Startseite
Nahrungsmittelexporte

Nahrungsmittelexporte
vom 27.07.2017

Nahrungsmittelexporte

Die EU-Länder verkaufen Überschüsse ihrer Agrarindustrie nach Afrika. Das hat gravierende Folgen für die dortigen Landwirte. Selbst Teile der Bundesregierung fordern Korrekturen.

119
Hühnerherzen sind aus der Mode gekommen. Auch Flügel gelangen selten auf deutsche Teller. Mag sein, dass wir ab und an ein paar Hähnchenschenkel in Rotweinsoße verzehren. Eigentlich aber lieben gesundheitsbewusste Mitteleuropäer am Huhn seit einigen Jahren nur noch die Brust: schön mager, kurz gebraten und gern auf Salat.

Auch wenn die Industrie darauf reagiert und Tiere mit grotesk großem Brustmuskel gezüchtet hat: Ein Huhn hat noch immer auch Beine, Flügel, einen Hals und Innereien. Weil diese Teile jedoch in europäischen Supermärkten kaum abzusetzen und auch nicht komplett zu Tierfutter zu verarbeiten sind, werden sie exportiert, seit etwa 15 Jahren auch nach Afrika. Es ist ein Markt, der boomt. 650 Millionen Kilo tiefgekühlte Hühnchenteile wurden 2015 in die Region verschifft, mehr als dreimal so viel wie 2009.

Dass Agrarprodukte um den halben Erdball gekarrt werden, ist in einer globalisierten Welt nichts Ungewöhnliches, und der Appetit auf Hühnerfleisch ist auch in den rasant wachsenden Städten in Afrika groß. Landwirte in Ghana und Nigeria, Kamerun, Senegal und der Elfenbeinküste versuchten ihn zunächst selbst zu decken und bauten, teils mit Hilfe aus Europa, Geflügelmästereien auf. Vor allem Frauen erhielten so ein zusätzliches Einkommen – bis die Hühnerteile aus Europa kamen. Importeure warfen sie teils für weniger als 90 Cent je Kilo auf den Markt; die Produzenten hatten ihre Kosten bereits mit dem Verkauf der Brustfilets in Europa gedeckt. Heimische Fleischhähnchen, die Händler für fünf Euro angeboten hatten, fanden kaum noch Absatz; viele Hersteller gaben auf. Allein in Kamerun gingen binnen eines Jahres 100.000 Arbeitsplätze verloren.

Die Landwirtschaft Afrikas ist eine Branche, auf der viele Hoffnungen ruhen. Sie könnte helfen, den auf dem Kontinent nach wie vor grassierenden Hunger zu bekämpfen. Zugleich könnte sie vielen der zehn Millionen jungen Menschen, die jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt drängen, einen Lebensunterhalt bieten, dank dessen sie in der Heimat ein Auskommen hätten und nicht auf die Flucht gehen müssten.

Eine „Alliance for a Green Revolution in Africa“ schwärmte unlängst von „Agripreneurs“, die die Märkte erobern. Chancen gäbe es mehr als genug. In Afrika liegen große Flächen fruchtbaren Landes brach, und die bisher betriebene Landwirtschaft ist unergiebig. Eine afrikanische Kuh gibt im Schnitt nur 500 Liter Milch im Jahr; in Europa sind es 6.500 Liter. Immerhin: Zu einem guten Teil kann sich der Kontinent selbst mit Nahrungsmitteln versorgen. Von durchschnittlich 2.670 Kalorien, die jeder Afrikaner am Tag zu sich nimmt, stammen rund 1.870 aus heimischer Produktion, sagt Francisco Mari, Referent für Welternährung bei Brot für die Welt. Der Anteil sei seit Jahren stabil; die Branche halte also mit dem starken Bevölkerungswachstum Schritt. Zugleich aber haben afrikanische Länder allein 2013 Nahrungsmittel für 70 Milliarden US-Dollar importiert, davon für 24 Milliarden aus Europa. Im Verhältnis zur einheimischen Agrarproduktion stieg der Anteil der Importe seit 2001 von 16 auf 29 Prozent.

Inhaltsverzeichnis

Weiterlesen?