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Einfach bodenlos

Landraub
vom 01.02.2012

Einfach bodenlos

Immer mehr Land in wenig entwickelten Ländern wird von Investoren oder von Regierungen aufgekauft. Leidtragende dieses „Landraubs“ sind Kleinbauern und Ureinwohner.

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Das Räumkommando kam mit schwerem Gerät. Unter dem Schutz von Militärpolizisten und Soldaten walzten Arbeiter die Felder in der kambodschanischen Provinz Koh Kong platt. Dort wo bis zu jenem Mai 2006 rund 400 Familien Reis angebaut und sich einen bescheidenen Lebensunterhalt gesichert hatten, lässt nun der Konzern Khon Kaen Surag Industry auf ausgedehnten Plantagen Zuckerrohr wachsen. Das thailändische Unternehmen produziert daraus Rohzucker, der nach Europa verschifft wird. Die Kleinbauern, die ihre Felder zuvor jahrelang beackert hatten, wurden vertrieben - ein klarer Fall von Menschenrechtsverletzung.

Die gewaltsamen Räumungen in Koh Kong ist kein Einzelfall, sagt Roman Herre, Agrarreferent bei der Organisation FIAN (Food First Informations- und Aktionsnetzwerk). Herre hat ähnliche landwirtschaftliche Projekte in dem südostasiatischen Land besichtigt. Kambodscha, so sein Fazit, gehöre „zu den wildesten Ländern“, wenn es um ein derzeit in vielen Regionen des Südens zu beobachtendes Phänomen geht: die Übernahme riesiger Agrarflächen durch ausländische Investoren. Weil dabei regelmäßig bisherige Nutzer ihre Weideflächen oder Äcker verlieren, hat sich ein prägnanter Begriff eingebürgert: Landraub. Von einer „neuen Form des Kolonialismus“ spricht Beat Dietschy, Zentralsekretär der Schweizer Organisation „Brot für alle“. Die Organisation OXFAM bezeichnet die Vorgänge in einer Studie mit dem Titel Land and Power als „development in reverse“ - sinngemäß: als „Entwicklung im Rückwärtsgang“.Gänzlich neu sind ausländische Landnahmen in Ländern des Südens selbstverständlich nicht. Schon lange bauen Konzerne in Indien und der Karibik, in Lateinamerika und Afrika auf großen Plantagen Kakao und Zuckerrohr, Tee und Bananen an. Allerdings haben sich sowohl das Ausmaß als auch die Strukturen seit wenigen Jahren deutlich verändert. Es gebe „andere Motive, andere Akteure und andere Geschäftsmodelle“, sagt Thomas Fritz vom „Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika“ (FDCL) in Berlin. Zu den Unternehmen, die den Appetit auf bestimmte Lebensmittel befriedigen, gesellen sich Schwellenländer, die Nahrungsmittel anbauen, zudem Energiekonzerne und Finanzinvestoren.

Ganze Staaten gehen auf Einkaufstour in Sachen Land, um jenseits der eigenen Grenzen Reis oder Weizen anbauen zu können. Bisher hatten diese Länder Grundnahrungsmittel in großem Stil importiert. Als ab 2005 allerdings die Preise rapide zu klettern begannen und Exporteure wie Russland oder Vietnam nach Missernten befristete Ausfuhrsperren verhängten, begann man sich um die eigene Nahrungsmittelsicherheit zu sorgen - und Konsequenzen zu ziehen. Etliche Golfstaaten etwa wollen selbst Getreide erzeugen. Weil es im eigenen Land an geeigneten Böden und Wasser fehlt, wird die Produktion ins Ausland verlagert. Von einem „Outsourcing der Lebensmittelerzeugung“ spricht Fritz. Also werden Gesellschaften wie die „Foras International Investment Company“ gegründet, die im Auftrag der Organisation für Islamische Zusammenarbeit in Ländern wie Senegal, Mali und Sudan nach Flächen für den Reisanbau sucht. Angestrebtes Ziel: bis zu 700.000 Hektar.

Die Konkurrenz freilich ist hart. Um fruchtbaren Boden buhlen schließlich auch Ölmultis und Energieunternehmen. Angesichts des stetig steigenden Erdölpreises sowie der Debatten um die Klimaschädlichkeit fossiler Energieträger setzen sie zunehmend auf die Herstellung von Bio-Ethanol und Bio-Diesel. Der Haken: Dazu müssen in enormem Umfang Zuckerrohr und Soja, Jatropha, Mais oder Ölpalmen angebaut werden. Die Folgen sind in Ländern wie Kolumbien zu besichtigen, das fünftgrößter Erzeuger von Palmöl ist. Auf 360.000 Hektar wird die Anbaufläche beziffert. Entstanden ist, was Beobachter „grüne Wüsten“ nennen: Plantagen, auf denen die immer gleichen Pflanzen wachsen, so weit das Auge reicht.

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