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Ökologische Landwirtschaft

Ökologische Landwirtschaft
vom 31.03.2016

Ökologische Landwirtschaft

Die Nachfrage ist da, das heimische Angebot indessen nicht: Seit Jahren steigt bei den Deutschen das Interesse an Bio-Lebensmitteln. Die ökologisch bewirtschafteten Flächen dagegen nehmen nicht in ähnlichem Umfang zu. Warum stellen nicht viel mehr Landwirte von konventionell auf bio um? Eine Suche nach Antworten.

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Peter Schuchmann ist schon auf einem Bauernhof groß geworden. Seine Eltern hatten im Hessischen eine kleine Landwirtschaft, die der Sohn übernommen hat. Um die Jahrtausendwende haben er und seine Frau Petra den Hof dann verkauft und sich in Sachsen-Anhalt, in dem Örtchen Schwarzholz unweit von Stendal, größere Flächen gekauft und gepachtet: „Wir mussten uns überlegen, wie wir in Zukunft profitabel und gut arbeiten können. Die Gelegenheit war einfach günstig.“ Inzwischen besitzt das Ehepaar 230 Milchkühe, hat sechs Angestellte, auf den 200 Hektar Grünland und 120 Hektar Ackerland wird nur Viehfutter angebaut. Der 54-jährige Schuchmann ist Vorsitzender des örtlichen Rinderzuchtvereins, seine Viecher sind auf Leistungsschauen präsent und kassieren dort häufig Auszeichnungen. „Wir interessieren uns einfach wirklich für Kühe.“

Schuchmann interessiert sich auch für Landwirtschaftspolitik. Allerdings versteht er sie nicht mehr und schüttelt bei seinen langen Ausführungen dazu häufig mit dem Kopf. Er ist im Landesvorstand des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter – und da will er bleiben, auch wenn er und seine Frau seit 2015 jetzt Bio-Bauern in Umstellung sind. Für die Schuchmanns war das auch eine Überlebensfrage. Die Milchpreise sind in den vergangenen Monaten und Jahren durch den Wegfall der Milchquote und ein Überangebot am Weltmarkt dramatisch gesunken: Die meisten Molkereien zahlen den Landwirten nur noch zwischen 28 und 30 Cent je Liter Milch. „Damit kann man sich nur in die Pleite wirtschaften“, stellt Schuchmann fest.

Für einen Liter Bio-Milch bekommt ein Bauer dagegen etwa 20 Cent mehr. Die Bio-Molkereien suchen teilweise händeringend nach Lieferanten, denn die Nachfrage ist enorm. Um den gestiegenen Bedarf an Bio-Milch, -Käse und -Molkereiprodukten bedienen zu können, wurde im vergangenen Jahr viel Bio-Milch importiert, vor allem aus Dänemark – während gleichzeitig viele konventionell wirtschaftende deutsche Milchviehbetriebe aufgaben.

Jetzt wollen auch Peter und Petra Schuchmann ein Stück vom Bio-Kuchen abhaben. Die Umstellung fällt ihnen nicht allzu schwer: „Unsere Tiere haben es schon immer gut gehabt.“ Es gibt keine Spaltenböden, die Kühe haben Ruheplätze, die mit Stroh eingestreut sind, mit Importsoja füttern sie schon seit einigen Jahren nicht mehr. „Eigentlich ist die Vorarbeit schon lange gemacht“, sagt Schuchmann zufrieden. Auch der vorgeschriebene Auslauf mit Grünfütterung ist kein Problem. Ab 1. April darf nur noch ökologisch angebautes Futter gegeben werden, erst sechs Monate später kann die Milch dann als „Bio“ vermarktet werden. Schuchmanns haben aber eine Molkerei gefunden, die ihnen ihre 5.500 Liter Milch täglich schon ab April mit dem für Bio-Milch üblichen Preis abnimmt – um sie als Lieferanten zu gewinnen und langfristig zu halten.

Der zukünftige Naturland-Milchviehbetrieb Schuchmann ist einer von knapp 950 landwirtschaftlichen Erzeugerbetrieben, die im Jahr 2015 von konventionell auf Bio umstellten. Das sind fast 300 mehr als im Jahr 2014 – kein Wunder also, dass der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), der Dachverband von landwirtschaftlichen Erzeugern, Verarbeitern und Händlern ökologischer Lebensmittel, bei solchen Zahlen aufatmend von einer „positiven Entwicklung“ spricht. Und doch: Es ist immer noch ein zartes Pflänzchen, das sich da langsam nach oben quält. Denn nach den Erhebungen des BÖLW arbeiteten im vergangenen Jahr zwar insgesamt 24.343 deutsche Landwirte nach ökologischen Kriterien und die heimische Öko-Fläche wuchs um 30.317 auf 1.077.950 Hektar an. Im Verhältnis zur in Deutschland insgesamt bewirtschafteten landwirtschaftlichen Fläche, etwa 11,8 Millionen Hektar Ackerland und 5 Millionen Hektar Grünland, sind das aber gerade mal 6,4 Prozent – der Rest ist konventionelle Landwirtschaft.

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