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Unter Generalverdacht

Weizen und Milch
vom 25.02.2016

Unter Generalverdacht

Milch und Weizen sind in Ungnade gefallen. Sie sollen Allergien, Unverträglichkeiten und andere Krankheiten hervorrufen. Doch sind diese Grundnahrungsmittel wirklich so heikel, wie behauptet wird?

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Die Bücherregale sind voll von Literatur, die Milch und Weizen madig macht. Über den Murks mit der Milch, berichtete schon der inzwischen verstorbene Arzt Max Otto Bruker. Wie ein Grundnahrungsmittel unsere Gesundheit ruiniert, erklärt die Ernährungswissenschaftlerin und Journalistin Alissa Hamilton, und die Juristin und Autorin Maria Rollinger rät: Milch besser nicht. Der US-amerikanische Arzt William Davis geht in Weizenwampe mit dem Brotgetreide ins Gericht, und der US-Autor David Perlmutter erklärt wie Brot „schleichend das Gehirn zerstört“.

Den Autoren ist gemein, dass sie Milch und Weizen rundum verdammen. „Hintergrund hierfür sind nicht neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur gesundheitlichen Wirkung dieser Lebensmittel, sondern individuelle Einschätzungen und Meinungen einzelner Personen“, warnt Professor Bernhard Watzl, Direktor des Max-Rubner-Instituts der Bundesforschungsanstalt für Ernährung, mit Blick auf die Milch. Über die heutigen Kommunikationswege, also Internet und Co., würden solche Behauptungen besonders leicht Verbreitung finden, so der Ernährungswissenschaftler auf einem Journalistenseminar der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Tatsache ist: Milch wird seit mehr als 8.000 Jahren getrunken. Die Mehrheit der Menschen kann sie gut vertragen und darf sie trinken. Es gibt aber auch Personen, die Probleme haben: Kinder und Erwachsene, die unter der sogenannten Laktoseintoleranz leiden. Ihnen fehlt im Darm das Enzym Laktase, das zur Aufspaltung des Milchzuckers in der Milch nötig ist. In den westlichen Nationen sind dies 15 bis 20 Prozent, so die Europäische Stiftung für Allergieforschung ECARF. Die Betroffenen bekommen etwa 30 Minuten nach dem Milchverzehr Durchfall, müssen erbrechen und ihr Bauch ist aufgebläht. Auch Kopfschmerzen und Hautausschläge treten auf.

Ein Test beim Arzt gibt Gewissheit, ob es sich um eine Laktoseintoleranz handelt. Ist dies der Fall, wird den Betroffenen geraten, Trinkmilch zu meiden. Doch sie erfahren auch, dass sie Joghurt, Kefir und Quark sowie Hartkäse versuchsweise probieren dürfen. Denn im Zuge der Reifung wird die Laktose darin zum Großteil abgebaut und ist somit bekömmlich.

Auch wer an einer Milcheiweißallergie leidet – bis zu 1,2 Prozent der Erwachsenen und bis zu sieben Prozent der Kinder sind betroffen –, darf keine Milch trinken. Das Immunsystem der Betroffenen beurteilt verschiedene Milcheiweiße als schädliche Eindringlinge und reagiert darauf. Bei Kindern verliert sich die Milcheiweißallergie oftmals mit zunehmendem Alter. Ist dies nicht der Fall, müssen sie auf Milch und Milchprodukte wie Joghurt, Käse und Quark, aber auch verarbeitete Lebensmittel mit Milchpulverzusatz, konsequent verzichten. Babys erhalten ein hypoallergenes Muttermilchersatzprodukt, sofern sie nicht gestillt werden können.

Jedoch lässt sich möglicherweise gerade mit Milch Allergien vorbeugen. „Mehrere Studien zeigen, dass der Verzehr von Rohmilch im ersten Lebensjahr das Allergie- und Asthmarisiko im Kindergartenalter verringert“, so die Auswertung verschiedener Milch-Allergie-Studien durch das Kompetenzzentrum für Ernährung (Kern) an der Bayerischen Landesanstalt für Ernährung. Rohmilch ist Milch, die nicht oder nicht höher als 40 Grad erwärmt wird. Darum hat sie einen höheren Gehalt an unveränderten Molkeneiweißen als vergleichsweise H-Milch, „Längerfrische“ Milch und pasteurisierte Milch. Gerade diese Molkeneiweiße bieten, nach allem was man heute weiß, Schutz vor Allergien. Sie leisten einen wichtigen Beitrag bei der Reifung der kindlichen Immunabwehr und können überschießende Reaktionen des Immunsystems verhindern.

Das bestätigen auch Studien. Im Rahmen der sogenannten GABRIELA-Studie mit 8.334 Kindern erkrankten diejenigen seltener an Allergien und Asthma, die im ersten Lebensjahr unerhitzte Kuhmilch statt einer Milch aus dem Supermarkt erhalten hatten. Dennoch wollen weder Studienautor Georg Loss noch das Berliner Robert-Koch-Institut für Kinder Rohmilch empfehlen. Denn sie birgt auch Risiken wie EHEC-Bakterien, Salmonellen und Listerien, die mit lebensbedrohlichen Infektionen einhergehen. Die Erreger werden erst durch das Erhitzen der Milch inaktiviert. Die Münchner Ernährungswissenschaftlerin und Allergieexpertin Dr. Imke Reese rät Eltern daher zu einem Kompromiss: Sie sollen dem Nachwuchs statt H-Milch oder längerfrischer Milch (auch XXL-Milch genannt) besser pasteurisierte Milch zu trinken geben bzw. für den Babybrei verwenden. Sie wird – anders als die anderen Sorten – nur wenige Sekunden auf etwa 70 Grad Celsius erhitzt. Molkeneiweiße leiden erst ab etwas höheren Temperaturen, schädliche Organismen hingegen werden inaktiviert.

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