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Die EU hat die Anwendung dreier Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln untersagt, die fatale Auswirkungen auf Bienen haben. Doch warum sind die Mittel überhaupt zugelassen worden?

Bienensterben
vom 28.06.2013

Die EU hat die Anwendung dreier Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln untersagt, die fatale Auswirkungen auf Bienen haben. Doch warum sind die Mittel überhaupt zugelassen worden?

Die EU hat die Anwendung dreier Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln untersagt, die fatale Auswirkungen auf Bienen haben. Doch warum sind die Mittel überhaupt zugelassen worden?

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Bienen lesen keine Beipackzettel. Den dort abgedruckten Hinweisen wäre zu entnehmen gewesen, wie gefährlich der feine Staub war, der sich Ende April 2008 auf Rapsfeldern und Obstbäumen im oberen Rheintal abgesetzt hatte. Er sei "sehr giftig für Wasserorganismen", heißt es. Bei Menschen könne er Durchfall und Erbrechen auslösen; Krämpfe und Koma seien nicht ausgeschlossen. Im Vergiftungsfall, wird gemahnt, sei "sofort ein Arzt" zu verständigen.

Die Bienen waren nicht gewarnt. Sie flogen auch auf Blüten, auf die sich der Staub gelegt hatte - mit bösen Folgen. Viele Imker in der Region zu Füßen des Schwarzwalds, die mit ihren Obstplantagen und Rapsfeldern, mit Tannenwald und Edelkastanien eigentlich zu den Bienenparadiesen in Deutschland zählt, fanden hilflos krabbelnde, sterbende oder tote Tiere vor den Einfluglöchern ihrer Bienenstöcke. Vor allem frühmorgens ähnelte der Anblick dem von Schlachtfeldern. Eine spätere Bilanz sprach von 12.174 geschädigten Bienenvölkern. Über 2.000 wurden zu mehr als zwei Dritteln vernichtet, weitere 7.000 zu über einem Drittel.

Der Schuldige waren rasch ausgemacht. "Die Symptome wiesen von Beginn an eindeutig auf eine Vergiftung hin", heißt es in einem Bericht, den das Agrarministerium Baden-Württemberg später vorlegte. Die für die Bienen fatale Substanz heißt Clothianidin und gehört zur Gruppe der Neonikotinoide, einer Gruppe synthetischer Nikotinverbindungen, die als Nervengift wirken. Ihr Zweck es ist, Insekten zu vernichten - freilich nicht Bienen. Im konkreten Fall gelangte Gift auf die Felder, um dem Maiswurzelbohrer Einhalt zu gebieten, einem aggressiven Schädling, der zunächst Ende der 90er-Jahre nach Südeuropa eingeschleppt wurde, sich etwa 2007 bis nach Deutschland ausgebreitet hatte und schlimme Schäden in Maiskulturen anrichtet - besonders wenn sie über Jahre auf den gleichen Feldern angebaut werden.

Weil freilich immer mehr Landwirte ungern beim Anbau der wirtschaftlich attraktiven Kultur pausieren wollten, griffen sie zum Gift. Das Saatgut wurde vor der Aussaat mit einem Präparat gebeizt, das Clothianidin enthält. Der Wirkstoff soll zunächst die Saat schützen und breitet sich später auch in allen Pflanzenteilen aus. Insekten sollen auf diese Weise möglichst wenig Schaden an Blätter und Blüten anrichten. Die derart geschützten Körner wurden von Saatmaschinen im Boden versenkt. Allerdings bliesen die Maschinen, die 2008 in der Rheinebene eingesetzt wurden, auch Staub in die Luft, der sich als Abrieb von den Maispillen gelöst hatte. Millionen Bienen bezahlten das mit dem Leben. Der Ministeriumsbericht sprach vom "bisher größten dokumentierten Vergiftungsfall in Deutschland".

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