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Wegwerfen fürs Wachstum

Geplanter Murks
vom 01.10.2012

Wegwerfen fürs Wachstum

Kaum ist die Garantie abgelaufen, gehen Computer, Waschmaschine oder Outdoorjacke kaputt. Zufall? Eher nicht: Viele Produkte sind so gebaut, dass sie nicht lange halten. Doch zunehmend regen sich Unmut und Widerstand.

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Die Diagnose ist ärgerlich, die Prognose betrüblich: Der Handmixer, den Stefan Schridde auf den Tisch legt, wird nicht mehr lange rühren. Zwar strotzt das stählerne Schneckenrad, das vom Motor getrieben wird, noch vor blitzendem Tatendrang. Doch übertragen wird die Kraft auf zwei blasse Zahnräder aus Kunststoff. Eine Weile werden sie die Rührwendeln noch am Laufen halten, dann sind ihre Zähne, die bereits jetzt sichtbar zerfasern, endgültig hinüber. Für das Handrührgerät heißt das: Totalausfall. Plötzlich und unerwartet, wird der Eigentümer dann wohl stöhnen - und ein neues Gerät zum Küchendienst verpflichten.

Auf Schriddes Arbeitstisch freilich zeigt sich, dass der Mixer weder plötzlich noch unerwartet den Geist aufgab. Hartes Metall auf weichem Kunststoff: „Das kann nicht lange gut gehen“, sagt der Betriebswirtschaftler. Er glaubt, dass dem Gerät schon auf dem Reißbrett ein kurzes Leben beschieden wurde. Es ist konstruiert als „Murks“ - so wie die Computer, Kaffeemühlen und anderen Haushaltgeräte, die sich in Schriddes kleiner Wohnung in Berlin stapeln. Sie wurden ihm zugeschickt, seit er im Internet das Portal „Murks? Nein danke!“ eingerichtet hat. Andere Geräte werden von ihren Besitzern auf der Internetseite in wortreichen Klagen beschrieben. Die ist binnen Kurzem zu einer Art Kummerkasten für genervte Konsumenten geworden.

Nicht nur dort klagen sie ihr Leid über Handys, die nach viel zu kurzer Zeit keinen Pieps mehr von sich geben, oder Waschmaschinen, die das Spülen einstellen. Viele haben das Gefühl, dass die Geräte nicht nur kürzer als erwartet halten, sondern ihren Geist auch kurz nach Ablauf der Garantie aufgeben. Auch die Beratungsstellen der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen kennen solche Beschwerden, sagt deren Chef Klaus Müller: „Wir erhalten immer wieder Hinweise auf vermeintliche Montagsgeräte“ - Geräte also, die angeblich ein in Gedanken noch beim Wochenendausflug weilender Monteur fehlerhaft zusammensetzte.

Schridde wischt das Wort vom Tisch: „Montagsgeräte gibt es nicht“, sagt er: In der modernen Massenfertigung mache es keinen Unterschied, an welchem Tag ein Gerät vom Band läuft. Das Beispiel des Rührgeräts zeige vielmehr, dass „Fehler“ bereits von den Entwicklern eingebaut werden - in diesem Fall durch die Wahl des Materials. Sie sorgt dafür, dass dem Gerät kein ewiges Leben beschieden ist. Faktisch handelt es sich um ein „geplantes Verfallsdatum“, eine „konstruktive Lösung, mit der sich die Lebensdauer des Produkts kontrollieren lässt“.

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