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Fracking

Fracking
vom 29.09.2016

Fracking

In deutschen Gasfördergebieten tritt mancherorts gehäuft Krebs auf. Bewohner sind beunruhigt, die Industrie sieht sich als unschuldig. Internationale Studien aber geben Anlass zur Sorge.

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Kühe und Pferde, bunte Gärten und saftige Weiden: Bellen ist ein idyllischer Flecken Erde. Unweit der niedersächsischen Kleinstadt Rotenburg an der Wümme, dort wo der dichte Staatsforst Trochel wieder in Mais- und Getreidefelder übergeht, stehen große Backsteinhäuser verstreut unter stolzen Eichen. Gestört wird der schöne Schein aber durch einige große, in schwarze Folie gepackte Ballen Stroh, die hinter dem Ortsschild an der Zufahrt zu einem etwas versteckten Betriebsgelände stehen. Auf diesem winden sich hinter dem Drahtzaun lange Rohrleitungen; manchmal brennt über dem Areal eine Gasfackel. Der Energiekonzern Exxon Mobil reinigt hier Erdgas, das er in der Region fördert. Wer zu der Anlage fährt, passiert die Strohballen. Darauf steht eine knappe Frage: „Krebs. Warum?“

Die Strohballen hat Andreas Rathjens aufgestellt. Der 62-Jährige ist Bauer und er hat sein Leben lang neben Bohrlöchern für Erdöl und Erdgas gelebt. Vor einigen Jahren ist er an Krebs erkrankt, an Non-Hodgkin-Lymphom (NHL), das das Lymphsystem befällt. 232 Tage Chemotherapie musste er über sich ergehen lassen, jetzt fährt er alle drei Monate zur Nachuntersuchung. Er hat eine Vermutung, was die Erkrankung bei ihm auslöste, „aber ich kann sie nicht beweisen“, sagt er. Also hat er sie an der Zufahrt zum Exxon-Mobil-Gelände als Frage formuliert: „Krebs. Warum?“

Es ist eine Frage, die auch in Grit Leymanns Kopf bohrt. Die Homöopathin zog im Jahr 2014 mit ihrer Familie in ein altes Haus im Forst Trochel. In der Zeit danach erfuhr sie von einem Fall von Krebs hier, einer Erkrankung dort. Leymann befragte alle Einwohner – mit einem erschütternden Befund. Von 53 Menschen waren zwölf an Krebs erkrankt, mehr als jeder fünfte. Vor 2005 gab es einen einzigen Fall, seither eine beunruhigende Häufung. Der Krebs trifft bei manchen den Darm, die Milz oder Leber, bei anderen das Lymphsystem. Betroffen sind Einheimische wie Zugezogene. „Krebs ist hier die häufigste Erkrankung überhaupt“, sagt Leymann, „und jeder, der in den letzten Jahren in Bellen gestorben ist, starb an Krebs.“

Bellen ist ein extremer Fall; eine Ausnahme ist es nicht. Im September 2014 veröffentlichte das Epidemiologische Krebsregister Niedersachsen (EKN) eine Auswertung zu Krebserkrankungen in der Samtgemeinde Bothel, die 8.100 Einwohner hat, und zu der auch Bellen gehört. Dort erkrankten überdurchschnittlich viele ältere Männer an Blutkrebs sowie am Non-Hodgkin-Lymphom. Von 2003 bis 2012 wurden 41 Fälle verzeichnet; zu erwarten gewesen wären etwa 21. Im Juni 2015 publizierte das EKN dann eine Auswertung für die Stadt Rotenburg. Dort erkrankten auffällig viele Männer im Alter über 60 an Leukämie und dem Multiplem Myelom, einem Krebs des Knochenmarks. Die Quote war um 31 Prozent erhöht. Auffälligkeiten bei den gleichen Arten von Krebs gibt es auch in Rodewald in der Samtgemeinde Steimbke (Kreis Nienburg). Zwischen 2005 und 2013 wurden 20 Erkrankungen registriert; 12,7 Fälle würden als normal gelten. Das EKN hält eine Untersuchung für notwendig – vor allem, weil auffällig viele Kinder betroffen sind.

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