Startseite
Artenschutz

Artenschutz
vom 25.01.2017

Artenschutz

Anfangs beschäftigte sich der Artenschutz vor allem mit dem Überleben einzelner Tier- und Pflanzenarten. Doch längst hat man erkannt, dass es um viel mehr geht: um funktionierende Öko-Systeme, die das Leben der Menschen erst möglich machen.

87
Sie sind unsere engsten Verwandten im Tierreich. Wer den großen Menschenaffen zusieht, ob im Zoo, im Tierfilm oder in freier Wildbahn, ist fasziniert von den Ähnlichkeiten, von ihren Fähigkeiten und ihrem Sozialverhalten. Und trotzdem: Von den sieben Arten aus der Familie der Hominidae, der Menschenartigen, sind vier vom Aussterben bedroht – der Östliche und der Westliche Gorilla, der Borneo- und der Sumatra-Orang-Utan. Schimpansen und Bonobos, zwei weitere Arten, gelten als stark gefährdet. Nur die siebte Art der Primatenfamilie verbreitet und vermehrt sich prächtig: Es ist der Mensch selbst. „Wahrhaftig schmerzlich und besorgniserregend“ sei diese Entwicklung bei den Menschenaffen, findet die Generaldirektorin der Weltnaturschutzunion IUCN, Inger Andersen. Die IUCN erstellt und aktualisiert in Abständen die sogenannte Rote Liste. Hier wird eingeschätzt, wie gefährdet das Überleben einzelner Tier- und Pflanzenarten ist. Sie gilt als verlässliche und renommierte Quelle über den Zustand der Artenvielfalt auf der Erde. Die neueste Veröffentlichung vom Dezember 2016 zeigt: Gorilla, Orang-Utan, Schimpanse und Bonobo haben viele Leidensgenossen. Manchen, wie den Giraffen und auch den Menschenaffen, macht zu schaffen, dass ihre Lebensräume immer kleiner werden: Wälder müssen Palmöl- oder Sojaplantagen weichen, die wachsende Menschheit braucht immer mehr Platz und landwirtschaftliche Flächen. Andere, wie Nashörner, Elefanten oder Schuppentiere, werden von Wilderern dezimiert. Und auch der Klimawandel trägt zum Artenschwund bei, etwa bei den Korallenarten. Von den in der Roten Liste aufgeführten 85.604 Arten sind 24.307 vom Aussterben bedroht, stark gefährdet oder gefährdet und gelten damit als bedrohte Arten. Das ist mehr als ein Viertel.

Und doch ist das höchstens die halbe Wahrheit. Denn zum einen ist die Verteilung der in der Liste erfassten Arten nicht repräsentativ. Von den über 63.300 Tierarten sind allein über 11.100 Vögel, während die extrem artenreiche Gruppe der Insekten nur mit rund 6.000 Einträgen vertreten ist. Das hat schlicht und einfach damit zu tun, dass man über viele Spezies zu wenig weiß. Kein Wunder, schließlich ist noch nicht mal klar, wie viele Tier- und Pflanzenarten es überhaupt auf der Erde gibt. Die Schätzungen liegen zwischen fünf und 30 Millionen, manche sind auch noch höher. Als bekannt gelten derzeit rund 1,8 Millionen Arten. „Manche Arten verschwinden, bevor wir sie beschreiben können“, weiß Inger Andersen schon aus Erfahrung: 13 der im Dezember von der IUCN neu aufgenommenen 742 Vogelarten wurden sofort als „ausgestorben“ eingestuft.

Zum anderen geht es um mehr als um Artenschutz und Artenvielfalt. Es geht auch um die Wechselbeziehungen zwischen den Arten, die gefährdet sind. Und um riesige Probleme, die auf die Menschheit zukommen, wenn ganze Öko-Systeme nicht mehr funktionieren. Denn wir sind in vielen Bereichen von den Serviceleistungen der Natur abhängig: Pflanzen versorgen uns mit Sauerstoff und Energie, regulieren das Klima, dienen als Nahrung, Baumaterial und Heilmittel. Insekten sorgen für die Bestäubung der Pflanzen, ein komplexes Netzwerk aus Kleinstlebewesen und Mikroben kompostiert organischen Abfall, düngt die Erde, reinigt Flüsse und Gewässer.

Ob Magerwiesen oder Regenwald, Moore oder Savanne, Tiefsee oder Hochgebirge, überall haben sich ganz unterschiedliche Lebensgemeinschaften etabliert. Um diese große biologische und genetische Vielfalt zu erhalten, müssen nicht nur einzelne Arten, sondern ganze Öko-Systeme geschützt werden.

Inhaltsverzeichnis