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Hochwasser

Hochwasser
vom 27.12.2013

Hochwasser

Überflutungen haben in Deutschland auch 2013 wieder hohe Schäden angerichtet. Um das in Zukunft zu verhindern, sollen die Flüsse mehr Raum erhalten. Das fordert auch die Politik mit schöner Regelmäßigkeit. Doch in der Praxis tut sich (fast) nichts. Schuld sind Skepsis bei den Anwohnern, lange Planungsverfahren und Streit um knappe Flächen.

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Anfangs hatten sie auch in Eilenburg nur die Absicht, eine Mauer zu errichten. Das Bauwerk aus Beton sollte die sächsische Stadt vor Hochwasser schützen. Eilenburg war im Mittelalter an einer Stelle gegründet worden, an der die königliche Handelsstraße Via Regia nördlich von Leipzig durch eine Furt den Fluss querte. Seither wuchs die Stadt; heute zählt sie gut 15.500 Einwohner. Deren Häuser wurden meist ebenso am Fluss errichtet wie Mühlen und Betriebe bis hin zu einem Chemiewerk. Die Lage im Flusstal hat indes Nachteile: Wenn die Mulde über die Ufer trat, standen drei Viertel der Stadt unter Wasser. Die Mauer sowie die Ertüchtigung vorhandener Deiche sollten Abhilfe schaffen. Die Pläne waren fertig; am 13. August 2002 sollte Baubeginn gefeiert werden. Das Festzelt blieb unbenutzt. Es war der Tag, an dem die Jahrhundertflut auch über Eilenburg hereinbrach.

Als Bürgermeister Hubertus Wacker ein paar Tage später mit einem Unimog durch seine Stadt fuhr, die nach 18 Deichbrüchen völlig überflutet war, kreisten drei Gedanken in seinem Kopf. Der erste: So etwas übersteht Eilenburg nicht noch einmal. Der zweite: Flutschutz steht ab sofort über allem. Der dritte: Eine Mauer reicht nicht aus. Sie hält das Wasser zwar im Flussbett - doch dort steigt es nur um so höher: "Das sagt einem der gesunde Menschenverstand."

Also wurden die Pläne überarbeitet. "Wir wollten dem Fluss Platz geben, wo immer möglich", sagt der Bürgermeister. Zwar baute man seither je sechseinhalb Kilometer Deiche und Mauern zum Schutz der Stadt. Zugleich wurde aber ein Teil des ehemaligen Chemiewerks, das ohnehin nur noch eine Industriebrache war, abgerissen und der Deich verlegt. Acht Hektar Überflutungsfläche waren gewonnen. Unterhalb des Ortes wurden zudem Deiche geschlitzt, die Felder schützten. Die Mulde kann sich so auf zusätzlichen 100 Hektar ausbreiten und staut sich bei Hochwasser nicht in die Stadt zurück. "Der Hochwasserscheitel sinkt damit um 20 bis 30 Zentimeter", sagt Wacker. Als im Juni 2013 das nächste Rekordhochwasser durch das Muldental rollte, blieb die Stadt trocken.

Von Eilenburg lernen, hieße siegen lernen - das wissen nicht nur Umweltpolitiker, die Wacker inzwischen gern besuchen. Der Satz, wonach die Flüsse zum besseren Schutz vor Hochwasser mehr Platz zur Ausbreitung benötigen, wurde in den vergangenen Jahren in Deutschland so oft ausgesprochen, dass er fast zur Binsenweisheit verkommen ist. "Gebt den Flüssen mehr Raum" - das sagte Bundeskanzler Helmut Kohl, als 1997 die Oder etliche Deiche sprengte und das Oderbruch unter Wasser setzte, das die Preußenkönige einst in Ackerland hatten umwandeln lassen. Nachfolger Gerhard Schröder wiederholte den Satz, nachdem er im Sommer 2002 in Gummistiefeln durch verheerte Städte an Mulde und Elbe gestapft war und ihm das Ausmaß der Schäden dämmerte, die später nach unterschiedlichen Angaben auf neun bis zwölf Milliarden Euro beziffert wurden.

Von Angela Merkel ist der Satz nicht überliefert. Allerdings behauptete Umweltminister Peter Altmaier im Sommer 2013 ebenfalls: "Wir haben gelernt, dass man viel erreichen kann, wenn man den Flüssen mehr Raum gibt." Kurz zuvor hatte es im Juni an Donau und Elbe erneut ein Rekordhochwasser gegeben, nachdem in Deutschland sagenhafte 22,75 Billionen Liter Regen binnen vier Tagen niedergegangen waren. Die Flutwellen setzten Städte wie Passau und Pirna unter Wasser, gebrochene und überspülte Deiche ließen zudem an der Isarmündung, im Elbe-Saale-Winkel sowie in der Altmark ganze Landstriche in den Fluten versinken. In Sachsen-Anhalt standen acht Prozent der Ackerfläche wochenlang unter Wasser. Die Flut 2013 habe "in Ausdehnung und Gesamtstärke" das Hochwasser von 2002 übertroffen, hieß es im Bericht für das Bundeskabinett. Bund und Länder bezifferten die Schäden auf 6,669 Milliarden Euro. Außerdem kamen die Versicherungen für Schäden in Höhe von 1,8 Milliarden Euro auf.

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