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Atommüll

Atommüll
vom 26.07.2013

Atommüll

Nach 36 Jahren Streit und Straßenschlachten um Gorleben beginnt in Deutschland die Endlagersuche wieder bei null. Doch kann sie überhaupt einvernehmlich enden, wenn aus gutem Grund niemand den Atommüll in seiner Nähe haben will?

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Der Ausstieg aus der Atomkraft ist in Deutschland beschlossene Sache. Doch wohin mit dem strahlenden Erbe einer Technologie, die einst als Rettung vor allen künftigen Energieproblemen gepriesen wurde? Tatsache ist: Ein halbes Jahrhundert nach dem Einstieg in die kommerzielle Atomstromproduktion existiert auf der ganzen Welt noch kein einziges genehmigtes Endlager für den nuklearen Schrott. Gleichzeitig wächst aber der Müllberg täglich weiter. Allein in deutschen Atomkraftwerken sind bisher etwa 15.000 Tonnen hochradioaktive Schwermetalle in Form von abgebrannten Brennelementen angefallen. Weltweit haben sich inzwischen rund 330.000 Tonnen angesammelt, und jährlich kommen etwa 12.000 Tonnen dazu. Wenn nur ein winziger Bruchteil dieser Menge in die Umwelt gelangt, werden ganze Landstriche für Hunderttausende von Jahren unbewohnbar sein. Klar ist, dass das heikle Material nicht ewig in oberirdischen Hallen herumstehen kann. Doch trotz jahrzehntelanger Forschung verfügt noch kein Land über ein endgültiges technisches Konzept, um die strahlende Altlast praktisch auf ewig von der Biosphäre abzuschotten.

Die Atomtechnik gleicht einem Flugzeug, das gestartet ist, obwohl es noch keine sichere Landebahn gibt: Dieses Bild wird von Kritikerseite immer wieder angeführt, weil es so treffend den blinden Fortschrittsglauben zu Beginn des Atomzeitalters beschreibt. Dass es schon früh auch andere Stimmen gab, belegt ein fast sechzig Jahre altes Besprechungsprotokoll aus den Archiven des Bundeswirtschaftsministeriums. In dem Dokument vom Februar 1955 wird ein gewisser Unterabteilungsleiter Heesemann gegenüber seinen Vorgesetzten mit dem Hinweis zitiert: "Die unschädliche Abführung radioaktiver Abfallstoffe ist eine Aufgabe, die gelöst werden muss, bevor der Bau eines Reaktors in der dicht besiedelten Bundesrepublik vertreten werden kann." Offensichtlich hat niemand auf ihn gehört.

Die meisten Experten waren damals überzeugt, dass sich schon bald eine Lösung finden würde, um den Strahlenmüll irgendwie loszuwerden. Beispielsweise wurde in den USA die aus heutiger Sicht utopische Idee diskutiert, die brisante Fracht für immer ins Weltall zu befördern. Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. Es stellte sich aber heraus, dass pro Jahr etwa 2.000 Raketen starten müssten, um zumindest den tagtäglich anfallenden Müll in den Weltraum zu schießen. Das wäre nicht nur unbezahlbar, sondern auch mit unkalkulierbaren Risiken verbunden. Sollte ein einziger Start missglücken, wäre die Katastrophe da. Auch das Konzept, die Abfälle im vier Kilometer dicken Eisschild der Antarktis zu isolieren, wurde schnell wieder aufgegeben - unter anderem wegen der Unwägbarkeiten des Treibhauseffekts. Schließlich prüfte man sogar die Möglichkeit, den Atommüll unter dem Boden der Tiefsee zu deponieren. Doch das Vorhaben erwies sich als technisch zu anspruchsvoll.

Viel leichter war es dagegen, das Zeug einfach ins Meer zu kippen. Jahrzehntelang haben etliche Staaten ihre schwach- und mittelaktiven Abfälle klammheimlich in die Ozeane entsorgt. Über 100.000 Tonnen verseuchte Putzlappen, Arbeitskleidung, Baumaterialien oder Rückstände aus der Nuklearmedizin gingen auf diese Weise über Bord. Allein vor den Küsten Europas rosten etwa 250.000 Atommüllfässer im Salzwasser vor sich hin. Kritiker vermuten darunter auch so manchen Behälter mit hochradioaktivem Schrott. Es wird sich aber nie mehr klären lassen, welche Abfallsorten genau an welcher Stelle in der Tiefe lagern. Nach Protesten von Greenpeace wurden die Verklappungen Anfang der achtziger Jahre eingestellt und 1993 schließlich weltweit verboten. Doch die Atommüllentsorgung ins Meer ist noch lange nicht gestoppt. Bis heute werden ganz legal radioaktive Abwässer aus den Wiederaufarbeitungsanlagen in Frankreich und England direkt in den Ärmelkanal und in die Irische See gepumpt. Millionen Liter jeden Tag. Früher hatte man angenommen, dass sich die Radioaktivität in den Meeresgewässern bis an die Grenze der Nachweisbarkeit verdünnen würde und das Problem damit erledigt sei. Inzwischen weiß man, dass das ein Irrtum war. Denn die strahlenden Stoffe können sich zwar verteilen, aber sie verschwinden nicht. Das extrem giftige Plutonium beispielsweise besitzt eine Halbwertzeit von 24.000 Jahren. Die radioaktiven Teilchen geraten in die Nahrungskette, sammeln sich langfristig wieder in den Meeresorganismen an und landen in Fischen, Muscheln oder Schalentieren irgendwann doch auf unseren Tellern.

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