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Industrielle Tierhaltung

Industrielle Tierhaltung
vom 28.03.2013

Industrielle Tierhaltung

Die Landwirtschaft ist heute eine Industrie. Unter den Folgen leiden nicht zuletzt die Tiere. Ihnen ist das Leiden teilweise sogar in ihr Erbgut geschrieben. Ob das so bleibt, entscheidet vor allem der Verbraucher.

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Der Übervater heißt Samburu. Zwar steht das schwarzbunte Holsteinrind im aktuellen Katalog der deutschen Superbullen erst auf Seite 19. Doch die Charts der erfolgreichsten Zuchttiere führt er schon vier Jahre in Folge an; 2011 gingen 61.363 "Erstbesamungen" auf sein Konto. Samburu, der in einem Stall in Brandenburg steht, sei ein "guter Befruchter", heißt es im Werbetext. Einer der Gründe, warum so viele Landwirte für ihre Kühe sein Sperma ordern, ist die gute "Eutervererbung". Die Euter seien "sehr gut aufgehangen"; die Zitzen haben eine gute Länge und sind optimal platziert. Bei Tieren, die im Jahr über 9.000 Liter Milch geben sollen, ist das kein nebensächliches Detail. Auch bei einem Auto ist die optimale Radaufhängung schließlich mitentscheidend für die Fahrsicherheit.

Der Vergleich zwischen Milchkuh und Mittelklassewagen wirkt vielleicht deplatziert. Wer aber den Katalog "Unsere Besten. Bullenangebot 2013" liest, fühlt sich an die Werbeschriften der Autohersteller erinnert: Wo dort von guter Beschleunigung und sparsamem Spritverbrauch die Rede ist, geht es den Rinderzüchtern um das Vermögen zu hoher Futteraufnahme oder funktionalen Körperbau. Außerdem sollen die Tiere eine lange Nutzungsdauer bei hoher Milchleistung erreichen - auch das wichtige Merkmale der "rentablen Holsteinkuh".

Dass die Wortwahl an die von Ingenieuren und Betriebswirtschaftlern erinnert, ist kein Zufall. Die moderne Tierwirtschaft ist in großen Teilen eine Industrie und sie folgt ähnlichen Regeln. Es geht um Effizienz und hohe Erträge, Leistung und Funktionalität, um Massenproduktion - und Produzenten, die sich ideal in optimierte Abläufe einpassen. "Produzenten" sind zum Beispiel Hühner, die Muskeln vor allem an Brust und Beinen ansetzen, weil sich dieses Fleisch am besten verkauft. Es sind Kühe, die mit enormen Mengen Kraftfutter vollgestopft werden, damit sie pro Tag genug Milch für 22 Tetrapaks geben. Und es sind Puten, die so massig sind, dass sie den Geschlechtsakt nicht mehr selbst vollziehen können.

Die Landwirtschaft als Industrie - das hören viele Bauern nicht gern. Zu stark widerspricht die unschöne Realität dem Bild, das auf den Etiketten von Milchflaschen oder Eierkartons gezeichnet wird. Als anlässlich der Grünen Woche 2013 in Berlin zu einer Großdemonstration gegen industrielle Landwirtschaft und Massentierhaltung mobilisiert wurde und die Grünen eine Branche geißelten, die "einseitig auf Größe, Wachstum und immer mehr Leistung setzt", platzte Landwirten in Sachsen der Kragen. Ihr Verband startete eine Kampagne, um den miesen Ruf der Branche aufzupolieren. Standesvertreter ließen sich demonstrativ in das Stroh zwischen quiekende Ferkel plumpsen. Die Botschaft: Das Schweineleben ist besser als man denkt, und was über "sogenannte Massentierhaltung" berichtet werde, ist ,Unsinn'".

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Von 27,4 Millionen Mastschweinen in Deutschland leben viele in Betrieben, in denen über 100.000 Tiere gemästet werden. Im Stroh können sie selten wühlen; sie stehen auf harten Spaltenböden. Dort verletzen sie sich die Klauen und sind an ihrer Lieblingsbeschäftigung gehindert: Von Natur aus wühlen Schweine 70 Prozent des Tages herum. Dafür fehlt aber ohnehin der Platz. Vorschriften billigen ihnen einen Dreiviertelquadratmeter zu - ein Lebensraum, so groß wie ein Schreibtisch.

So können sich die eigentlich reinlichen Tiere keine getrennten Plätze zum Schlafen, Fressen und zur Kotablage suchen. Und der Mangel an Ablenkung führt zu Verhaltensauffälligkeiten. Die Tiere knabbern sich gegenseitig die Schwänze an - was Halter verhindern, indem sie diese abschneiden. Obwohl eine EU-Verordnung dieses Kupieren seit zehn Jahren verbietet, erfolge es in der Industrie "flächendeckend und prophylaktisch", sagt Stefan Johnigk vom Verein "Pro Vieh". Verbreitet ist auch die Kastration männlicher Ferkel, mit der vermieden werden soll, dass Fleisch nach Eber schmeckt. Ob das notwendig ist, wird auch in der Bio-Branche stark diskutiert. Dort erfolgt die Kastration aber unter Betäubung. Das ist in der konventionellen Landwirtschaft erst ab 2018 Vorschrift.

Ähnlich sieht es bei Hühnern aus. Masthähnchen wurden 1999 noch in Betrieben gehalten, in denen im Schnitt 4.100 Tiere lebten. Heute wachsen 71 Prozent in Farmen von 50.000 Tieren und mehr auf - unter extrem beengten Verhältnissen. Laut EU-Richtlinie dürfen 33 Kilo Huhn auf einem Quadratmeter gehalten werden, faktisch sind es aber 39 Kilo. Eine ÖKO-TEST-Seite ist also so groß wie der Lebensraum von zwei Hähnchen.

Es sind solche Praktiken, die Kritiker von industriellen Bedingungen sprechen lassen: "Nicht die Haltungsbedingungen werden an die Bedürfnisse des Tieres angepasst, sondern das Tier wird in das Haltungssystem gezwängt", sagt Johnigk. Und Felix zu Löwenstein, Vorstand im Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), spricht davon, dass Schweine, Hühner oder Puten behandelt würden "wie Werkstücke in einem industriellen Fertigungsprozess".

Das sei, fügt Löwenstein an, nicht an eine bestimmte Stallgröße gebunden. Es gibt große Höfe, auf denen die Tiere Platz haben, regelmäßig Tageslicht sehen und erleben, welches Wetter vor der Stalltür herrscht, und es gibt kleine Ställe, in denen Kühe permanent angebunden in ihrem Mist stehen. Den Begriff "Massentierhaltung" hält er zur Abgrenzung daher für ungeeignet. Entscheidend sei, wie artgerecht Tiere gehalten würden und ob sie ihr natürliches Verhalten ausleben können - ob also Hühner zum Beispiel scharren und picken können oder ob sie in Großställen zu Tausenden unter Kunstlicht gehalten werden und die Schnabelspitze, ein sehr empfindliches Sinnesorgan, gekappt bekommen, damit sie einander nicht blutig hacken.

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