiziert und kommt ausschließlich aus schonendem Landbau mit fairen Arbeitsbedingungen und einer garantierten Rückverfolgbarkeit“, heißt es etwa bei Weleda. Die Möglichkeit, Palmöl durch ein anderes Pflanzenöl zu ersetzen, wie einige andere Naturkosmetikhersteller es tun, ist für das anthroposophische Unternehmen auch deshalb keine Option. Außerdem sei die Ölpalme extrem ertragreich und brauche vergleichsweise wenig Fläche.

Das bestätigt auch die WWF-Studie. „Der simple Austausch von Palmöl durch andere Öle löst die Probleme nicht, sondern kann sie sogar verschlimmern“, meint Ilka Petersen vom WWF. Denn um die gleiche Menge Öl zu bekommen, wäre deutlich mehr Anbaufläche notwendig. Die Ausbeute bei Ölpalmen liegt bei durchschnittlich 3,3 Tonnen pro Hektar. Raps, Kokos und Sonnenblumen bringen nach Angaben des WWF nur rund 0,7 Tonnen Öl pro Hektar, Soja sogar nur 0,4 Tonnen. „Kein Palmöl ist auch keine Lösung“, so die Schlussfolgerung der Studie. „Wer das Palmöl-Problem lösen will, muss daher die Anbaubedingungen verbessern und die Nachfrage senken.“

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