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Kohlendioxid als Rohstoff?

Kohlendioxid als Rohstoff
vom 26.09.2014

Kohlendioxid als Rohstoff?

Das Treibhausgas Kohlendioxid soll künftig zum Rohstoff werden. Haben die Forscher Erfolg, ließe sich womöglich Erdöl einsparen. Den Klimawandel aber hält man auf diese Weise nicht auf.

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Im Märchen ist die Sache einfach. Damit Abfälle in Wertstoffe umgewandelt werden können, muss bei den Brüdern Grimm nur auf die Tränendrüse gedrückt werden. Das herzerweichende Weinen der Müllerstochter bewegt im Märchen vom "Rumpelstilzchen" das gleichnamige Männlein zu drei Nachtschichten, in denen es Stroh zu Gold spinnt. Aus einem vermeintlich wertlosen Restprodukt wird auf diese Weise ein begehrter Rohstoff.

Das "Prinzip Rumpelstilzchen" scheint nun auch auf eine Substanz angewandt zu werden, die bis jetzt gewissermaßen als der böse Wolf im Reich der Chemie gilt: Kohlendioxid. Weil die steigende Konzentration des Gases in der Atmosphäre zur Erderwärmung führt, wird es in der Öffentlichkeit nur als Treibhausgas wahrgenommen - eine Substanz, die wertlos ist wie das Stroh im Märchen und darüber hinaus äußerst schädlich. Zuletzt aber häuften sich Nachrichten, die auf eine märchenhafte Wandlung hindeuten. "Vom Klimakiller zum Rohstoff", schrieb das Nachrichtenmagazin Spiegel, und die Wirtschaftswoche beschwor einen "Imagewandel, der dem Klimakiller den Schrecken nehmen könnte". In die Lobreden stimmt auch die Politik ein. CO2, heißt es in einer Broschüre des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), könne "vom Problem- zum Wertstoff werden". Um der Botschaft Nachdruck zu verleihen, zeigt das Titelbild der Publikation vom Mai 2013 die chemische Formel CO2, die wie ein grünes Polster aussieht und zum Kuscheln einlädt.

Kohlendioxid ist, wie Fachleute wissen, schon jetzt nicht ausschließlich ein Bösewicht. Das Gas lässt Limonade sprudeln; es hilft, die Temperatur in Kühlschränken niedrig zu halten, und auch manche Feuerlöscher enthalten CO2. Bei Pkw-Klimaanlagen könnten Ingenieure künftig verstärkt auf das Gas setzen. In der Chemie nutzt man es zur Produktion von Harnstoff, der zu Kunstdünger wird; 130 Millionen Tonnen CO2 werden dafür weltweit im Jahr benötigt. Schließlich hilft die Substanz auch bei der Herstellung von Salicylsäure, die in der Schmerztablette Aspirin enthalten ist. CO2, das Umweltschützern so viel Kopfzerbrechen bereitet, hilft also kurioserweise auch Kopfschmerzen zu bekämpfen.

Das neue Interesse am CO2 hat aber andere Gründe. Es richtet sich auf den ersten Buchstaben in der chemischen Formel: das C, das für Kohlenstoff und damit einen der wichtigsten Ausgangsstoffe der modernen Chemie steht. Viele Produkte unseres Alltags bestehen aus Kohlenstoffverbindungen - von Benzin über Gegenstände aus Plastik bis zu Kunstfasern und Kosmetika. Ausgangsmaterial für derlei Produkte war zunächst Kohle; seit den 1950er-Jahren wird Erdöl genutzt. Auch weil dessen Vorräte aber endlich sind, sucht man neue Quellen. "Langfristig werden wir nicht umhin kommen, über Alternativen nachzudenken", sagt Jörg Rothermel vom Verband der chemischen Industrie (VCI): "In einigen Jahrzehnten kann CO2 da mit entsprechenden Fortschritten in der Forschung eine bedeutendere Rolle spielen." Auch das BMBF sieht "CO2 als Alternative zum Öl". Statt der zähen schwarzen Masse könnte deshalb künftig das farb- und geruchlose Gas verwendet werden, das je Kilogramm immerhin 272 Gramm Kohlenstoff enthält.

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