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Abfall

Abfall
vom 28.09.2017

Abfall

Abfallvermeidung ist in Deutschland oberstes Gebot, so will es das Kreislaufwirtschaftsgesetz. Doch tatsächlich werden wir zugemüllt. Die Bürger sind genervt, die Umwelt leidet – während Industrie, Handel und Entsorger profitieren.

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Die Kundschaft von Berit Heller erkennt man an ihrer Ausrüstung – alle haben einen Einkaufskorb dabei mit leeren Schraubgläsern, Vorratsdosen und Leinenbeuteln. Wer hier in der Dresdner Neustadt einkauft, weiß: Es gibt nichts Vorverpacktes. Müsli, Käse, Quinoa oder Seife werden in die selbst mitgebrachten Gefäße gefüllt. Spontane Einkäufer können sich Mehrwegbehälter ausleihen.

Der „Lose“-Laden mit Tante-Emma-Charme versteht sich als Alternative zu Supermärkten, in denen der Verbraucher kaum noch die Wahl hat, verpackungslos einzukaufen. „Die Leute haben genug von herumfliegendem Müll und den allgegenwärtigen Kunststoffen. Viele fragen sich: Welche Welt wollen wir unseren Kindern hinterlassen?“, weiß Berit Heller. Vom Studenten bis zum Rentner reicht die stetig wachsende Klientel. „Und das ist nicht nur die Birkenstock-tragende Müslifraktion“, unterstreicht die Geschäftsgründerin. Vor zwei Jahren machte sich die ehemalige Mitarbeiterin eines internationalen Konzerns mit ihrem Unverpackt-Laden selbstständig. Damals war ihr Geschäft das vierte seiner Art in Deutschland. Inzwischen sind es 35 – Tendenz steigend.

Am Großteil der Deutschen geht dieser Trend allerdings bislang noch vorbei. Der durchschnittliche Bundesbürger produziert 614 Kilogramm Müll pro Jahr, so eine aktuelle Statistik der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Noch mehr Müll produzieren innerhalb Europas nur unsere Nachbarn Dänemark, Luxemburg und Schweiz. Bei Verpackungsabfällen sind wir Europameister: 220 Kilogramm sind es pro Kopf und Jahr. Laut Umweltbundesamt ist das Verpackungsaufkommen in Deutschland in nur 20 Jahren um 30 Prozent gestiegen.

Doch sollte der Müllberg nicht eigentlich schrumpfen? Schließlich haben wir ein Kreislaufwirtschaftsgesetz, das klare Vorgaben macht. Demnach steht das Vermeiden an erster Stelle, gefolgt von Wiederverwertung, Recycling, sonstiger Verwertung – in erster Linie energetisch – und der Beseitigung an letzter Stelle. Und sind wir Deutschen nicht stolz auf unseren vorbildlichen Umgang mit den Resten unserer Wohlstandsgesellschaft? So dürfen seit 2005 in Deutschland keine Siedlungsabfälle mehr deponiert werden, wenn sie nicht vorher durch Verbrennen oder mechanisch-biologische Behandlung unschädlich gemacht wurden. Davon profitiert vor allem der Klimaschutz: Laut Bundesumweltministerium wurden seit 1990 die Methanemissionen aus Deponien um 71 Prozent gemindert. Das Gas entsteht, wenn Müll verrottet. Es verstärkt die Erderwärmung 25-mal mehr als die gleiche Menge Kohlendioxid.

Die Mülltrennung scheint den Bundesbürgern seit der Einführung des dualen Systems zu Beginn der 1990er-Jahre in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Damals installierte die Wirtschaft ein neues Getrenntsammelsystem, weil die Politik die Hersteller in die Pflicht nahm und ihnen vorschrieb, Verpackungsmüll zu entsorgen. Dieser Produzentenverantwortung genügen Hersteller seitdem, indem sie Lizenzgebühren für Verpackungen bezahlen.

Der Verbraucher wirft die lizenzierten Verpackungen in die gelbe Tonne oder den gelben Sack. Der Verpackungsabfall wird von Privatunternehmen wie dem Dualen System Deutschland (DSD), Intersoh, Veolia, Landbell oder Belland-Vision abgeholt und geht dann an Sortier- und Verwertungsanlagen. Den Restmüll übernimmt die kommunale Müllentsorgung.

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