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Backe, backe, suchen

Dr. Oetker
vom 28.12.2015

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Tiefkühlpizza, Backmischungen, Pudding, feine Torten, Müslis – mehr als 3.500 verschiedene Produkte produziert das deutsche Traditionsunternehmen Dr. Oetker. ÖKO-TEST-Mitarbeiterin Anne Jeschke war zu Besuch in Bielefeld und machte sich vor Ort ein Bild darüber, wie es der Konzern mit Produktqualität, Transparenz und sozialen Standards hält.

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In der Eingangshalle steht es: das Puddingwunder. Wie ein großer, gelber Cremeberg. Gästeführerin Nicola Stickling zeigt, wie es funktioniert: Der Besucher der „Dr. Oetker Welt“ in Bielefeld stellt eine Tasse hinein, ähnlich wie bei einem Kaffeeautomaten, und steckt den Löffel in die Vorrichtung. Dann Puddingpulver, Wasser, die schnellen Schläge des Rührlöffels – fertig ist das Dessert. 2005 hat das Traditionsunternehmen am Stammsitz eine Erlebniswelt eröffnet. Eine, die auf Emotionen setzt, in der Besucher die Marke „mit allen Sinnen“ erfahren sollen: in Themenräumen, sogar im begehbaren Pizzakarton. Oder in dem Raum, in dem auf Bildschirmen ein Kuchen entsteht und es nach frisch Gebackenem duftet. Im selben Gebäude arbeiten rund 70 der 1.650 Beschäftigten in Bielefeld: eine Etage höher etwa, wo Konditoren hinter Glas in der Versuchsküche an Rezepten tüfteln. „Wir wollten die Besucher nicht streng von der Arbeitswelt trennen. Sie sollen auch erleben, wie wir hier arbeiten“, sagt Nicola Stickling. Dr. Oetker präsentiert sich transparent. Doch ist das Unternehmen es auch?

Auf unsere Fragen, die wir in Zusammenhang mit unserem großen Test an die Firma stellten, bekamen wir in der Tat jede Menge Antworten. Allein Belege dafür, die gab es nicht. Werden in den Produkten Käfigeier verwendet? Wo stammt das verarbeitete Palmöl her? Ist es zertifiziert? Ist das Futter der Kühe, die die Milch für Dr. Oetker-Produkte liefern, frei von Gentechnik? Die Begründung für die Verschlossenheit seien „vertragliche Gründe“. Doch sichert ÖKO-TEST bei vergleichbaren Abfragen den Firmen stets Verschwiegenheit zu. Und viele Firmen geben uns daraufhin Einblick in ihre Lieferketten und Verträge, damit wir ihre Behauptungen überprüfen können. Nicht so Dr. Oetker. Das Unternehmen zieht sich vielmehr auf die Argumentation zurück, bestimmte Bereiche befänden sich nicht in ihrer direkten Verantwortung: Lieferanten ihres verarbeiteten Kakaos würden aber schriftlich bestätigten, dass sie auf ihren Plantagen auf Kinderarbeit verzichteten. Eine Überprüfung dieser Versicherung vor Ort oder die vertragliche Absicherung eines Mindestpreises für die Kakaobauern bleibt Dr. Oetker aber schuldig. Bereits im Dezember 2012 hat unser ÖKO-TEST Schokolade gezeigt, dass es Firmen gibt, die verantwortungsvoller mit diesen Aufgaben umgehen.

Lebensmittelskandale wie der Pferdefleischskandal 2013 brachten das Unternehmen, das seit 2010 von Richard Oetker geführt wird, dazu, sich in gewissem Umfang selbstkritisch zu geben: „Der Pferdefleischskandal hätte auch uns treffen können“, sagt Dr. Udo Spiegel, der Hauptabteilungsleiter Forschung und Entwicklung Tiefkühlkost, im Gespräch mit ÖKO-TEST. „Weil wir bei Betrug machtlos sind. Auf Fremdfleisch haben wir vor dem Skandal nicht kontrolliert.“ Doch er beeilt sich klarzustellen: „Dr.-Oetker-Produkte waren jedoch zu keinem Zeitpunkt vom Pferdefleischskandal betroffen.“

Und man gibt sich einsichtig: Verbrauchern die Komplexität der industriellen Nahrungsmittelherstellung deutlich zu machen, habe ein Stück weit mit einer „Ent-Romantisierung“ der „idyllischen Darstellung der Lebensmittelherstellung“ zutun, zitierte das Manager Magazin online Richard Oetker, eine Darstellung, „die auch wir durch unsere Werbung in den Köpfen der Verbraucher erzeugt haben“. Und nicht mehr tun? Im September 2011 hatte ÖKO-TEST noch bei den Neuen Produkten die Dr. Oetker-Backmischung Landgenuss Schoko Kirsch Kuchen getestet (Gesamturteil ausreichend), deren Verpackungsaufmachung in der Tat vor Idylle krachte. Inzwischen gibt man sich dezenter, wenngleich beispielsweise die Werbung für den Tiefkühlflammkuchen noch immer assoziiert, dass das Produkt Bistroqualität habe und man sich beim Genuss der Dr.-Oetker-Pizza-Fertigschnitte quasi als Gratisbeigabe in seine Begleitung verliebe.

Apropos Pizza: Isst man eine Dr. Oetker Ristorante Salamipizza, nimmt man laut Zutatenliste auf der Verpackung zu sich: Weizenmehl, passierte Tomaten, Käse (schnittfesten Mozzarella, Edamer), Salami (Schweinefleisch, Speck, Salz, Gewürze, Dextrose, Zwiebelpulver, Knoblauchpulver, Gewürzextrakte, Stabilisator (Natriumnitrit), Antioxidationsmittel (Extrakt aus Rosmarin), Rauch, Rapsöl, Backhefe, Zucker, Salz, Wasser, Olivenöl nativ extra, Basilikum, modifizierte Stärke, Oregano, Paprika, Pfeffer, aufgeschlossenes Pflanzeneiweiß, Maltodextrin und Karamell.

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