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Vor der Abfahrt wird abgeholzt

Olympische Winterspiele
vom 25.01.2018

Vor der Abfahrt wird abgeholzt

Olympia im Winter steht mehr als jedes andere große Sportspektakel im Konflikt mit der Umwelt – trotz grünen Anspruchs. Das trifft auch auf Pyeongchang 2018 zu wie hier bei den Bauarbeiten für die Abfahrt am Mount Gariwang, denen 58.000 Bäume zum Opfer fielen. Und wegen des Klimawandels ist ungewiss, ob es künftig überhaupt noch Winterspiele geben kann.

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Die beiden Goldmedaillen, die Biathletin Magdalena Neuner bei den Olympischen Winterspielen 2010 im kanadischen Vancouver gewann, waren Schrott – zumindest zu einem kleinen Teil. Exakt 1,52 Prozent des Edelmetalls in den etwa ein Pfund schweren Siegerplaketten stammten aus alten Computern. Auch in allen anderen Medaillen war Material aus Elektroschrott enthalten. Zwar in winzigen Mengen: Die 87 Silbermedaillen, die erfolgreichen Athleten umgehängt wurden, enthielten je 0,12 Prozent „Altsilber“. Aber auch diese eher symbolische Geste unterstrich: Die Wettkämpfe in Vancouver sollten „grüne Spiele“ sein.

Die Ausrichter sahen sich im Rückblick in der richtigen Spur. Das Organisationskomitee VANOC schwärmte in einem 138 Seiten starken Nachhaltigkeitsbericht von „klimaneutralen“ Spielen mit Blick auf die von Sportlern und Sportstätten verursachten Emissionen. In den sieben Jahren ab Vergabe der Spiele sei ein Ausstoß von 118.000 Tonnen CO2 verursacht worden, halb so viel wie bei den Spielen von Salt Lake City 2002 an nur 17 Wettkampftagen. Die Sportstätten seien energetisch optimiert, Sportler und Material mit einer „grünen Fahrzeugflotte“ transportiert, Müll dank einer Strategie von „Zero Waste“ vermieden worden. Die olympischen Ringe leuchteten im Februar 2010 oft grün – zu Recht, meinten VANOC und das Internationale Olympische Komitee (IOC).

Ohne Bekenntnis zu Umwelt und Nachhaltigkeit sind olympische Spiele nicht mehr vorstellbar. Dabei hat die olympische Bewegung den Umweltgedanken eher spät entdeckt. 1994 erkannte das IOC die Umwelt offiziell als dritte Säule der olympischen Bewegung an, neben Sport und Kultur. Später wurde die olympische Charta um eine verbindliche Verpflichtung zu Nachhaltigkeit ergänzt. Bei den Winterspielen 1998 im japanischen Nagano schaffte es der Klimawandel zum ersten Mal in einen offiziellen IOC-Report. Es sei, stand dort, „besonders wichtig“, Winterspiele im Einklang mit der Natur auszurichten. Seither sollen weiße Spiele immer auch „grün“ sein.

Wie ernst gemeint der Anspruch ist – dazu gibt es geteilte Ansichten. Hans Jägemann, bis 2006 Abteilungsleiter für Umwelt und Sportstätten beim Deutschen Sportbund (DSB) und heute ehrenamtlich aktiv im BUND, hat aus nächster Nähe miterlebt, wie sich das IOC für Umweltgedanken öffnete. „Man hat auf die gesellschaftliche Situation reagiert“, sagt er – und fügt an: „Ich glaube nicht, dass das IOC wirklich viel davon verstanden hat.“ Ein Indiz: Bis heute könne man nicht vom Gigantismus lassen, der sich etwa in der Aufnahme immer neuer Sportarten zeigt. Bei den ersten Winterspielen 1924 im französischen Chamonix wetteiferte man um 16 Goldmedaillen. Im südkoreanischen Pyeongchang, wo in diesem Februar die XXIII. Olympischen Winterspiele stattfinden, werden Medaillen in 102 Wettbewerben vergeben, erneut vier mehr als in Sotschi 2014; 1994 in Lillehammer waren es 61 Wettbewerbe.

Der Blick auf ökologische Auswirkungen tut gerade bei Winterspielen not; schließlich stehen diese noch mehr als andere sportliche Großereignisse im Konflikt mit der Natur. Weil alpine Disziplinen steile Hänge verlangen, Schanzen nicht ins Flachland passen und Langlaufloipen traditionell durch den Wald führen, werden die Sportstätten oft in Gebirgsorten und engen Bergtälern errichtet. Dort drängen sich dann für die Dauer der Spiele Tausende Sportler und ein Vielfaches an Zuschauern, Journalisten und Offiziellen. Diese wollen schnell von einem Wettkampfort zum anderen gelangen. In Vancouver wurde dafür der Sea-to-Sky-Highway, eine Straße in das Skigebiet von Whistler, vierspurig ausgebaut – was wertvolle Feuchtgebiete in Mitleidenschaft zog. Der Idee von „grünen Spielen“ entspricht das ebenso wenig wie der Umstand, dass Schnee für die Snowboarder per Lkw und Hubschrauber in die Skiarena von Cypress Mountain befördert wurde, nachdem dort wegen des warmen Wetters die weiße Pracht fehlte.

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